„Aber wie machst du das denn ohne Belohnungssystem?“

…und kann das jeder?

Seit ich mehrfach geschrieben habe, dass ich mittlerweile ohne Belohnungs- und Bestrafungsystem arbeite, habe ich vermehrt Nachrichten nach dem “Wie?” bekommen. Die Frage nach dem “Warum?” stellt kaum einer mehr. Fast allen ist klar, dass diese Systeme die intrinsische Motivation hemmen. Des Weiteren sind es häufig Kollektivmaßnahmen, die unfair sind, weil alle Schüler unter diesem einen Kind leiden, welches es wieder nicht schafft, ruhig zu sein und somit die Chance auf die Gruppentisch- oder Klassenbelohnung verspielt. Genau dieses eine Kind wird Mal um mal bloßgestellt. Dabei zu behaupten, es möchte sich nicht an die Regeln halten, ist eine pure Unterstellung.

Viel mehr, als nur die Symptome, nämlich das Reinrufen, Herumlaufen, Hauen usw., zu unterdrücken, müssen wir nach der Ursache forschen und dem Kind Möglichkeiten aufzeigen, mit diesen Impulsen umzugehen. Dafür müssen wir uns aber mit dem Kind beschäftigen, mit ihm reden und ihm die Chance geben, sein Verhalten zu ändern. Dies kann und wird nicht über Nacht geschehen. Und vor allem: wir müssen auch mal akzeptieren, dass ein Kind eben mal nicht so ist, wie es für uns am einfachsten wäre.

Ich möchte euch einmal sagen, wie ich es in meiner ersten Klasse handhabe und sage ganz klar: Es kann jeder, der es will!

Im Moment sind in meiner Klasse 17 Kinder; sieben Mädchen und zehn Jungen. Fünf Kinder sind sehr leistungsstark, davon ist einer stark verhaltensauffällig (Jonas). Außerdem habe ich vier leistungsschwache Kinder in der Klasse, wovon einer auffälliges Verhalten zeigt (Dominik). Ein Mädchen beobachte ich derzeit genauer. Die restlichen Kinder befinden sich von der Leistung und dem Sozialverhalten im Durchschnitt. Natürlich haben auch die mal einen schlechten Tag oder einen Streit, der geklärt werden muss, aber das ist normaler Bestandteil der Entwicklung. Auch eine Rauferei treibt mich nicht in die Verzweiflung.

Dennoch gibt es Regeln und bei Regelverstößen Konsequenzen. Kippt ein Kind z.B. mit Absicht den Anspitzerinhalt auf den Boden, wird ggf. der Klassenboden in der Pause gefegt. Spielt das Kind im Klassenraum mit dem Ball, nehme ich ihn weg. Tut ein Kind einem anderen absichtlich weh, muss es dies wieder gutmachen, indem es z.B. Ein Bild malt, sein Regal aufräumt, seinen Aufräumdienst übernimmt, o.ä. Die Sanktion muss aber zu dem Regelverstoß passen.

Im Unterricht arbeite ich grundsätzlich so, dass die Kinder während der Arbeitsphase viel Lob von mir bekommen. So nenne ich meist laut zu Beginn der Arbeitsphase die Kinder, die schnell mit der Arbeit begonnen haben, gleiches gilt für Phasen, in denen sie sich im Sitzkreis sammeln oder an der Tür aufstellen sollen. Ist ein Kind dabei, dass es noch nicht so oft schnell schafft, lobe ich es aufrichtig, denn ich freue mich wirklich darüber: “Jonas, du warst ja heute richtig schnell. Super!” Das motiviert die anderen, sich zu beeilen und gibt Jonas, der häufig auch negatives Feedback bekommt, ein gutes Gefühl.

Während der Arbeitsphase gehe ich rum oder sitze am Pult. Das sage ich vorher an. Bei beiden Varianten bekommen die Kinder nach dem Beenden einer Seite einen Stempel. Dies gilt als Rückmeldung für sie und die Eltern. In beiden Varianten lobe ich verbal. Dabei versuche ich besonders auf die Kinder zu achten, die viel Lob benötigen. Außerdem ermöglicht diese Methode, dass auch die ruhigen Mädchen nicht vergessen werden und ich habe immer einen Überblick über den Lernstand. Das nächste Plus: besonders bei der Pultmethode* bekommen die Kinder ein wenig Bewegung, was besonders für die Zappelphilips ein großer Vorteil ist. (Dieses System funktioniert übrigens auch in größeren Klassen, selbst erprobt im letzten Durchgang mit 28Kindern).

