Können wir das schaffen?

Es ging wieder los und sofort war die Schule wieder der Mittelpunkt meines Lebens, mein zweites Wohnzimmer, meine Kolleginnen wie mein Ehemann (nur weniger sexy- sorry girls) und die Kinder meine…Kinder.

Das Wichtigste vorwegs: Tina ist nicht mehr in Timo, sondern in Leonard. Deshalb ist Timo jetzt sauer. Dabei war der ja eh in Tina und Joice. Karina ist jetzt aber neuerdings in Filip. Der auch in sie. Und Finn und Rana sind auch zusammen- das darf aber keiner wissen.

Außerdem fanden in unserem Klassenraum gestern staubige Bauarbeiten statt. Hab ich im Morgenkreis sofort bemerkt:

“Also, wenn euer Hals trocken wird, steht einfach auf und trinkt was!”

– “Ich hab ja ne Stauballergie.”

– “Ich habe Asthma.”

– “Mein Hals ist schon trocken. Hust hust hatschi.”

– “Mein Arm juckt.”

“Ähhh…sieht aus wie Windpocken.”

– “Neee, Windbeutel hatte ich schon in der Kita. Ich bin doch gegen meine neue Creme allergisch.”

“Also kommt das daher und nicht vom Staub?”

– “Ähhh ja, das hab ich schon ne Woche.”

(Notiz: Mal bei Eltern nachfragen.)

Unterricht *hust* lief dann bis auf *hust* wenige leidende Ausnahmen.

Wie schon Bob der Baumeister sagte: “Jo, wir schaffen das.”

*Bildquelle: https://www.synchronkartei.de/serie/14931

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Was kommt nach der Grundschule?

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Die Arbeit, die diese Frage mit sich bringt, habe ich ehrlich gesagt unterschätzt. Schon zum Ende der dritten Klasse ging es bei einigen Eltern langsam los, dass sie begannen mal vorsichtig nachzufragen, wie es schulisch um ihr Kind steht. Da an unsere Grundschule ein Gymnasium angeschlossen ist, ist uns als Schule natürlich daran gelegen, so viele Kinder wie möglich mit hoch zu nehmen. Aber nicht auf Biegen und Brechen. Meiner Meinung nach muss ein Gymnasialschüler mehr mitbringen, als nur “klug” zu sein. Bei uns sind da die Leistungsbereitschaft/Motivation, das Sozialverhalten, das Regelverhalten und der Lernstand des Kindes in die Einstufung eingeflossen. Und einige Eltern sind aus den Latschen gekippt- was ich nicht verstehe. Wenn wir seit Jahren regelmäßig Gespräche führen, in denen es darum geht, dass das Kind Aggressionsprobleme hat (und jaaaa, es hat sich verbessert, aber es ist immer noch frech wie Sau), kann ich es nicht ruhigen Gewissens auf ein Gymnasium schicken. Wenn ein Schüler bei jeder kleinen Kritik wütend aus der Klasse läuft, kann ich es nicht aufs Gymnasium schicken. Wieso überrascht das die Eltern plötzlich so? Haben sie die letzten sechs Zeugnisse nicht gelesen? Die Elternsprechtage verdrängt? Und: Die letztendliche Entscheidung liegt ja sowieso bei den Eltern und ich finde der Besuch einer Gesamtschule ist schon deshalb eine Überlegung wert, weil die Kinder ein Jahr mehr Zeit haben bis zum Abitur. Eltern: Bitte entspannt euch! Für eure Kinder. Es ist nicht das Ende der Welt und ein Großteil der Kinder wird trotzdem Abitur machen, wenn sie es wollen. Nur jetzt, zu diesem Zeitpunkt, sind noch nicht alle so weit. Ist doch kein Ding. Das kann noch werden….und wird sicher auch noch!

Nicht nur bei den Eltern, auch bei den Kindern war es das Thema im Herbst. Fragen wie: “Komm ich aufs Gymnasium?” und: “Heino, hast du´s geschafft?” waren an der Tagesordnung. Mehr als einmal haben wir besprochen, welche Bedingungen ein Kind erfüllen muss, damit es eine Gymnasialempfehlung bekommt. Dass es nicht bedeutet, dass wir das Kind für dumm halten, wenn es keine bekommt und dass man auch an einer Gesamtschule Abitur machen kann und sogar mehr Zeit dafür hat. Dass die Eltern das Kind trotzdem an einem Gymnasium anmelden können und viele Gymnasien -unseres auch nach Rücksprache mit den Lehrern- auch Kinder ohne Gymnasialempfehlung annehmen. Am Ende, so schien es, haben die Kinder die Empfehlungen besser verstanden und nachvollziehen können als viele Eltern.

Tatsächlich erreichten uns nach den Empfehlungsgesprächen Anfragen wie: “Ich habe ja das Gefühl, dass das Halbjahreszeugnis immer ein wenig schlechter geschrieben wird, damit zum Schuljahresende eine Verbesserung deutlich wird. Es wäre schön, wenn Sie bedenken, dass die Kinder sich ja mit dem kommenden Zeugnis für die weiterführenden Schulen bewerben müssen.” (Es wäre auch schön, wenn Ihre Tochter die Bedingungen erfüllt hätte, die wir gestellt haben, damit sie die Gym-Empfehlung bekommt. Das Potential ist da, aber…tja….).  Oder Anfragen wie: “Wir haben für Constantin jetzt eine andere Privatschule gefunden, eine gaaaaanz tolle Schule. Die nehmen aber wirklich nur Kinder, mit Gymnasialempfehlung. Das ist nicht zufällig irgendwie möglich?” -Nope, isses nich. Und Ihrem Sohn tun Sie auch keinen Gefallen damit ihn auf eine Eliteschule zu schicken, wo eine Unterrichtssprache Spanisch ist.

