Klassenzimmergespräche

Ich liebe meinen Sitzkreis. Gespräche finde ich super wichtig. Die Kinder lernen so viel dabei. Man selbst auch. Ich mache aus allem ein Gesprächsanlass. Aber das konnte ich nicht immer. Früher hatte ich Angst, dass es mir Lernzeit klaut, aber wisst ihr was: Es ist Lernzeit. Und wahrscheinlich mit die wichtigste am Tag.

Tägliche Gesprächsrunden sind:

– tagesrelevante Informationen: Wir gucken vor dem Unterricht von 07:45-08:00Uhr immer die Kindernachrichten vom Vortag und besprechen diese auch. Die Kinder können ihr Hintergrundwissen einbringen, letzte Woche konnten die muslimischen Kinder etwas zum Ramadan erzählen und die Kinder können Fragen stellen. (Außerdem hat es auch noch den Vorteil, dass die Kinder etwas ruhiger sind, nicht durch die Klasse toben und dementsprechend auch der Morgenkreis pünktlich beginnen kann.)

-Morgenkreis: Im Morgenkreis legen die Kinder immer einen Stein aufs “Mood Wheel” und äußern ihr Befinden auf Englisch, z.B. “I am disappointed today.” Die Kinder, die rechts und links von mir sitzen dürfen dann jeweils vier Kinder fragen: “Why are you …today?”, und diese antworten wiederrum- mittlerweile auf Englisch, zu Anfang aber auf Deutsch. So erfährt man, was die Kinder erlebt oder vorhaben und etwas über ihr Leben außerhalb der Schule.

-Stundenreflektion: Nicht täglich aber regelmäßig reflektiere ich mit den Kindern ihr Lern- und Arbeitsverhalten. Meist zunächst mit der Daumenprobe. Die Kinder lernen schnell, einander ehrlich zu reflektieren, einander (und sich selbst) Tipps zu geben und sich Ziele zu setzen.

-Abschlusskreis: Am Ende der letzten Stunde machen wir einen Abschlusskreis. Der kann rückblickend sein (“Was habe ich heute gelernt?”, “Was hat mir heute am besten gefallen?”) oder in die Zukunft gerichtet sein (“Was nehme ich mir für morgen vor?” “Worauf freue ich mich heute Nachmittag?”…). Dabei ist mir wichtig, dass es ein positiver Abschluss ist.

Aber nicht nur diese Gespräche gibt es. Auch andere Anlässe nutze ich:

-Quatschen zwischendurch: Ja, ich lenk meine Schüler manchmal ab, indem ich mich mit ihnen unterhalte. Mit Absicht. Klar, kommt das auf den Schüler an, aber grundsätzlich halte ich das aus mehreren Gründen für sinnvoll: Man vertieft die Lehrer-Schüler-Beziehung, man erfährt etwas über den Schüler oder dessen Stimmung (s.a. “Morgenkreis”) und man gönnt ihm eine Pause. Häufig setze ich die Gespräche auch bewusst bei Kindern ein, bei denen ich merke, dass sie eine Pause benötigen. Danach kann man geschickt das Gespräch wieder zum Thema lenken und das Kind kann weiterarbeiten.

-Konfliktgespräche: Da sprech ich gar nicht mehr so viel. Ich frage nur: “Was möchtest du …. sagen?”, “Was wünschst du dir von …?” “Verstehst du das? /Kannst du das umsetzen?” “Brauchst du noch etwas, damit es für dich geklärt ist?”

-“Mecker-Gespräche”: Ich rufe die Kids häufig in den Pausen zu mir, wenn sie etwas ausgefressen haben. Dann besprechen wir meist das Verhalten, reflektieren es und setzen uns Ziele.

-Entschuldigungs-Gespräche: Mir rutschen im Stress häufig Worte und Sätze raus, die mir hinterher leidtun und daher entschuldige ich mich regelmäßig bei den Kids. Man muss ein Vorbild sein- und wenn ich schon schlimme Dinge sage (man ist ja auch nur ein Mensch), muss ich mich wenigstens entschuldigen.

-Klassenrat: Da sprech ich auch nicht mehr viel. Aber die Kinder, wenn sie erst einmal eine gute Gesprächskompetenz haben: WOW!

Das alles ist ein hartes Stück Arbeit und ich wiederhole auch jetzt, am Ende der vierten Klasse, viele Dinge zum tausendsten Mal. Gesprächsregeln klären, immer wieder, aktives Zuhören schulen, immer wieder, an die Gesprächsregeln erinnern (ja, das steht hier mit Absicht noch mal), immer wieder und wenn es zwei Wochen klappt, wieder von vorne. Bei uns in der Klasse gelingen Gespräche tausendmal besser im Sitzkreis, als Frontalunterricht. Deshalb verpacke ich frontale Phasen gerne so. Einführungen kann ich am Boden, genauso wie am Smartboard machen. Der Unterricht kann lehrergelenkt (ich schreibe extra nicht “lehrerzentriert”) sein und trotzdem nicht so 70er (gibt’s bei mir natürlich auch).

Gespräche führen ist für mich das A und O. Und ich empfehle jedem Lehrer, keine Angst davor zu haben, Unterrichtszeit (in welchem Fach auch immer) für Gespräche aufzuwenden.

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Der Countdown läuft

Ich bin lange genug Lehrerin um zu wissen, dass so ziemlich ALLE Kinder zu dieser Zeit des Jahres durch sind. Ich bin außerdem lange genug in diesem Job um zu wissen, dass es bei Viertklässlern doppelt so schlimm ist. Alles ist ungewiss, alles macht Angst, alles ist aufregend. Sie sind voller Vorfreude, Furcht, Ehrgeiz, Zorn, Traurigkeit, Hoffnung und manchmal Wut.

Bei meiner Klasse ist es glaub ich besonders schlimm- die Betonung hierbei liegt auf “besonders” oder “schlimm”, je nachdem.

