Ein Beitrag für Lehrkräfte, Eltern und Bildungsgestalterinnen*

Vor einigen Jahren sind wir als Schule in das Thema “Hochbegabung” reingestolpert, als ein hochbegabter Junge, der im staatlichen System nicht ausreichend gefordert werden konnte, an unsere Schule wechseln wollte. Gemeinsam mit den Eltern entschieden wir, dass wir es gemeinsam versuchen und mit Offenheit aufeinander zugehen. Eine Zeitlang haben wir diesen Jungen begleitet, ihm z.B. das Drehtürmodell angeboten, eine externe Förderperson ins Haus geholt und ihn durch unsere dualen Studierenden unterstützt. Das alles hat am Ende nicht ausgereicht und nach einem Klassensprung bei uns hat die Schulaufsicht einem weiteren Klassensprung nicht zugestimmt. Also wechselten die Eltern das Bundesland. Wir als Schule blieben zurück zwischen den Frage: “War jetzt alle Mühe umsonst?” und “Was hätten wir tun müssen, um dieses Kind zu behalten und erfolgreich zu beschulen?”.
Obwohl wir diesen Jungen nur für kurze Zeit begleitet haben, waren die Eltern doch zufrieden mit dem “Wie!” und haben in ihren Netzwerken von unserer Schule erzählt. Seitdem wenden sich immer wieder Eltern an uns, die ihre Hochbegabten Kinder bei uns unterbringen wollen. Derzeit beschulen wir in unserer zweizügigen Grundschule fünf Kinder mit einer Hochbegabung (davon haben vier bereits eine Klasse übersprungen), drei weitere Kinder wollen nach den Sommerferien wechseln. Das bedeutet für uns, dass spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo wir uns als Kollegium uns ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Denn während die Themen ADHS, LRS und Dyskalkulie inzwischen in den Klassenräumen angekommen ist, die Hochbegabung für die meisten Kollegien und Schulleitungen noch ein leeres Buch.
Was bedeutet eigentlich „Hochbegabung“
Der Begriff „Hochbegabung“ wird häufig mit besonders guten schulischen Leistungen assoziiert – doch das greift zu kurz. Eine Hochbegabung liegt definitionsgemäß vor, wenn ein Mensch in einem oder mehreren Bereichen (z. B. sprachlich, mathematisch, musisch oder sozial-emotional) ein deutlich überdurchschnittliches intellektuelles Potenzial aufweist – in der Regel ab einem IQ von etwa 130 (vgl. Rost, 2009).
Merkmale Hochbegabter:
- Schnelle Auffassungsgabe
- Frühes Interesse an komplexen Themen
- Große Neugier und Problemlösefähigkeit
- Kreatives, oft unkonventionelles Denken
- Starker Gerechtigkeitssinn
Doch Hochbegabung zeigt sich nicht immer in guten Noten. Manche hochbegabte Schüler*innen unterfordern sich, verweigern die Mitarbeit oder fallen durch sozial-emotionales Ungleichgewicht auf (Stamm, 2010).
Herausforderungen im Umgang mit Hochbegabung
Für Schüler*innen
Hochbegabte Kinder empfinden den Regelunterricht oft als langsam, repetitiv und wenig fordernd. Mögliche Folgen:
- Langeweile und Unterforderung
- Rückzug oder auffälliges Verhalten
- Perfektionismus oder Angst vor Fehlern
- Soziale Isolation
Für Eltern
Eltern fühlen sich häufig zwischen Sorge und Stolz hin- und hergerissen. Die Unsicherheit, ob und wie das Kind angemessen gefördert wird, erzeugt Druck. Nicht selten stoßen sie im Schulsystem auf Unverständnis oder Ablehnung. Gleichzeitig entlädt sich die Spannung des Kindes oft zu Hause. Während diese Kinder in der Schule angepasst sein können (“maskieren”), knallt es dann an anderer Stelle.