Insgesamt wollen und dürfen ein Großteil der Kinder bei uns bleiben. Manchmal wollen die Eltern das nicht. Manchmal ist der Schulweg weit. Manchmal möchte auch ein Kind wechseln. Wir versuchen nun die Kinder ein wenig auf die weiterführende Schule, welche auch immer, vorzubereiten. Die Kinder sollen auch mal -allerdings freiwillig- zu Hause arbeiten (offiziell gibt es an unserer Grundschule keine Hausaufgaben). Tests dürfen sich nicht mehr ewig und zwei Tage hinziehen (grundsätzlich stehen wir für ein druckfreies Lernen und finden 100% richtige Antworten immer super, egal ob das Kind 20 Minuten oder 1,5 Stunden gebraucht hat) und in Englisch werden erste Vokabeltests geschrieben, obwohl das für den Englischunterricht in der Grundschule nicht vorgesehen ist. Das alles soll, so unsere Idee, den Übergang aufs Gymnasium ein wenig erleichtern. Die Eltern sind dankbar und die Kinder freuen sich über die Hausaufgaben (“Das ist ja jetzt, wie bei richtigen Schulkindern.”).

Nun bin ich gespannt auf die tatsächlichen Anmeldezahlen für die 5. Klasse aus unserer Klasse. Aber mein Gefühl ist gut- zumal Frau Radieschen die Klasse vermutlich in der 5.Klasse weiterführt und das noch etwas ist, was dem Großteil der Eltern gefallen dürfte.

Vorsätze für’s neue Jahr

Die Zeit zwischen den Jahren liebe ich besonders. Der Stress ist vorbei und als Lehrer kann man sich die Zeit gut freihalten. Man kann das Jahr Revue passieren lassen- beruflich und privat. Ich finde es immer wichtig, einen positiven Blick auf die Dinge zu haben, hervorzuheben, was besonders gut lief und wo die eigenen Stärken liegen, besonders, wenn man mit einer riesigen Liste an Vorsätzen in das neue Jahr starten möchte. Aus psychologischen Gründen halte ich es für sinnvoll,  dass die Liste der Stärken die längere ist. Vorsätze, die man mehrfach nicht umgesetzt hat, braucht man auch nicht wieder fassen. Dazu gehören bei mir u.a. das ordentliche Führen des Kalenders sowie das stets zu Hause vorbereitete gesunde und reichhaltige Frühstück. Beides habe ich mir tausendmal vorgenommen- hat nie lange geklappt. Was soll´s? Da verwende ich meine Energie lieber auf andere Dinge, wie die folgenden:

Dinge, die in diesem Jahr (schon besser) geklappt haben:

Mehr lächeln: Zugegeben, es klappt nicht immer, aber immer häufiger betrete ich mit einem Lächeln den jeweiligen Klassenraum. Und ich merke tatsächlich einen positiven Effekt auf mich und die Kinder.

Weniger über Kleinigkeiten ärgern: Klappt. Immer besser zumindest. Ich ärgere mich noch oft- meist über Kollegen oder Eltern. Bei den Kindern gelingt es mir immer besser, sie zu nehmen, wie sie sind. Oder aus einer nervigen Situation einfach eine lustige zu machen. Wie neulich.

André, Maurice, Tim und Hugo wurden am Vortag wegen schlechten Benehmens  von der Kunstlehrerin an die Tafel geschrieben. Ich gehe die Kinder einzeln durch.

“André, warum stehst du dran?” – “Ich habe gequatscht.” -“Was nimmst du dir für´s nächste Mal vor?” – “Weniger quatschen!” (Schön gesagt, was ich hören möchte.)

“Maurice, und du?” -“Ich glaube, ich bin auf dem Stuhl durch die Klasse gerollt.” -“Wieso?” – “Hmmmm…ich wollte einen Stift von Konrad leihen…” -“Beim nächsten Mal benutzt du bitte deine Beine!” – “Okay, Frau K.”

“Tim? Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?” -“Nichts, ich mach´s beim nächsten Mal besser.” (Leeeeeeere Versprechungen bei allen Befragten!)

“Hugo…was ha…” (H. steht theatralisch auf.) “Ich möchte mich verteidigen!” (Ich erstaunt:) “Nur zu!” (H. zieht unsichtbares Schwert aus der Tasche:) “En garde!” (Ich überrascht, ziehe mein eigenes Schwert und zur Erheiterung aller Kinder liefern wir uns ein Gefecht mit unseren Luft-Schwertern, bis es zur Pause läutet)

Fokus auf das Positive legen: Ich bin den Schülern in diesem Schuljahr viel stärkenorientierter begegnet. Im Klassenrat haben wir eine “Lobrunde” eingeführt, den Tag beginnen und beenden wir positiv, meine Standardantwort auf “Das kann ich nicht!” ist: “Doch, das kannst du!”. Ich versuche für jedes Kind, mit dem ich meckere, eines zur Seite zu nehmen, dem ich erkläre, welchen Fortschritt ich bei ihm entdeckt habe- vorzugsweise bei den Schülern, mit denen ich in der Vergangenheit häufig gemeckert habe. In Elterngespräche zwinge ich Eltern und Schüler Positive Dinge zu nennen: Was kannst du/Ihr Kind gut? Wer ist dein bester Freund in der Schule? Was gefällt dir/Ihnen an unserer Schule/Klasse besonders gut? Das Klima in der Klasse hat sich deutlich verbessert, wir hören viel seltener, wie scheiße DIESE UND JA AUF JEDEN FALL NUR DIESE SCHULE ist.

Ich finde, damit habe ich schon drei Vorhaben super umgesetzt. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich diese Vorhaben nicht zwangsläufig am Ende des vergangenen Jahres entwickelt habe. Teilweise sind sie in einem Prozess entstanden. Dennoch nehme ich mir für das kommende Jahr Einiges vor. Dabei habe ich versucht möglichst allgemein zu bleiben. Denn im Sommer, wenn ich mit einer neuen ersten Klasse starte, kommen sicher noch neue Vorsätze hinzu.