An unsere Grundschule schließt sich unsere weiterführende Schule an. Bis auf wenigen haben wir all meinen Viertklässlern angeboten bei uns zu bleiben. Einige haben von sich aus entschieden, zu gehen. Von den 14 Mädels bleiben 11, von den 14 Jungs 8- ein guter Schnitt. Nur macht das allzu deutlich, dass die Klasse aufgemischt wird. Ein paar der Chaoten gehen und das geht diesen besonders nahe- auch wenn sie es nie zugeben würden. Sie raufen, streiten und so oft, so, so, soooooo oft eskalieren die Streits, weil sie alle soooo, sooooo empfindlich sind. Wir Lehrer sind mit unserem Latein am Ende. Wir haben soooo tolle Stunden (was bin ich auch stolz auf sie?!?!?!) und so oft werde ich dann wieder bei den Fachlehrern reingerufen, weil sie die Bande nicht unter Kontrolle haben. Versteh ich. Die sind auch wirklich blöde manchmal.

Nachdem wir heute einen super guten Morgen hatten, bei dem einer der Jungs, der die Schule verlässt, meinte, es seien nur noch 25 Schultage, habe ich einen Countdown-Kalender erstellt. Als ich damit in die Klasse bin und ihn hochgehalten habe, ging das Geheule los:

“Boah, mach das weg, du deprimierst uns damit.”

“Das ist voll doof. Dann sind wir ja noch trauriger.”

“Jaaaa, Frau K., wie blöd und gemein.”

Ich habe den Kindern dann erklärt, dass der sie daran erinnern soll, dass es nur noch wenige Tage sind, die wir in Frieden und Freundschaft miteinander verbringen sollten. Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass ich ihn wieder abhänge, sobald die Streitigkeiten nachlassen. *hust, räusper* Als ob…

Guter Lehrer, schlechter Lehrer

Ich denke mal, dieser Artikel wird genau so wie mein Hirn: matsch, müde und frei von jeder Sinnhaftigkeit. Dennoch ist er ein Lebenszeichen.

Denn ja, ich lebe! Manchmal sieht man mir das nicht mehr an. Manchmal atme ich auch nicht. Manchmal starre ich ins Leere. Manchmal…tagträume ich mich an einen besseren Ort. Fernab von Streitschlichtung, Zeugnisschreiben, Elterngesprächen und, und, und.

Ich weiß, mit der Verantwortung kommt die Arbeit. Und ich liebe es, die Chefin unseres Grundschulbereiches zu sein und ich liebe es noch mehr, Lehrerin zu sein. Aber beides ist manchmal soooooo anstrengend. Und dann noch die Eltern…puh!

Alle erwarten, dass ihre Kinder individuell unterrichtet werden, Material dreifach differenziert und das alles niemals frontal. Seit Monaten frag ich mich: Geht das? Kann man von Lehrern Individualisierung erwarten und gleichzeitig außer Acht lassen, dass diese selbst Individuen sind? Versteht mich nicht falsch: Kinder müssen individuell unterrichtet werden. Aber man kann Lehrer nicht in eine Rolle zwängen, die nicht zu ihnen passt. Und ist guter Frontalunterricht nicht besser, als halbherzig freier, total stark individualisierter Unterricht? Wahrscheinlich macht es wie immer die Mischung… Aber naja, solche Gedanken kommen einem halt im Alter.

Ich frage mich im Moment fast täglich, was einen guten Lehrer ausmacht. Ist es das Laminieren? Die bunten Bildchen? Die Geschenke vor den Ferien? Was ist es, was einige Lehrer erfolgreich macht, andere nicht?

Ich selbst gehörte im Leben schon immer zu den bequemeren Leuten. Durch die sechs Jahre Grundschule (in Berlin) bin ich ohne großen Aufwand durchgeschlendert. Das Gymnasium danach war nix für mich. Auf der Gesamtschule war alles leichter und auch hier galt eher: Hauptsache Abi. Gelernt habe ich für die Mathe-Prüfung. Lief mittelgut. Genauso war auch meine Abinote eher durchschnittlich. Einen Studienplatz habe ich trotzdem bekommen und als klar war, dass alle Bachelors auch einen Masterplatz bekommen würden (wir waren der erste Durchgang und die Uni wollte nicht als “unvorbereitet” dastehen), habe ich mich auch für diese Arbeit nicht wirklich ins Zeug gelegt. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich bis heute nicht, ob ich das Studium benötigt hätte. Jedenfalls keine fünf Jahre. Ich sage immer: Lehrer sein ist wie Autofahren. Das lernt man erst, wenn der Fahrlehrer weg und die Prüfung vorüber ist. (Ja, ihr dürft mich da gerne zitieren, vielleicht bringe ich es ja damit noch mal zu etwas). Genauso wie ich meine Schulzeit verbrachte, plane ich meinen Unterricht: wenig Aufwand, höchstmögliche Wirkung. Ohne Laminieren, mit schwarz-weißen Arbeitsblättern und ohne viel Suchen im Internet. So bin ich halt, andere sind anders.

Zurück zur Frage: Ich glaube heute mehr denn je, dass es die Authentizität ist, die einen guten Lehrer ausmacht und das Interesse an den Schülern. Ich meine damit: aufrichtiges Interesse.

Ich sage meinen Schülern zum Beispiel, wenn ich etwas sinnlos finde (Punkt-Vor-Strich??? Kommt im Alltag nun wirklich nicht vor). Zwinge sie, Dinge zu tun, wenn ich sie für sinnvoll halte (Briefe FEHLERFREI schreiben zum Beispiel). Weine, wenn ich weinen muss (Leute, das ist menschlich! Ich heule so oft, meine Kids wundert es nicht mal mehr und die Eltern auch nicht). Sage ihnen, wenn mich deren Verhalten überfordert. Nehme die Kids in den Arm, wenn sie oder ich das brauchen. Höre mir ihre Erlebnisse an und berichte viel von meinen (und by the way: es gibt keinen Grund, deinen Vornamen zum bestgehüteten Geheimnis der Welt zu machen und es interessiert Kids sehr, was deine Tattoos bedeuten, wie deine Meerschweinchen heißen und dass du auch mal schlecht in der Schule warst). Wenn sie dich erstmal mögen, stört es sie auch weniger, wenn du meckerst. Wennn du dich entschuldigen kannst, können sie sich auch leichter entschuldigen. Wenn du Niederlagen wegstecken kannst, tun ihnen Niederlagen auch nicht mehr so doll weh. Und dann braucht man auch keine laminierten Bildchen mehr- außer der Lehrer hat Freude daran, das schwappt natürlich über.