Für Lehrkräfte
Lehrkräfte sehen sich oft mit der Herausforderung konfrontiert, einer heterogenen Lerngruppe gerecht zu werden – ohne spezifische Ausbildung im Bereich der Hochbegabtenförderung. Fehlendes Wissen kann dazu führen, dass Hochbegabte als „überheblich“, „anstrengend“, “faul”, “gar nicht so klug” oder „nicht teamfähig“ abgestempelt werden. Gleichzeitig benötigen die Eltern eine transparente Begleitung und “Mitnahme” bei dem, was die Schule dem Kind anbietet.
Was können wir als Schule tun?
Als Schulleiterin ist mir bewusst: Die individuelle Förderung hochbegabter Schüler*innen ist ein Qualitätsmerkmal moderner Schule. Doch wie gelingt das im Schulalltag?
1. Diagnostik und Beobachtung
Ohne systematische Beobachtung und gegebenenfalls Diagnostik (z. B. durch Schulpsycholog*innen oder Beratungsstellen) bleibt Hochbegabung oft unentdeckt. Es braucht:
- Lehrerfortbildungen zur Begabungsdiagnostik
- Zusammenarbeit mit externen Fachstellen
2. Differenzierung im Unterricht
Innere Differenzierung durch:
- Offene Aufgabenstellungen („Drei-Niveau-Aufgaben“)
- Projektarbeit und selbstgesteuertes Lernen
- Forschendes Lernen, z. B. über Lernwerkstätten oder „Genius Hours“
- Enrichment-Angebote (z. B. Zusatzprojekte, Expertenbesuche)
3. Akzeleration – Vor- und Nachteile
Unter Akzeleration versteht man das Vorziehen oder Überspringen von Lerninhalten oder Jahrgangsstufen. Dazu gehören:
- Klassenüberspringen
- Früher Einschulung
- Teilnahme an Kursen höherer Jahrgänge
- Dual Enrollment (Schule + Hochschule)
Vorteile:
- Passendere kognitive Herausforderung
- Höhere Motivation
- Schnellere Förderung individueller Potenziale
Nachteile:
- Risiko sozialer Isolation
- Mögliche emotionale Überforderung
- Akzeleration ersetzt keine individuelle Förderung
Fazit: Akzeleration kann sinnvoll sein – muss aber sorgfältig geplant, begleitet und evaluiert werden (vgl. Heller, 2001). In der Regel gibt es in den einzelnen Bundesländern konkrete Vorgaben dazu. In Hamburg z.B. geht dem Klassensprung eine sechswöchige Hospitation in der Zielklasse voraus.
Tipps für Lehrkräfte: Hochbegabung im Alltag erkennen und fördern
- Wertfrei beobachten: Achten Sie auf ungewöhnliche Denkweisen, originelle Lösungsansätze oder auffällige Interessen.
- Offene Lernumgebungen schaffen: Nutzen Sie Projektphasen, kreative Aufgabenformate oder „Lernen durch Lehren“.
- Feedback geben: Hochbegabte brauchen differenziertes Feedback, nicht nur Lob.
- Emotionale Entwicklung begleiten: Sprechen Sie mit Schüler*innen über Perfektionismus, Frustrationstoleranz und soziale Dynamiken.
- Kooperation suchen: Arbeiten Sie mit Eltern, Beratungsstellen und Kolleg*innen im Team.
- Fortbildungen nutzen: Programme wie „Leistung macht Schule (LemaS)“ oder Angebote der Karg-Stiftung unterstützen gezielte Förderung.
Fazit: Hochbegabung ist kein Selbstläufer
Hochbegabung bedeutet nicht automatisch Schulerfolg. Ohne passgenaue Förderung laufen viele hochbegabte Kinder Gefahr, ihr Potenzial nicht zu entfalten – oder sogar schulisch zu scheitern. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe als Schule, Eltern und Gesellschaft, Lernräume zu schaffen, die fordern, fördern und verstehen.
Empfohlene Literatur & Quellen
- Heller, K. A. (2001). Hochbegabung im Kindes- und Jugendalter. Hogrefe.
- Rost, D. H. (2009). Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Waxmann.
- Stamm, M. (2010). Die Schattenseiten der Hochbegabung. Klett-Cotta.
- Karg-Stiftung: https://www.karg-stiftung.de
- DGhK – Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind: https://www.dghk.de
- LemaS-Initiative: https://www.leistung-macht-schule.de
