Mehr Fachliteratur lesen: Ich bin ein Fan von Fachliteratur und bestelle mir ständig welche. Das hätte ich während des Studiums und des Refs nie gedacht. Dabei höre ich mich im ersten Semester noch ganz großkotzig prahlen: “Also, ich finde, es gehört zum Job, sich abends auch mal Fachliteratur statt GZSZ reinzuziehen.” Nur habe ich mir die erste Zeit nach dem Ref weder GZSZ, noch Fachliteratur reingezogen. Aber das hat sich im vergangen Jahr geändert- zumindest interessiere ich mich mehr für Literatur. Allerdings kann ich mich nur selten motivieren bzw. fehlt mir Abends die Kraft. Mir vorzunehmen, ab sofort jeden Abend `ne halbe Stunde zu lesen, macht keinen Sinn. Aber immer mal wieder, das geht. Dafür platziere ich das jeweils aktuelle Buch einfach geschickt: In der Küche (beim Kochen lesen), im Wohnzimmer (wenn der Mann spielt, kann ich lesen), auf’m Klo (ihr wisst schon!). Einen Stapel an Büchern, die in 2018 unbedingt begonnen (oder auch nur beendet) werden wollen:

Punished by Rewards von Alfie Kohn

Offener Unterricht heute von Diemut Kucharz und Thorsten Bohl (aus: Basisbibliothek für Lehrer)

Prüfen und bewerten im offenen Unterricht von Thorsten Bohl (aus: Basiswissen Referendariat)

Eltern häufiger anrufen: Ich glaube meine Elterngespräche-führen-Kompetenz, und das hat mir meine Kollegin Frau Radieschen auch schon öfter rückgemeldet, ist insgesamt ganz zufriedenstellend. Ich habe die Email-Kultur unserer Schule dankbar angenommen- Telefonate führe ich nur, wenn ich angerufen werde. Eine Kollegin von mir schwört hingegen auf Telefonate. Und ich sehe den Nutzen: es ist unmittelbarer, es zeugt von Interesse, Missverständnissen wird vorgebeugt und man kann dem Elternteil schneller den Wind aus den Segeln nehmen. Tschakka, Frau K., du schaffst das!

Mehr von den Materialien der Kollegen profitieren: Instagram, Facebook, Lehrerlogs usw. sind wahre Fundgruben wenn es um Unterrichtsmaterialien geht. Viel zu selten schaue ich gezielt im Internet nach, wenn ich etwas suche. Stattdessen bastle ich mir dann selbst etwas zusammen. Dabei muss ich das Rad doch nicht immer neu erfinden, wenn ich so viele großartige Kollegen habe. (Das Selbe gilt übrigens auch für die Kollegen innerhalb der Schule. Da sollte man dann nur aufpassen, dass da nicht einseitig profitiert wird- an dieser Stelle noch mal “Danke” an Frau Kowipowi für die super Materialien in der Kulturwoche. Du hast mir echt in letzter Sekunde den Allerwertesten gerettet. I owe you!!!!)

Unterrichtsideen schneller umsetzen: Obwohl ich wie gesagt selten gezielt nach etwas suche, stolpere ich doch hier und da über Schätze. Diese screenshotte ich dann- und vergesse sie. Das Selbe gilt für Ideen, die ich in Büchern lese (Toptip: Bewegtes Lernen! Englisch 1.-4. Klasse von Büngers und Rücker) oder Ideen, die wir in der wöchentlichen Teamsitzung austauschen. Dabei weiß doch spätestens seit dem Ref jeder: Methoden und Ideen, die man nicht unmittelbar ausprobiert, probiert man wahrscheinlich nie wieder aus.

Zwei Vorsätze habe ich auch noch für meine Rolle als Leitung:

Führungsposition stärken: Ich leite ja bereits seit 2,5 Jahren unseren Grundschulbereich- also seit einem halben Jahr nach dem zweiten Staatsexamen. Ich habe ältere Kollegen unter mir, ich habe erfahrene Kollegen unter mir und vor allem habe ich einige gleichalte und gleicherfahrene Kollegen unter mir. Mit einigen Kollegen verstehe ich mich auch privat gut, was erst dann ein Problem ist, wenn ich “ein ernstes Wörtchen” mit ihnen reden muss. Mit einigen habe ich privat nicht so viel am Hut, dennoch halte ich sie für ausgesprochen gute Lehrer sodass es mir manchmal doch schwer fällt, sie zu kritisieren, ohne dabei selbst in Entschuldigungen und Rechtfertigungen zu verfallen. Daran arbeite ich weiter. Und es wird langsam. Ich habe bereits und werde weiterhin etliche Fortbildungen dazu besuchen,  vom Konfliktmanagement über Moderation bis hin zu…was weiß ich. Viele Wochenenden gingen bereits dafür drauf. Aber bisher hat es sich gelohnt.

…und wie das mit den Vorsätzen so ist, habe ich bereits jetzt versagt. Die Liste der Vorhaben ist doch länger geworden, als die der Stärken. Halten wir mir einfach zu Gute, dass ich nicht alle meine Stärken aufgezählt habe. Und sowieso: Ich gehe das in diesem Jahr alles viel gelassener an. Halber Druck, doppelter Spaß. In diesem Sinne: Rutscht gut rüber und bleibt wie ihr seid. Nur einen Ticken besser!

Weihnachten: Die Zeit der Tränen

Im Dezember steht in Deutschlands Grundschulen alles im Zeichen der Adventszeit: Kekse backen, Theateraufführungen, Weihnachtsbasteln, singen, Adventskalender öffnen, aufgedrehte Kinder, chaotisches Zimmer- liebe Eltern, ihr wisst auch, wovon ich rede.

Dazu komme dann noch ich- meineszeichens ausgeprägte Heulsuse. Ich weine wirklich ständig: bei Streit mit dem Freund, bei nicht wirklich traurigen Filmen und ja, auch vor meiner Klasse habe ich schon das ein oder andere Mal geweint. Mal aus Hilflosigkeit, mal aus Wut, mal vor Rührung. Das fand ich auch wirklich nur beim ersten Mal schlimm. Jetzt denke ich: Die Kids haben eben einen echten Menschen vor sich- und ich denke, das spüren sie auch.