Ich bin zurfrieden, mit diesem Artikel, auch wenn er nicht das ist, was er werden sollte. Aber ich glaube, die Erinnerung, man selbst zu sein, kommt immer zum richtigen Zeitpunkt. Also: sei es. Sei du! Vor allem jetzt im Endspurt. Es ist okay, wenn du gestresst bist. Es ist okay, wenn dir zum Heulen ist und es ist okay, hysterisch loszulachen. Es ist okay, Dinge durchgehen zu lassen, weil die Kraft fehlt und mehr zu meckern, weil die Geduld fehlt. Just love yourself and the kids. That’s it!

Es ist auch okay, Tippfehler zu machen. Denn es ist Freitagabend und du bist kaputt…

Am dritten Tage auferstanden – ein Nachruf

…oder auch nicht.

Seit anderthalb Jahren ist meine Klasse stolze Besitzerin eines Terrariums. Nachdem unsere drei Schnecken (benannt nach ehemaligen Lehrern) letzten Frühling nach ihrem Winterschlaf Eier ohne Ende gelegt hatten und ich meine Sommerferien damit verbrachte, Schnecken an Schneckenliebhaber abzugeben (da muss man erstmal welche finden), dauerte der Winterschlaf in diesem Jahr waaaahnsinnig lange. Ich meine: So kalt war der Klassenraum nun auch nicht mehr. Im Gegenteil. Frühling drinnen, Winter draußen. Doch die Schnecken haben geschlafen. Regelmäßig kamen Kollegen zu mir und haben mir erzählt, dass die Schnecken sicher tot seien. Mein Schwiegermama hat gegooglet und herausgefunden, dass die Schnecken tot sind. Selbst Dominic, zehnjähriger Schneckenexperte (“Frau K., ich habe doch in der zweiten den Schneckenführerschein als erstes fertig gehabt…”), wusste: Tot. Mausetot.

Irgendwann konnte auch ich es nicht mehr leugnen. Wir mussten sie beerdigen. Da Annalena ein großes Herz für Tiere hat und auch gerne in der Erde wühlt, bat ich sie, die Schnecken zu vergraben… tat sie auch. Offenbar mit einer meiner Fliegenklatschen (auffällig viel Erde dran) und meinem Bonbon-Glas (auffällig viel verschwunden). Wir trauerten, wir nahmen Abschied, wir schrieben einen Artikel für die Schülerzeitung, als…

Ich sitze im Elterngespräch, Frau Beete (Mitarbeiterin im Hort und Küchenfee) stürmt rein: “Frau K., nach dem Gespräch musst du unbedingt noch mal zu mir kommen.”

Ich also hin. Steht da ein Karton. Darin: Eine Schnecke. Die große.

Frau Beete: “Die hat sich anscheinend hochgebuddelt. Wir haben sie bei Mali im Spind gefunden. Die musst du jetzt mit nach Hause nehmen.”

Also nahm ich die Schnecke mit nach Hause (und gab sie meiner Schwiegermutter, damit sie sie ihrer Enkelin weitergeben konnte) und ging einen Tag später wieder in die Schule:

Lara: “Duhuuu, Frau K., die Schnecken leben wieder.”

Ich: “Jops, schon gehört.”

Lara: “Die aus der siebten haben sie wieder ins Terrarium gepackt. Aber sie hat keinen Kopf mehr. Den haben die Vorschüler abgehauen.”

Ich: “Na, das bezweifle ich doch sehr.”

Im Terrarium befand sich dann tatsächlich auch die andere Schnecke- mit Kopf. Die hat jetzt ein neues Zuhause bei einer Schülerin gefunden. Den Bericht für die Schülerzeitung mussten wir ändern- in einer Wundergeschichte. Ich bin mir nicht sicher, wieso Schnecken im warmen Zimmer schlafen und aufwachen, wenn sie in kalte Erde gebuddelt werden. Ich bin auch nicht sicher, ob es wirklich noch unsere Schnecken sind oder andere Wesen von ihnen Besitz ergriffen haben und überhaupt…das mit dem “am dritten Tage auferstanden von den Toten” gab es auch schon mal…

Auf jeden Fall steht fest: Nie wieder Klassenhaustiere (außer vielleicht Urzeitkrebse).

Wer bin ich? -Das Spiel.

Da mein Auto vor kurzem in der Werkstatt war, nahm mich meine Kollegin Frau Krokus des Öfteren mit. Auf diesen Fahrten hatten wir viel Zeit uns über die Schule, die Kids, die Kollegen und auch die Eltern zu unterhalten…und naja, manchmal auch um Quizduell zu spielen.

Bei diesen langen Fahrten ist uns aufgefallen, wie nah man den Kindern kommt im Laufe der Jahre, wieviele Eigenschaften man bei den Kindern wahrnimmt- sowohl positive als auch…naja, sagen wir mal: manchmal anstrengende.

Ich habe von einer Situation berichtet, die sich im Schulgebäude im Treppenhaus auf dem Weg nach oben zu den Klassenräumen zugespielt hat:

“Hallo, Ms K.. Du, was heißt eigentlich Katzenkloschaufel?”

– “Ähhh…hä?Wie, was heißt eigentlich Katzenkloschaufel?”

“Naja, was heißt das?”

– “Was eine Katzenkloschaufel ist oder was?”