Nun in der Weihnachtszeit war ich ich irgendwie besonders sentimental. Meine Kleinen sind jetzt groß. Ich habe die Rabauken nach dem ersten Halbjahr der ersten Klasse als Englischlehrerin übernommen. Was habe ich gekämpft. Frisch aus dem Referendariat habe ich von den zwei Stunden in guten Wochen, 1,5 Schulstunden unterrichten können. Die Kids fanden mich wirklich blöd (das sag ich nur so, das haben sie mir mittlerweile gebeichtet). Als es auf die Sommerferien zuging dachte ich, würde ich die neue erste Klasse bekommen, aber nein, ich sollte Frau Blume in der zweiten Klasse unterstützen. Fand ich jetzt nicht wirklich geil, aber Frau Blume versicherte mir: “Wenn du mehr Stunden in der Klasse hast, wird es besser.” Wurde es aber erstmal nicht. Zwei neue Schüler: Einer mit Schulangst und einer, der nach der 1.Klasse wegen Aggressionsproblemen von der Schule flog, den aber alle Jungs am coolsten fanden. Ein weiterer Schüler, der erstmal gar keine Lust auf mich hatte, der regelmäßig aus der Klasse rannte und im Fachunterricht von uns im Büro einzelbetreut wurde, dem schloss sich unser Schulangsthase nur zu gerne an. Unterricht war schwer möglich, Fachlehrer verzweifelten total. Jedes Belohnungs- und Bestrafungssystem versagte. Einige Eltern sagten: “Wenn XY nicht die Schule verlässt, melden wir unser Kind ab.” Einige gingen tatsächlich, die Mehrheit blieb- der Streit und die Unruhe in der Klasse aus. Doch jedes Kind einzeln war toll und ich begann, die einzelnen Kinder zu verstehen.

Nach den Sommerferien zogen wir in einen 140m2 großen Klassenraum. Frau Blume war nicht mehr da, dafür Frau Radischen. Wir schufen unser Bestrafungssystem ab, versuchten Freiräume zu gewähren, viel Verständnis aufzubringen, den Eltern gegenüber transparent zu sein. Wir setzten den Fokus auf das Positive in der Klasse. Wir fragten im Morgenkreis nicht mehr “Why are you sad today?”, sondern nur nach “happy” und “excited”. Im Abschlusskreis durfte man nur noch sagen, was einem am Besten gefallen hat. “Gar nichts”, ließen wir nicht gelten, selbst wenn es nur das Frühstück war- irgendwas Positives mussten sie finden. Wir besorgten einen Sorgenfresser- die Kinder dürfen dort rote und grüne Sorgen reinstecken; die grünen dürfen wir Lehrer lesen, die roten werden ungelesen aufgefuttert. Außerdem begannen wir mit Lobkarten zu arbeiten. Weil die Kinder bemängelten, dass wir Lehrer zu selten daran dachten, beschloss die Klasse im Klassenrat, dass sie auch Lobkarten für andere Kinder beantragen dürfen. Unser Rowdie der zweiten Klassen war immer weniger aggressiv- das hat viele Elterngespräche inklusiver verletzter Gefühle auf beiden Seiten benötigt aber Letztenendes sind sie sehr dankbar und kommen mittlerweile ohne Bauchschmerzen in die Schule- oh, und ja, er wurde dieses Jahr zum Klassensprecher gewählt. Frau Radischen und ich haben wirklich schöne Momente in der Klasse. Es macht Spaß, oft ist es witzig. Es entwickelte sich eine positive Eigendynamik aus der Klasse heraus. Die Kinder sind toleranter, friedlicher, neugieriger, verliebter, Ausgrenzungen gibt es nicht (natürlich darf mal jemand nicht mitspielen, aber im Großen und Ganzen…). Die Kinder sind größer, schlauer, individueller. Sie sind fairer, verständnisvoller, erwachsener. Sie sind fast fertig mit der Grundschule.

Genau das wurde mir neulich bei der Generalprobe zur Weihnachtspräsentation klar. Eine komische Mischung aus Gefühlen brach über mir zusammen: Ärger über die Kollegen, die sich diese Probe zwar wünschten, mich aber teilweise damit allein ließen, technische Pannen, die mich stressten und eben meine Klasse, die zwar im Publikum nicht durchgehend leise war, aber bei der Aufführung: WOW! (Dazu muss gesagt sein, dass wir die Klasse nach dem 2.Schuljahr für das Fach “Tanz und Bewegung” geteilt haben, weil Unterricht mit der Gesamtgruppe einfach nicht möglich war. Nun stehen sie- als Gruppe gemeinsam mit einem neuen Tanz auf der Bühne. Ganz vorne: Rowdie-Jim und seine zwei Lieblingsgangmitglieder). Wie sollte es anders sein: Ich begann zu heulen und konnte einfach nicht mehr aufhören. Es kam einem Nervenzusammenbruch gleich. Der Schulangsthase (der übrigens schon lange keine Angst mehr hat und zu dem ich einfach eine ganz wundervolle, einzigartige Verbindung habe) kam sofort an, außerdem noch ein paar weitere Mädels und Jungs, um mich zu trösten. Das machte alles nur noch schlimmer. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Sie sind doch meine ersten. Gerade haben wir sie auf Kurs gebracht und nun sollen wir sie in die große weite Welt entlassen? Einige haben mir zum Glück versichert, dass wir uns ja weiterhin sehen- und ja, das Gymnasium hat seine Räume nur eine Etage unter meinem Klassenraum. Aber trotzdem: sie sind dann nicht mehr meine und ich muss ganz von vorn anfangen…nochmal durch alles durch und wenn sie dann endlich so sind, wie sie sein sollen, gebe ich sie wieder weg. Dabei ist doch genau das mein Job als GRUNDschullehrerin: GRUNDlagen legen, für das was kommt. Und vielleicht gewöhne ich mich ja irgendwann daran.

Eine nette Mama , die davon gehört hat, dass ich so traurig war, schrieb mir übrigens zwei Tage später in einer Email:

“…es ist wunderbar, dass unsere Kinder in Ihnen eine Lehrerin haben, die ein Herz für alle Kinder hat.

Einige Kinder zu mögen ist einfach, das kann jeder Lehrer. Bei anderen liegt das nicht so auf der Hand. Trotzdem haben Sie alle mitgenommen, angenommen und versucht ihre Stärken zu sehen und immer an einen guten Ausgang für die Gemeinschaft geglaubt. (…)

Ich hoffe, dass Sie diesen Weg weitergehen können und dass mein Sohn am Gymnasium ein Lehrerteam bekommt, dass diesen Weg fortsetzt.”

Diese Mama hat übrigens so ein Kind, dass es einem sehr einfach macht, es zu mögen und anzunehmen. umso schöner ist es doch zu wissen, und dass geht jetzt an alle Lehrer, dass es Eltern gibt, die sehen, was wir jeden Tag leisten und es schätzen.

Und weil ich vor Rührung schon wieder in Tränen aufgelöst bin, wünsche ich euch jetzt nur noch einen schönen letzten Weihnachtstag und ruhige Tage, bevor ihr euch vielleicht auch schon ans Zeugnisseschreiben macht.

…manchmal geschehen Wunder

Wie an jedem Tag sitze ich so in meinem Büro und arbeite vor mich hin… Habe ich den Vertretungsplan gebastelt? Habe ich Unterricht vorbereitet? Habe ich meine Mails gecheckt? Ich weiß es nicht… Jedenfalls klopft es irgendwann an der Bürotür, wie jeden Morgen. Lina mal wieder.

Lina: “Frau K. du musst hochkommen!”

Ich: “Ich bin beschäftigt.”

Lina: “Aber da oben ist Chaos. Die prügeln sich und alles ist außer Kontrolle.”

Mein Blick geht zur Uhr. 08:02Uhr- die Klasse sollte nicht alleine sein. Warum müssen die sich jetzt prügeln? Das sind so tolle Kinder. Es hat sich in den vergangenen anderthalb Schuljahren so eine tolle Klassengemeinschaft gebildet. Warum? Warum? Warum?

Ich: “Frau Mandarine sollte doch eigentlich oben sein….ist sie nicht da?”

Lina: “Doch, aber die hören nicht auf sie.”

Aber eine Lehrerin muss es doch hinbekommen, dass die Klasse ruhig ist. Ich schaffe es doch auch. Ist zwar anstrengend, aber machbar. Und jetzt zwei Etagen nach oben…I C H W I L L D A S N I C H T!!!!

Lina: “Komm schnell, gleich blutet noch einer. Marko hat schon geweint.”

Ich seufze, stehe auf und stampfe los. In meinem Kopf überlege ich mir eine Standpauke (schlimm eigentlich, dass ich sofort losmeckern möchte). “Sofort auseinander!”, “Immer müsst ihr…!”, “Nie könnt ihr…!”- sowas in der Art würde mir wohl rausrutschen. Ich weiß es vorher, würde es aber dennoch nicht aufhalten können.

Als ich auf den Gang komme, höre ich, wie ein Kind ruft: “Frau K. kommt!”, die Tür knallt zu. Klar, die wissen, dass es jetzt Ärger gibt. Prügelei- dafür haben die Kinder zu hart an sich gearbeitet. Mit einem Ruck öffne ich die Tür und sehe…nichts.

Das Licht geht an und alle sitzen im Sitzkreis- ruhig (übrigens in kürzester Zeit das zweite Mal). Dann beginnen sie “HaPpY BiRtHdAy” zu singen und mir den Inhalt ihrer Nikolausschuhe und Briefe zu überreichen.

Ja, Frau Radieschen und ich haben hart gearbeitet…und es ist eine tolle Klasse geworden!

Fruit in the class

Jops, in meiner 4.Klasse sind wirklich ein paar Früchtchen.

Als sie in der ersten Klasse waren, habe ich deren erste Englischlehrerin ersetzt. Zwei Stunden die Woche in einer Klasse, direkt nach dem Ref, in dem ich für Deutsch und Religion ausgebildet wurde…naja, man wächst mit seinen Aufgaben, dachte ich mir. Nun war die Klasse aber für mich alles andere als einfach. Und eine der beiden Stunden ging im Schnitt immer für Organisatorisches bzw. Disziplinarisches drauf.

Als ich dann vor den Sommerferien erfuhr, dass ich Frau Mohnkuchen in dieser Klasse fortan als Klassenlehrerin unterstützen sollte, freute ich mich. Denn: Ich würde ja dann nicht mehr “nur noch” die Englischlehrerin sein und mit mehr Stunden in der Klasse, würden sicher auch die Problemchen weniger werden. Und so war es- nach ca. einem halben Jahr war ich angekommen. Nur der Englischunterricht wollte immer noch nicht so wirklich rund laufen. Das wurmte mich wirklich, denn in der damaligen 1., 3. und 4. Klasse lief es doch auch. Alle motiviert, alle aktiv, nur in meiner Klasse: Große Passivität, müde Augen, leere Gesichter. Ich packte mein gesamtes Methodenrepertoir aus….nix.

Selbst zum Ende des letzten Jahres und auch letzte Woche noch, antworteten mir die Kinder konsequent auf Deutsch, wenn ich etwas fragte- während meine Erstklässler schon komplexe Zusammenhänge beschrieben, und glaubt mir, die Lehrer-Schüler-Beziehung ist ausgesprochen gut. Dann kam ein neuer Schüler, der nur Chinesisch und Englisch sprechen konnte. Was waren meine Kiddies groß darin, ihm auf Englisch zu erzählen, was er alles NICHT darf. “Wow- sie sprechen Englisch”, dachte ich und insgeheim wusste ich, dass sie es ein wenig auch meinetwegen können.

In diesem Jahr bekam meine Klasse eine neue TA (Teaching Assistant), die zum Glück Engländerin ist und nur Englisch spricht. Auch da: Plötzlich konnten die Kinder Englisch sprechen- bis sie bemerkten: Miss Marshmellow versteht auch Deutsch. Wieso dann anstrengen? Ich wollte aufgeben und habe mich auch ein bisschen geschämt, denn ich bin in diesem Jahr in Englisch doppelt besetzt (nimmt man die TA dazu sogar dreifach) und meine neue Kollegin hat sicher gedacht: Was ist das für eine Lehrerin? Die Kinder verstehen nix (wobei MIR da klar war, dass sie nur faul und bequem sind) und sagen nix. Wie sollen die es ans Gymnasium schaffen? Aber die große Stunde schlug:

Als also in der ersten Stunde, wie jeden Tag,  jeder Schüler einen Stein auf das Moodwheel legte und es zu der anstehenden Besprechung kam, geschah folgendes:

Lara: “Timothy, why are you happy today?”

Timothy: “I am happy today because weil ich nachher mit Toni verabredet bin.”

Ich: “In English, please!”

Timothy: “Wieso muss ich das auf Englisch sagen und alle anderen dürfen auf Deutsch?”

Anderer Lehrer: “Because you speak English at home and your English is perfect and you are the best role model for your classmates when it comes to English.”

Moritz (Timothys bester Freund): “Das ist wirklich unfair. Ich würd´s nicht machen, Timmy.”