“Nee, was heißt das. Auf Englisch? Das weißt ja nur du.”

– “Ahhhh. Ohhh, tut mir Leid. Das weiß ich gar nicht.”

Erschreckenderweise wusste Frau Krokus sofort, dass das nur Annabelle aus ihrer Klasse gewesen sein konnte, weil sie “immer von ihrer Katze spricht.”

Eine ähnliche Situation hatten wir auf der nächsten Heimfahrt:

Frau Krokus: ” Ich habe der Klasse dann was erklärt, mich zum Smartboard umgedreht und auf einmal höre ich Häh, häh, häh.”

…und sofort wusste ich, dass das in meiner Klasse Marc gewesen sein muss.

Davon gibt es unendlich viele Beispiele. Einige davon, bei denen ich weiß, dass es eigentlich nicht gut ist, sofort zu wissen, von wem die Kollegen sprechen, weil die Kids schon so vorbelastet sind mit unseren Urteilen, unseren Negativerwartungen und ihrer Rolle in der Klasse (z.B. wenn mir jemand erzählt, einer sei zu spät aus der Pause gekommen oder, dass ein anderer aus dem Sitzkreis geflogen ist, weil er Widerworte gegeben hat usw.). Ich habe mich schon häufiger gefragt, ob Schüler ab einem gewissen Alter nicht einfach anfangen, sich mit ihrer Rolle abzufinden und unsere Erwartungen zu erfüllen. Das wäre schade- aber ich liebe die Monster ja nicht weniger, nur weil sie kleine Ecken und Kanten haben. Ganz im Gegenteil.

Und weil Sharing caring ist, hier noch der Test, ob ihr folgende Schüler erkennt:

Erstens:

Lehrer: “Wer möchte mit Stille Post beginnen?…Ahhh, okay, du!”

Schüler: “….”

Schüler: “Es wäre schön, wenn du erst nachdenkst und dich dann meldest.”

Zweitens:

Lehrer: “Auch ihr hört jetzt auf zu quatschen, bitte.”

Zwei Minuten später:

Lehrer: “Wieviele Ermahnungen braucht ihr denn? Ihr setzt euch jetzt auseinander.”

Schüler: “Hä? Du hast uns gar nicht ermahnt. Das ist ja jetzt mal richtig fies und gemein.”

Drittens:

Schüler: “Frau K. *schnief, schnief* Mir geht es nicht guuuuut. Kannst du meine Mama anrufen?”

Lehrer: “Wir haben schon längst besprochen, dass wir durchschaut haben, dass du immer nur vor Sport plötzliche Krankheiten hast.”

Schüler: “Ja okay, dann geh ich mal.”

Viertens:

Lehrer: “Denkt bitte daran, dass ihr die Plakate bis Donnerstag fertig haben sollt.”

Schüler: “Hab ich schon lääääängst!”

Na, ich bin sicher, ihr erkennt zumindest einen wieder.

Pausengespräch

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Quelle: Pexel

“Hi, Frau K.”

-“Hi, Leo. Wie geht´s? Hast du dein Plakat mitgebracht?”

“Ach Mist. Hab ich vergessen. Aber, ich wollte dich sowieso mal was fragen. Und das ist deine Chance, mir auch mal was beizubringen.”

-“Juhuu, endlich. Was denn?”

“Was ist der Unterschied zwischen Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis?”

-“Hmmm, gute Frage. Also, im Langzeitgedächtnis bleiben Informationen gespeichert, die du dann auch später abrufen kannst. Dein Name zum Beispiel oder wie man Fahrrad fährt. Aber auch andere Dinge, die du einmal lernst und nicht mehr vergisst. Wie die Hauptstadt von Deutschland heißt und so weiter. Manche Sachen schaffen es nicht ins Langzeitgedächtnis und bleiben nur kurz gespeichert. Zum Beispiel, wenn ich sage, dass du morgen dein Plakat mitbringen sollst.” (Augenzwinkern)

“Ach, Frau K. Das war ja mal klar, dass sowas jetzt von dir kommt. Nie kannst du ernst bleiben. Aber danke. Ich habe es jetzt ein bisschen besser verstanden. Endlich hast du mir mal was beigebracht. Du weißt ja, in Mathe bin ich tausendmal besser als du. Obwohl das ja eigentlich DEIN JOB ist.”

So sprach er und hüpfte davon. Er wird so gut aufgehoben sein auf dem Gymnasium, auf das er bald geht.

Können wir das schaffen?

Es ging wieder los und sofort war die Schule wieder der Mittelpunkt meines Lebens, mein zweites Wohnzimmer, meine Kolleginnen wie mein Ehemann (nur weniger sexy- sorry girls) und die Kinder meine…Kinder.

Das Wichtigste vorwegs: Tina ist nicht mehr in Timo, sondern in Leonard. Deshalb ist Timo jetzt sauer. Dabei war der ja eh in Tina und Joice. Karina ist jetzt aber neuerdings in Filip. Der auch in sie. Und Finn und Rana sind auch zusammen- das darf aber keiner wissen.

Außerdem fanden in unserem Klassenraum gestern staubige Bauarbeiten statt. Hab ich im Morgenkreis sofort bemerkt:

“Also, wenn euer Hals trocken wird, steht einfach auf und trinkt was!”

– “Ich hab ja ne Stauballergie.”

– “Ich habe Asthma.”

– “Mein Hals ist schon trocken. Hust hust hatschi.”

– “Mein Arm juckt.”

“Ähhh…sieht aus wie Windpocken.”

– “Neee, Windbeutel hatte ich schon in der Kita. Ich bin doch gegen meine neue Creme allergisch.”

“Also kommt das daher und nicht vom Staub?”

– “Ähhh ja, das hab ich schon ne Woche.”

(Notiz: Mal bei Eltern nachfragen.)

Unterricht *hust* lief dann bis auf *hust* wenige leidende Ausnahmen.

Wie schon Bob der Baumeister sagte: “Jo, wir schaffen das.”

*Bildquelle: https://www.synchronkartei.de/serie/14931

Was kommt nach der Grundschule?

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Die Arbeit, die diese Frage mit sich bringt, habe ich ehrlich gesagt unterschätzt. Schon zum Ende der dritten Klasse ging es bei einigen Eltern langsam los, dass sie begannen mal vorsichtig nachzufragen, wie es schulisch um ihr Kind steht. Da an unsere Grundschule ein Gymnasium angeschlossen ist, ist uns als Schule natürlich daran gelegen, so viele Kinder wie möglich mit hoch zu nehmen. Aber nicht auf Biegen und Brechen. Meiner Meinung nach muss ein Gymnasialschüler mehr mitbringen, als nur “klug” zu sein. Bei uns sind da die Leistungsbereitschaft/Motivation, das Sozialverhalten, das Regelverhalten und der Lernstand des Kindes in die Einstufung eingeflossen. Und einige Eltern sind aus den Latschen gekippt- was ich nicht verstehe. Wenn wir seit Jahren regelmäßig Gespräche führen, in denen es darum geht, dass das Kind Aggressionsprobleme hat (und jaaaa, es hat sich verbessert, aber es ist immer noch frech wie Sau), kann ich es nicht ruhigen Gewissens auf ein Gymnasium schicken. Wenn ein Schüler bei jeder kleinen Kritik wütend aus der Klasse läuft, kann ich es nicht aufs Gymnasium schicken. Wieso überrascht das die Eltern plötzlich so? Haben sie die letzten sechs Zeugnisse nicht gelesen? Die Elternsprechtage verdrängt? Und: Die letztendliche Entscheidung liegt ja sowieso bei den Eltern und ich finde der Besuch einer Gesamtschule ist schon deshalb eine Überlegung wert, weil die Kinder ein Jahr mehr Zeit haben bis zum Abitur. Eltern: Bitte entspannt euch! Für eure Kinder. Es ist nicht das Ende der Welt und ein Großteil der Kinder wird trotzdem Abitur machen, wenn sie es wollen. Nur jetzt, zu diesem Zeitpunkt, sind noch nicht alle so weit. Ist doch kein Ding. Das kann noch werden….und wird sicher auch noch!

Nicht nur bei den Eltern, auch bei den Kindern war es das Thema im Herbst. Fragen wie: “Komm ich aufs Gymnasium?” und: “Heino, hast du´s geschafft?” waren an der Tagesordnung. Mehr als einmal haben wir besprochen, welche Bedingungen ein Kind erfüllen muss, damit es eine Gymnasialempfehlung bekommt. Dass es nicht bedeutet, dass wir das Kind für dumm halten, wenn es keine bekommt und dass man auch an einer Gesamtschule Abitur machen kann und sogar mehr Zeit dafür hat. Dass die Eltern das Kind trotzdem an einem Gymnasium anmelden können und viele Gymnasien -unseres auch nach Rücksprache mit den Lehrern- auch Kinder ohne Gymnasialempfehlung annehmen. Am Ende, so schien es, haben die Kinder die Empfehlungen besser verstanden und nachvollziehen können als viele Eltern.

Tatsächlich erreichten uns nach den Empfehlungsgesprächen Anfragen wie: “Ich habe ja das Gefühl, dass das Halbjahreszeugnis immer ein wenig schlechter geschrieben wird, damit zum Schuljahresende eine Verbesserung deutlich wird. Es wäre schön, wenn Sie bedenken, dass die Kinder sich ja mit dem kommenden Zeugnis für die weiterführenden Schulen bewerben müssen.” (Es wäre auch schön, wenn Ihre Tochter die Bedingungen erfüllt hätte, die wir gestellt haben, damit sie die Gym-Empfehlung bekommt. Das Potential ist da, aber…tja….).  Oder Anfragen wie: “Wir haben für Constantin jetzt eine andere Privatschule gefunden, eine gaaaaanz tolle Schule. Die nehmen aber wirklich nur Kinder, mit Gymnasialempfehlung. Das ist nicht zufällig irgendwie möglich?” -Nope, isses nich. Und Ihrem Sohn tun Sie auch keinen Gefallen damit ihn auf eine Eliteschule zu schicken, wo eine Unterrichtssprache Spanisch ist.

Insgesamt wollen und dürfen ein Großteil der Kinder bei uns bleiben. Manchmal wollen die Eltern das nicht. Manchmal ist der Schulweg weit. Manchmal möchte auch ein Kind wechseln. Wir versuchen nun die Kinder ein wenig auf die weiterführende Schule, welche auch immer, vorzubereiten. Die Kinder sollen auch mal -allerdings freiwillig- zu Hause arbeiten (offiziell gibt es an unserer Grundschule keine Hausaufgaben). Tests dürfen sich nicht mehr ewig und zwei Tage hinziehen (grundsätzlich stehen wir für ein druckfreies Lernen und finden 100% richtige Antworten immer super, egal ob das Kind 20 Minuten oder 1,5 Stunden gebraucht hat) und in Englisch werden erste Vokabeltests geschrieben, obwohl das für den Englischunterricht in der Grundschule nicht vorgesehen ist. Das alles soll, so unsere Idee, den Übergang aufs Gymnasium ein wenig erleichtern. Die Eltern sind dankbar und die Kinder freuen sich über die Hausaufgaben (“Das ist ja jetzt, wie bei richtigen Schulkindern.”).

Nun bin ich gespannt auf die tatsächlichen Anmeldezahlen für die 5. Klasse aus unserer Klasse. Aber mein Gefühl ist gut- zumal Frau Radieschen die Klasse vermutlich in der 5.Klasse weiterführt und das noch etwas ist, was dem Großteil der Eltern gefallen dürfte.