Ich: “Okay, so everybody says it in English from now on. Good idea, Moritz, thanks.”

Und das haben sie getan:

Alice: “I am happy today wheieeeel I maybe become a cat on Christmas.”

Genna: “I am happy because wheieeeel us dog, was heißt klettern, climbed my leg up.”

Kevin: “I am excited wheieeeeeel at Friday I open the door from my Adventskalender.”

Nicht so schlecht für Kinder, die vorgeben, kein Englisch zu können, oder? Und wir wissen: Die Vokabel “because” muss ganz dringend eingeführt werden.

Lehrer an einer Privatschule- Ein subjektiver Bericht

Häufig, wenn ehemalige Kommilitonen erfahren, dass ich an einer Privatschule arbeite, nehme ich ein Nasenrümpfen wahr. Ich werde dann oft gefragt ob ich keine andere Stelle bekommen habe und ob ich denn dann gar nicht verbeamtet bin. Außerdem gibt es Vorurteile wie: “Ohhh, dann kennst du unsere ganzen Probleme mit der Heterogenität ja gar nicht” oder alle Privatschulen werden in einen Topf geworfen- “so Waldorf-mäßig”.

Zum einen: Ich bin ziemlich sicher, dass ich mit meiner Abschlussnote auch eine andere Stelle bekommen hätte. Nur habe ich mich gar nicht weiter beworben, als ich die Zusage für meine jetzige Stelle hatte. Zum anderen: Nein, ich bin nicht verbeamtet und im Moment habe ich auch nicht das Bedürfnis. Ich sehe für mich da keinen Grund drin: Nach 1,5 Jahren wurde mein Arbeitsvertrag entfristet und mein Job ist damit nahezu genauso sicher, wie der eines Beamten- zumindest solange ich meine Arbeit gut mache. Außerdem bin ich noch nicht einmal 30, sollte mir jemals die Sicherheit einer Verbeamtung fehlen (welche Sicherheit eigentlich?), kann ich immer noch ins staatliche System wechseln. Viele Privatschulen, besonders in Süddeutschland, bieten aber eine beamtenähnliche Versorgung an. D.h. der Rentenanspruch ist bei einer bestimmten Einzahldauer nahezu genau so hoch, wie der von Beamten. Diese Lehrer können sich auch von der gesetzlichen Krankenversicherungspflicht befreien lassen und sich privat versichern- hier besteht also schon einmal kein Nachteil. Im Gegenteil dazu gibt es viele Vorteile: Ich bin viel flexibler und nicht darauf angewiesen, dass Versetzungsanträge durchgehen. Wenn ich möchte, kann ich auch problemlos das Bundesland wechseln, ohne einen Status einzubüßen. Ich bin mittlerweile, nach zahlreichen Fortbildungen, sogar der Meinung, dass eine lange Arbeitsdauer im staatlichen System frustiert. Auf jeder Fortbildung treffe ich LehrerInnen, die meckern: Hier fehlt uns dies, hier das, da sind uns die Hände gebunden. Genauso sieht es bei Fortbildungen für Führungskräfte aus und bei Schulleitertagungen: “Wir würden ja gerne, wir können ja nicht…” oder “Veränderung bedeutet bürokratischen Aufwand…” und so weiter. Von Freiheit keine Spur. Ich hingegen wurde nach einem halben Jahr Beschäftigung an meiner Schule in eine Leitungsposition befördert- juhuu. Ganz unbürokratisch und schnell. Wenn ein Kollege  einen Vorschlag hat antworte ich: Super, aber dann bist DU in der Verantwortung. Und schon setzen wir eine tolle Idee um (okay, manchmal erkennen wir auch, die Idee war nicht so toll). Ein weiterer Vorteil: die Lehrer die bei uns arbeiten, wollen bei uns arbeiten. Sie brennen für diese Schule und ihr Konzept- drei Kollegen haben sich sogar entbeamten (ist das ein Wort?) lassen, um bei uns zu arbeiten.

Und zu den Vorurteilen: Ich weiß, was Heterogenität ist. Sehr gut. Denn wir bekommen regelmäßig Schüler, die es im staatlichen System nicht geschafft haben. Allein in meiner 4. Klasse sind im Laufe von drei Jahren neun Kinder dazugekommen- ohne, dass es aufgrund eines Umzugs nötig war. Zwei Drittel davon wechselten mit Schul- bzw. Fachangst (ja, Angst vor Mathe ist ein Ding bei Kindern) die Schule. Mehrere wurden von den Lehrern als “auffällig” beschrieben, waren aggressiv oder in der alten Schule “immer an allem Schuld”; zwei davon wurden von der Mathelehrerin immer angeschriehen, sodass sie komplett blockiert haben. Ich weiß, so ist es nicht an allen staatlichen Schulen. Ich möchte nur sagen: Meine Schule macht keinen Aufnahmetest, wir haben nicht nur priviligierte Kinder- manche Eltern sparen sich das Schulgeld mühsam zusammen und sind wirklich, wirklich dankbar für die Chance, den Kindern eine glückliche Schullaufbahn zu schenken. Ich kenne also Heterogenität.

Der einzige Nachteil, den ich tatsächlich sehe ist: die Eltern. Die einen sind wahrscheinlich noch mehr Helikopter, als andere (sie zahlen ja).  “Mein Kind wurde geschlagen, die Schule hat ein Gewaltproblem! Ich gebe mein Kind extra auf eine Privatschule, damit das nicht passiert.” – Nein, die Schule hat kein Gewaltproblem. Dein Kind hat dem Sitznachbarn mehrfach den Stift geklaut und nicht auf “Stopp” gehört, irgendwann hat Peter zugehauen. “Mein Kind kann sich noch gar nicht auf Englisch mit mir unterhalten. Dabei hatte es doch jetzt ein Jahr Englisch und sie sagen doch, Englisch liegt bei Ihnen im Fokus.” – Ja, am Ende der ersten Klasse kann ihr Kind sich mit Ihnen über seine Lieblingsfarbe und sein -tier unterhalten, nicht aber über die chemische Zusammensetzung von Kartoffelbrei, unser Fehler, wir arbeiten dran. Versprochen! “Mein Kind ist schon zweimal die Treppe runtergefallen. Sie sollten einen Fahrstuhl einbauen!” Ja, oder Sie bringen Ihrem Kind bei, sich die Schuhe zu binden…denn nur weil sie zahlen, sind Sie nicht von jeglicher Erziehungsarbeit befreit. Da sehen wir manchmal Kindesverwahrlosung auf ganz hohem Niveau (das Kind hat alles, außer Liebe).