Vorsätze für’s neue Jahr

Die Zeit zwischen den Jahren liebe ich besonders. Der Stress ist vorbei und als Lehrer kann man sich die Zeit gut freihalten. Man kann das Jahr Revue passieren lassen- beruflich und privat. Ich finde es immer wichtig, einen positiven Blick auf die Dinge zu haben, hervorzuheben, was besonders gut lief und wo die eigenen Stärken liegen, besonders, wenn man mit einer riesigen Liste an Vorsätzen in das neue Jahr starten möchte. Aus psychologischen Gründen halte ich es für sinnvoll,  dass die Liste der Stärken die längere ist. Vorsätze, die man mehrfach nicht umgesetzt hat, braucht man auch nicht wieder fassen. Dazu gehören bei mir u.a. das ordentliche Führen des Kalenders sowie das stets zu Hause vorbereitete gesunde und reichhaltige Frühstück. Beides habe ich mir tausendmal vorgenommen- hat nie lange geklappt. Was soll´s? Da verwende ich meine Energie lieber auf andere Dinge, wie die folgenden:

Dinge, die in diesem Jahr (schon besser) geklappt haben:

Mehr lächeln: Zugegeben, es klappt nicht immer, aber immer häufiger betrete ich mit einem Lächeln den jeweiligen Klassenraum. Und ich merke tatsächlich einen positiven Effekt auf mich und die Kinder.

Weniger über Kleinigkeiten ärgern: Klappt. Immer besser zumindest. Ich ärgere mich noch oft- meist über Kollegen oder Eltern. Bei den Kindern gelingt es mir immer besser, sie zu nehmen, wie sie sind. Oder aus einer nervigen Situation einfach eine lustige zu machen. Wie neulich.

André, Maurice, Tim und Hugo wurden am Vortag wegen schlechten Benehmens  von der Kunstlehrerin an die Tafel geschrieben. Ich gehe die Kinder einzeln durch.

“André, warum stehst du dran?” – “Ich habe gequatscht.” -“Was nimmst du dir für´s nächste Mal vor?” – “Weniger quatschen!” (Schön gesagt, was ich hören möchte.)

“Maurice, und du?” -“Ich glaube, ich bin auf dem Stuhl durch die Klasse gerollt.” -“Wieso?” – “Hmmmm…ich wollte einen Stift von Konrad leihen…” -“Beim nächsten Mal benutzt du bitte deine Beine!” – “Okay, Frau K.”

“Tim? Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?” -“Nichts, ich mach´s beim nächsten Mal besser.” (Leeeeeeere Versprechungen bei allen Befragten!)

“Hugo…was ha…” (H. steht theatralisch auf.) “Ich möchte mich verteidigen!” (Ich erstaunt:) “Nur zu!” (H. zieht unsichtbares Schwert aus der Tasche:) “En garde!” (Ich überrascht, ziehe mein eigenes Schwert und zur Erheiterung aller Kinder liefern wir uns ein Gefecht mit unseren Luft-Schwertern, bis es zur Pause läutet)

Fokus auf das Positive legen: Ich bin den Schülern in diesem Schuljahr viel stärkenorientierter begegnet. Im Klassenrat haben wir eine “Lobrunde” eingeführt, den Tag beginnen und beenden wir positiv, meine Standardantwort auf “Das kann ich nicht!” ist: “Doch, das kannst du!”. Ich versuche für jedes Kind, mit dem ich meckere, eines zur Seite zu nehmen, dem ich erkläre, welchen Fortschritt ich bei ihm entdeckt habe- vorzugsweise bei den Schülern, mit denen ich in der Vergangenheit häufig gemeckert habe. In Elterngespräche zwinge ich Eltern und Schüler Positive Dinge zu nennen: Was kannst du/Ihr Kind gut? Wer ist dein bester Freund in der Schule? Was gefällt dir/Ihnen an unserer Schule/Klasse besonders gut? Das Klima in der Klasse hat sich deutlich verbessert, wir hören viel seltener, wie scheiße DIESE UND JA AUF JEDEN FALL NUR DIESE SCHULE ist.

Ich finde, damit habe ich schon drei Vorhaben super umgesetzt. Auch wenn ich gestehen muss, dass ich diese Vorhaben nicht zwangsläufig am Ende des vergangenen Jahres entwickelt habe. Teilweise sind sie in einem Prozess entstanden. Dennoch nehme ich mir für das kommende Jahr Einiges vor. Dabei habe ich versucht möglichst allgemein zu bleiben. Denn im Sommer, wenn ich mit einer neuen ersten Klasse starte, kommen sicher noch neue Vorsätze hinzu.

Mehr Fachliteratur lesen: Ich bin ein Fan von Fachliteratur und bestelle mir ständig welche. Das hätte ich während des Studiums und des Refs nie gedacht. Dabei höre ich mich im ersten Semester noch ganz großkotzig prahlen: “Also, ich finde, es gehört zum Job, sich abends auch mal Fachliteratur statt GZSZ reinzuziehen.” Nur habe ich mir die erste Zeit nach dem Ref weder GZSZ, noch Fachliteratur reingezogen. Aber das hat sich im vergangen Jahr geändert- zumindest interessiere ich mich mehr für Literatur. Allerdings kann ich mich nur selten motivieren bzw. fehlt mir Abends die Kraft. Mir vorzunehmen, ab sofort jeden Abend `ne halbe Stunde zu lesen, macht keinen Sinn. Aber immer mal wieder, das geht. Dafür platziere ich das jeweils aktuelle Buch einfach geschickt: In der Küche (beim Kochen lesen), im Wohnzimmer (wenn der Mann spielt, kann ich lesen), auf’m Klo (ihr wisst schon!). Einen Stapel an Büchern, die in 2018 unbedingt begonnen (oder auch nur beendet) werden wollen:

Punished by Rewards von Alfie Kohn

Offener Unterricht heute von Diemut Kucharz und Thorsten Bohl (aus: Basisbibliothek für Lehrer)

Prüfen und bewerten im offenen Unterricht von Thorsten Bohl (aus: Basiswissen Referendariat)

Eltern häufiger anrufen: Ich glaube meine Elterngespräche-führen-Kompetenz, und das hat mir meine Kollegin Frau Radieschen auch schon öfter rückgemeldet, ist insgesamt ganz zufriedenstellend. Ich habe die Email-Kultur unserer Schule dankbar angenommen- Telefonate führe ich nur, wenn ich angerufen werde. Eine Kollegin von mir schwört hingegen auf Telefonate. Und ich sehe den Nutzen: es ist unmittelbarer, es zeugt von Interesse, Missverständnissen wird vorgebeugt und man kann dem Elternteil schneller den Wind aus den Segeln nehmen. Tschakka, Frau K., du schaffst das!

Mehr von den Materialien der Kollegen profitieren: Instagram, Facebook, Lehrerlogs usw. sind wahre Fundgruben wenn es um Unterrichtsmaterialien geht. Viel zu selten schaue ich gezielt im Internet nach, wenn ich etwas suche. Stattdessen bastle ich mir dann selbst etwas zusammen. Dabei muss ich das Rad doch nicht immer neu erfinden, wenn ich so viele großartige Kollegen habe. (Das Selbe gilt übrigens auch für die Kollegen innerhalb der Schule. Da sollte man dann nur aufpassen, dass da nicht einseitig profitiert wird- an dieser Stelle noch mal “Danke” an Frau Kowipowi für die super Materialien in der Kulturwoche. Du hast mir echt in letzter Sekunde den Allerwertesten gerettet. I owe you!!!!)

Unterrichtsideen schneller umsetzen: Obwohl ich wie gesagt selten gezielt nach etwas suche, stolpere ich doch hier und da über Schätze. Diese screenshotte ich dann- und vergesse sie. Das Selbe gilt für Ideen, die ich in Büchern lese (Toptip: Bewegtes Lernen! Englisch 1.-4. Klasse von Büngers und Rücker) oder Ideen, die wir in der wöchentlichen Teamsitzung austauschen. Dabei weiß doch spätestens seit dem Ref jeder: Methoden und Ideen, die man nicht unmittelbar ausprobiert, probiert man wahrscheinlich nie wieder aus.

Zwei Vorsätze habe ich auch noch für meine Rolle als Leitung:

Führungsposition stärken: Ich leite ja bereits seit 2,5 Jahren unseren Grundschulbereich- also seit einem halben Jahr nach dem zweiten Staatsexamen. Ich habe ältere Kollegen unter mir, ich habe erfahrene Kollegen unter mir und vor allem habe ich einige gleichalte und gleicherfahrene Kollegen unter mir. Mit einigen Kollegen verstehe ich mich auch privat gut, was erst dann ein Problem ist, wenn ich “ein ernstes Wörtchen” mit ihnen reden muss. Mit einigen habe ich privat nicht so viel am Hut, dennoch halte ich sie für ausgesprochen gute Lehrer sodass es mir manchmal doch schwer fällt, sie zu kritisieren, ohne dabei selbst in Entschuldigungen und Rechtfertigungen zu verfallen. Daran arbeite ich weiter. Und es wird langsam. Ich habe bereits und werde weiterhin etliche Fortbildungen dazu besuchen,  vom Konfliktmanagement über Moderation bis hin zu…was weiß ich. Viele Wochenenden gingen bereits dafür drauf. Aber bisher hat es sich gelohnt.

…und wie das mit den Vorsätzen so ist, habe ich bereits jetzt versagt. Die Liste der Vorhaben ist doch länger geworden, als die der Stärken. Halten wir mir einfach zu Gute, dass ich nicht alle meine Stärken aufgezählt habe. Und sowieso: Ich gehe das in diesem Jahr alles viel gelassener an. Halber Druck, doppelter Spaß. In diesem Sinne: Rutscht gut rüber und bleibt wie ihr seid. Nur einen Ticken besser!

Weihnachten: Die Zeit der Tränen

Im Dezember steht in Deutschlands Grundschulen alles im Zeichen der Adventszeit: Kekse backen, Theateraufführungen, Weihnachtsbasteln, singen, Adventskalender öffnen, aufgedrehte Kinder, chaotisches Zimmer- liebe Eltern, ihr wisst auch, wovon ich rede.

Dazu komme dann noch ich- meineszeichens ausgeprägte Heulsuse. Ich weine wirklich ständig: bei Streit mit dem Freund, bei nicht wirklich traurigen Filmen und ja, auch vor meiner Klasse habe ich schon das ein oder andere Mal geweint. Mal aus Hilflosigkeit, mal aus Wut, mal vor Rührung. Das fand ich auch wirklich nur beim ersten Mal schlimm. Jetzt denke ich: Die Kids haben eben einen echten Menschen vor sich- und ich denke, das spüren sie auch.

Nun in der Weihnachtszeit war ich ich irgendwie besonders sentimental. Meine Kleinen sind jetzt groß. Ich habe die Rabauken nach dem ersten Halbjahr der ersten Klasse als Englischlehrerin übernommen. Was habe ich gekämpft. Frisch aus dem Referendariat habe ich von den zwei Stunden in guten Wochen, 1,5 Schulstunden unterrichten können. Die Kids fanden mich wirklich blöd (das sag ich nur so, das haben sie mir mittlerweile gebeichtet). Als es auf die Sommerferien zuging dachte ich, würde ich die neue erste Klasse bekommen, aber nein, ich sollte Frau Blume in der zweiten Klasse unterstützen. Fand ich jetzt nicht wirklich geil, aber Frau Blume versicherte mir: “Wenn du mehr Stunden in der Klasse hast, wird es besser.” Wurde es aber erstmal nicht. Zwei neue Schüler: Einer mit Schulangst und einer, der nach der 1.Klasse wegen Aggressionsproblemen von der Schule flog, den aber alle Jungs am coolsten fanden. Ein weiterer Schüler, der erstmal gar keine Lust auf mich hatte, der regelmäßig aus der Klasse rannte und im Fachunterricht von uns im Büro einzelbetreut wurde, dem schloss sich unser Schulangsthase nur zu gerne an. Unterricht war schwer möglich, Fachlehrer verzweifelten total. Jedes Belohnungs- und Bestrafungssystem versagte. Einige Eltern sagten: “Wenn XY nicht die Schule verlässt, melden wir unser Kind ab.” Einige gingen tatsächlich, die Mehrheit blieb- der Streit und die Unruhe in der Klasse aus. Doch jedes Kind einzeln war toll und ich begann, die einzelnen Kinder zu verstehen.