Ich bin gerne an einer Privatschule. Ich bin gerne mit Ende 20 in einer Leitungsposition. Ich gehe wirklich an 93 von 100 Tagen gerne zur Arbeit (an den anderen bin ich unausgeschlafen oder kränklich). Und für mich persönlich gibt es gerade keinen Nachteil darin, nicht verbeamtet zu sein. Im Gegenteil: Ich bin frei.

 

Frühlingsgefühle im Herbst

Nachdem meine Viertis sich in der 3.Klasse noch weigerten einen Brief mit “Liebe Grüße” zu beenden (“Ihhhhh, Liebe! Frau K., du kannst nun wirklich nicht erwarten, dass wir so was ekliges schreiben. Du kannst uns nicht zwingen…”), liegt plötzlich Liebe in der Luft.

Schon in der 3. Klasse hat Marie-Lena mir erzählt, dass sie in Kim ist. Kim war aber schon immer mehr an Fußball interessiert. Nun plötzlich erzählt mir Sascha, dass er in Marie-Lena ist. Er hat es ihr sogar gebeichtet. Und dann mir. Fand ich mutig. Ich habe ihn natürlich sofort gefragt,  ob sie auch in ihn ist. Aber leider war sie da noch immer in Kim (“Frau K., das weißt du doch.”) Sascha war zwar traurig, ging mit seiner unerwiderten Liebe aber sehr souverän um (“Ach, spiel ich halt mit Tessa.”- die ist übrigens in Tom.)

Am Montag begann ich meinen Unterricht wie immer im Sitzkreis. Mir gegenüber saßen Marie-Lena und Sascha- Arm in Arm. Ich wunderte mich zwar, aber da meine Klasse eh eine Kuschel-Klasse ist, hab ich darüber dann erstmal hinweggesehen. Aber…ich, meineszeichens Meisterspürnase und Lieblingslehrerin, habe beim Mittagessen meine Chance gewittert und setzte mich neben Marie-Lena und praktischerweise saß neben ihr auch gleich Sascha. Das Interview konnte beginnen:

Marie-Lena: “Frau K., ich mag es immer so, wenn du bei mir am Tisch sitzt, dann gibt es immer so tolle Gespräche.”

Ich: “Apropos Gespräche, ich hab da mal ´ne Frage. Du und Sascha? Seid ihr jetzt so ein richtiges Pärchen? Ich dachte, du bist in Kim.”

Marie-Lena: “Pssst, Frau K., nicht so laut. Ich war in Kim, aber jetzt nicht mehr. Oh mann, jetzt werd ich schon wieder rot, Frau K..”

Als sie das sagte, vergrub sie ihren Kopf unter ihren Armen, wo ihr Saschas Kopf Gesellschaft leistete.

Ich: “Oh, ihr seid SO SÜß! Oh, sorry, das wollte ich nicht so laut schreien.”

Marie-Lena: “Nicht so schlimm, das wissen eh alle.”

Cassandra: “Und weißt du was, Frau K.. Niemand lacht. Sascha hat Marie-Lena sogar einen Kuss gegeben und alle haben es gesehen. Wir sind jetzt viel erwachsener als letztes Jahr.”

Teachers of Instagram

Ich habe mir wirklich lange Gedanken darüber gemacht, ob ich darüber schreiben soll oder nicht: Die Instagram-Lehrer. Und ich möchte gleich vorab klar stellen: ich möchte niemandem zu Nahe treten und schon gar nicht jemandem, den ich nicht mal persönlich kenne. Aber ich habe mir nun über einen längeren Zeitraum eine Meinung gebildet zu den immer glücklichen, immer arbeitenden, ständig für die Schüler (und Kollegen!!!!) bastelnden Kolleginnen, die ihre gesamte Freizeit damit zu verbringen scheinen, Materialien zu suchen, umzuändern, zu erstellen und das alles in sozialen Netzwerken darzustellen- im rechten Licht natürlich, mit Filter drüber. Es soll ja perfekt sein.

Am Anfang war mir gar nicht so bewusst, dass die Kategorie “Lehrer” bei Instagram genauso geheuchelt ist, wie die Kategorie “Fitness” oder “Blogger”, denn, seien wir mal ehrlich: Auch ich profitiere mitunter von dem Bastelwahn und der scheinbar unendlichen Freizeit meiner Kolleginnen und bin auch über alle Maßen dankbar dafür, wenn ich weiß, dass die nächste Idee für den Kunstunterricht nur ein paar Klicks entfernt lauert. Auch das tolle Zaubereinmaleins einer tollen Kollegin ist Gold wert und ich finde es toll, wenn kreative Menschen ihre Ergebnisse teilen und bin dann auch gerne bereit, dafür einen Beitrag zu zahlen.

Was ich allerdings schwierig finde, ist die Flut an ähnlichen Materialien, bunten Bildchen und allerhand überflüssiger Materialien. Auch findet sich auf den Insta-Profilen vieler Lehrer mittlerweile, so scheint es mir, nur allzu viel Werbung (hier ein Testpaket eines Klebestoffherstellers, da eines von einem Verlag). Es ist toll, wenn ihr Angebote teilt und uns alle aufmerksam macht unter dem Motto: “Übrigens, Kollegen, wenn man bei xxx freundlich nachfragt, schicken die einem Testprodukte zu.” Danke. Ist hilfreich. Werbung dafür allerdings, sollte als solche gekennzeichnet werden.

Und überhaupt: Irgendwie scheint meine (also die jüngere *hust hust*) Generation unserer Berufsgruppe wie alle anderen das dringende Bedürfnis haben, sich mit anderen zu messen. Woher kommt das? Daher, dass wir im Referendariat gelernt haben, dass eine gute Unterrichtsstunde beladen sein muss mit Zauberhut und Konfettikanone? Dadurch, dass wir die Schüler nicht mehr miteinander vergleichen dürfen? Daher, dass wir- auch wenn es nicht so sein sollte- dank VERA, Kermit und wie die Vergleichsarbeiten alle heißen, doch irgendwie mit verantwortlich gemacht werden für die Ergebnisse? Versuchen wir uns selbst hinwegzutäuschen, über katastrophale Unterrichtsstunden, über Schüler, die einfach nicht hören wollen und Eltern, die beratungsresistent sind? Brauchen wir das, um uns und allen anderen zu beweisen: Hey guck mal, ich bin fleißig, ich arbeite viel, ich habe mir die 13 Wochen Ferien im Jahr verdient (und sowieso: Von den 13 Ferienwochen arbeite ich ja 10 und habe somit viel weniger Urlaub, als alle anderen Berufsgruppen)?!

Diese Vergleichshysterie fiel mir erst wirklich auf, als vor einigen Monaten Kolleginnen von mir auf Instagram eine Challenge ins Leben gerufen haben, auf der alle Lehrerinnen, die wollten, an jedem Tag zu einem bestimmten Hashtag etwas posten konnten. Die Bandbreite war riesig: Vom ersten Schultag über die Schultasche, den Schreibtisch, Ämterplan bis zum Outfit war so gut wie alles vertreten, was das Lehrerherz höher schlagen lässt. Und ich habe mitgemacht, mir überlegt, was ich am nächsten Tag posten könne und bei jedem zweiten Bild blieb das Gefühl zurück, es nicht drauf zu haben. Meine Bilder waren unkreativer, meine “Higlights im Klassenzimmer” waren zu Mainstream, meine Rituale zu “normal” und meine Lieblingskreide zu weiß. Zudem wurde nie auch nur eines meiner Bilder von den Initiatorinnen der Challenge zu den “Best of”´s berufen. Ich begann an mir zu zweifeln und aus lauter Frust gab ich es auf, weiter Teil dieser Challenge zu sein. Zurück blieb ich mit meinen drei neuen Followern und der Erkenntnis: Wie alles bei Instagram gilt auch bei Lehrern “Alles ist mehr Schein als sein.”

Allen Kolleginnen und Kollegen, die jetzt das Referendariat beendet haben und erstmals als “richtige Lehrer” starten: Deine Pinguin-Klasse juckt es nicht, ob auf jedem Materialteildingsbums ein Pinguin drauf ist. Die Wochenpläne müssen nicht mit bunter Farbe gedruckt sein (ein Drittel der Kids verbummelt, zerschnippelt oder zerknüllt die eh). Die Eltern ändern ihr Verhalten nicht, weil das Gesprächsprotokoll für Elterngespräche auf nach Rosenwasser duftendem Briefpapier gedruckt ist. Deine Kollegen brauchen keine individuellen Geburtstagsgeschenkekörbchen- kauf ´ne Flasche Bio-Wein im Drogeriemarkt! Klar, du kannst deine Freizeit für den Job opfern. Du kannst die Lehrerin mit den meisten Likes auf Instagram sein. Du kannst deinen Job nach außen hin lieben. Aber das alles macht dich nicht zu einer guten Lehrerin. Das macht dich nicht mal zu einer glaubwürdigen Lehrerin- eher im Gegenteil.

Das Lehrerleben ist nicht nur Singen, Klatschen und Kuchenbacken. Es ist anstrengend, es ist nervenaufreibend, es lustig, es ist abwechslungsreich, es ist spannend. Aber es ist nicht perfekt. Also tu´nicht so! Hab Freizeit und keinen Burnout!

 

#fürmehrrealitätiminternet

 

Schülerfeedback

Das Schuljahr nähert sich dem Ende und bald gibt es für die Kinder Zeugnisse. Daher wollten Frau Radieschen und ich auch von unseren Kindern wissen, welches Zeugnis sie uns ausstellen.

Schülerfeedback ist wichtig, un das eigene Verhalten zu überprüfen, den Unterricht zu verbessern und den Kindern in einer demokratischen Gesellschaft das Recht einzuräumen, sich nicht einfach mit ihren Lehrern zufriedengeben zu müssen ohne ihre Wünsche und Bedürfnisse mitteilen zu dürfen. Das setzt voraus, dass die Lehrer das Feedback ernst nehmen. Das tun wir.

Um die Schüler erst einmal an eine Evaluation heranzuführen, haben wir uns auf vier Hauptfächer beschränkt und auf sechs Bewertungskriterien geeinigt*, die für die Drittklässler verständlich sind. Bewerten sollten die Schüler anhand von Smileys, die sie von Tests und ihren Zeugnissen kennen. Außerdem hatten sie die Möglichkeit uns zu schreiben, was ihnen besonders gut gefällt und was der Lehrer verbessern kann. Ob sie ihren Namen raufschreiben wollten oder nicht, durften die Kiddies sich aussuchen. Den Kindern hat es großen Spaß gemacht und manchmal war es anscheinend gar nicht so einfach.

“Ich kam mir vor wir ein Lehrer-Lehrer. Manchmal konnte ich mich gar nicht zwischen zwei Smileys entscheiden.”

“Bei mir hängt das auch manchmal von meiner Laune ab, ob ich Lust auf Mathe hab. Ich habe Angst, dass du dann traurig oder sauer bist, wenn ich nicht den besten Smiley ankreuze.”

“Ich mag Deutsch einfach nicht, das liegt aber nicht am Lehrer. Das habe ich dann dazu geschrieben.”

“Ich finde, das einzige, was du verbessern musst, ist, dass Tarik nicht so viel stört.”

Tatsächlich werden die vier großen Fächer in unserer Klasse von vier verschiedenen Lehrern unterrichtet und ich hoffe, dass die anderen Lehrer das Feedback ernstnehmen, aber Tipps wie mehr Filme gucken nicht. Deutlich wurde auch: Wenn die Schüler-Lehrer-Beziehung insgesamt stimmt, die Schüler sich geschätzt und ernstgenommen fühlen, ist auch das Feedback besser. Ehrlich, Leute, wir haben viel gekämpft dieses Schuljahr und die Klasse ist wahrlich nicht immer einfach, aber dieses viele Lob und die wenige Kritik sind alle Anstrengung wert. 
*Quelle: Die Bewertungskriterien habe ich auf dem Instagram-Account von @grundschullehrer_pete gefunden.