Nach den Sommerferien zogen wir in einen 140m2 großen Klassenraum. Frau Blume war nicht mehr da, dafür Frau Radischen. Wir schufen unser Bestrafungssystem ab, versuchten Freiräume zu gewähren, viel Verständnis aufzubringen, den Eltern gegenüber transparent zu sein. Wir setzten den Fokus auf das Positive in der Klasse. Wir fragten im Morgenkreis nicht mehr “Why are you sad today?”, sondern nur nach “happy” und “excited”. Im Abschlusskreis durfte man nur noch sagen, was einem am Besten gefallen hat. “Gar nichts”, ließen wir nicht gelten, selbst wenn es nur das Frühstück war- irgendwas Positives mussten sie finden. Wir besorgten einen Sorgenfresser- die Kinder dürfen dort rote und grüne Sorgen reinstecken; die grünen dürfen wir Lehrer lesen, die roten werden ungelesen aufgefuttert. Außerdem begannen wir mit Lobkarten zu arbeiten. Weil die Kinder bemängelten, dass wir Lehrer zu selten daran dachten, beschloss die Klasse im Klassenrat, dass sie auch Lobkarten für andere Kinder beantragen dürfen. Unser Rowdie der zweiten Klassen war immer weniger aggressiv- das hat viele Elterngespräche inklusiver verletzter Gefühle auf beiden Seiten benötigt aber Letztenendes sind sie sehr dankbar und kommen mittlerweile ohne Bauchschmerzen in die Schule- oh, und ja, er wurde dieses Jahr zum Klassensprecher gewählt. Frau Radischen und ich haben wirklich schöne Momente in der Klasse. Es macht Spaß, oft ist es witzig. Es entwickelte sich eine positive Eigendynamik aus der Klasse heraus. Die Kinder sind toleranter, friedlicher, neugieriger, verliebter, Ausgrenzungen gibt es nicht (natürlich darf mal jemand nicht mitspielen, aber im Großen und Ganzen…). Die Kinder sind größer, schlauer, individueller. Sie sind fairer, verständnisvoller, erwachsener. Sie sind fast fertig mit der Grundschule.

Genau das wurde mir neulich bei der Generalprobe zur Weihnachtspräsentation klar. Eine komische Mischung aus Gefühlen brach über mir zusammen: Ärger über die Kollegen, die sich diese Probe zwar wünschten, mich aber teilweise damit allein ließen, technische Pannen, die mich stressten und eben meine Klasse, die zwar im Publikum nicht durchgehend leise war, aber bei der Aufführung: WOW! (Dazu muss gesagt sein, dass wir die Klasse nach dem 2.Schuljahr für das Fach “Tanz und Bewegung” geteilt haben, weil Unterricht mit der Gesamtgruppe einfach nicht möglich war. Nun stehen sie- als Gruppe gemeinsam mit einem neuen Tanz auf der Bühne. Ganz vorne: Rowdie-Jim und seine zwei Lieblingsgangmitglieder). Wie sollte es anders sein: Ich begann zu heulen und konnte einfach nicht mehr aufhören. Es kam einem Nervenzusammenbruch gleich. Der Schulangsthase (der übrigens schon lange keine Angst mehr hat und zu dem ich einfach eine ganz wundervolle, einzigartige Verbindung habe) kam sofort an, außerdem noch ein paar weitere Mädels und Jungs, um mich zu trösten. Das machte alles nur noch schlimmer. Ich habe Rotz und Wasser geheult. Sie sind doch meine ersten. Gerade haben wir sie auf Kurs gebracht und nun sollen wir sie in die große weite Welt entlassen? Einige haben mir zum Glück versichert, dass wir uns ja weiterhin sehen- und ja, das Gymnasium hat seine Räume nur eine Etage unter meinem Klassenraum. Aber trotzdem: sie sind dann nicht mehr meine und ich muss ganz von vorn anfangen…nochmal durch alles durch und wenn sie dann endlich so sind, wie sie sein sollen, gebe ich sie wieder weg. Dabei ist doch genau das mein Job als GRUNDschullehrerin: GRUNDlagen legen, für das was kommt. Und vielleicht gewöhne ich mich ja irgendwann daran.

Eine nette Mama , die davon gehört hat, dass ich so traurig war, schrieb mir übrigens zwei Tage später in einer Email:

“…es ist wunderbar, dass unsere Kinder in Ihnen eine Lehrerin haben, die ein Herz für alle Kinder hat.

Einige Kinder zu mögen ist einfach, das kann jeder Lehrer. Bei anderen liegt das nicht so auf der Hand. Trotzdem haben Sie alle mitgenommen, angenommen und versucht ihre Stärken zu sehen und immer an einen guten Ausgang für die Gemeinschaft geglaubt. (…)

Ich hoffe, dass Sie diesen Weg weitergehen können und dass mein Sohn am Gymnasium ein Lehrerteam bekommt, dass diesen Weg fortsetzt.”

Diese Mama hat übrigens so ein Kind, dass es einem sehr einfach macht, es zu mögen und anzunehmen. umso schöner ist es doch zu wissen, und dass geht jetzt an alle Lehrer, dass es Eltern gibt, die sehen, was wir jeden Tag leisten und es schätzen.

Und weil ich vor Rührung schon wieder in Tränen aufgelöst bin, wünsche ich euch jetzt nur noch einen schönen letzten Weihnachtstag und ruhige Tage, bevor ihr euch vielleicht auch schon ans Zeugnisseschreiben macht.