Aber: es gibt Kinder, denen Lob nicht reicht. Zwei Beispiele:

Dominik: Dominik kann sich so gut wie gar nicht fokussieren. Wir hatten ihn daher zunächst an einen Einzeltisch gesetzt, der an der Wand steht, um visuelle Reize zu minimieren. Da hat sich die Situation aber verschlechtert, weil das ganze Geschehen nun hinter seinem Rücken stattfand und er nur noch damit beschäftigt war, nichts zu verpassen und sich deshalb umzudrehen (bei einem Mädchen meiner Klasse klappt diese Variante aber wunderbar.). Nach wie vor war es so: Ging die Tür auf, sah er hin. Ging das Smartboard in den Ruhezustand, sah er hin. Bei Einzelarbeiten stand er auf und guckte, was am Nachbartisch geschah. Saß er aber doch mal neben einem Partner, konnte er sich noch viel weniger konzentrieren. Ich möchte hier das KONNTE betonen. Denn er KANN es einfach nicht besser. Mit ihm zu schimpfen (und ja, das tue ich viel zu oft), bringt also gar nichts, weil er es nicht ändern kann. Als ich mit seinen Eltern darüber sprach, musste er sich bei mir entschuldigen, was er mit Tränen in den Augen tat. Denn: Er musste sich für etwas entschuldigen, was er selbst wohl am wenigsten will: den Unterricht stören.

Meiner Kollegin und mir war klar, dass wir Dominik helfen müssen. Zuerst wollten wir diesen Druck von ihm nehmen, zu wissen, dass er immer wieder versagen wird. Als zweites wollen wir, dass er lernt zu erkennen, wenn die innere Unruhe hochkocht und ihm eine Möglichkeit bieten, sich zu bewegen und abzulenken OHNE den Unterricht zu stören. Ich habe mit ihm folgendes besprochen:

“Als erstes möchte ich dir sagen, dass ich dich gerne mag und mega cool finde, auch wenn ich manchmal mit dir meckere. Mich stört es dann, dass ich nicht zu Ende reden kann oder du nicht zuhörst. Ich habe Angst, dass du dann wichtige Dinge verpasst. Ich weiß aber auch, dass du das nicht mit Absicht machst und viel lieber Lob statt Ärger bekommen möchtest. Deshalb haben wir uns etwas überlegt. Zum einen darfst du in der Arbeitsphase wählen, ob du an deinem Platz, auf dem Boden oder auf der Sitzbank [neben seinem Tisch] arbeiten möchtest. Wichtig ist nur, DASS du arbeitest. An deinem Platz steht ein Schild, auf dem steht “Ich bin draußen!”. Das darfst du in jeder Stunde einmal auf deinen Platz stellen, wenn du merkst, dass du Bewegung brauchst. Dann kannst du einmal die Treppen runter und hoch laufen und leise wieder zurückkommen. Du schaffst das sicher gut und wir können uns da ja auch auf dich verlassen, das wissen wir!”

Ja, das ist ganz schön viel Text für einen Erstklässler. Aber er hat ab dem ersten Tag alles prima umgesetzt. Natürlich gibt es trotzdem Stunden, die nicht so gut laufen.

Jonas: Für Jonas haben wir ziemlich schnell ein individuelles Belohnungssystem eingerichtet. Er ist, wie oben schon beschrieben, leistungsstark, hat ein außerordentliches Allgemeinwissen für einen Erstklässler und ist sehr auf positives Feedback bedacht. Allerdings hat er vor allem im Sitzkreis zu Beginn große Probleme mit dem Stillsein gehabt. Phasenübergänge hat er zu langsam, aber vor allem störend laut bewältigt. Häufig hat er auch im Unterricht Streit mit Mitschülern angfangen, sehr oft wegen Kleinigkeiten, oder ist bei Kritik sofort in eine offene verbale Auseinandersetzung mit dem Lehrer gegangen. Ihr seht: sein Verhalten widerspricht seinem Bedürfnis nach Lob und Anerkennung.

Er hat also bereits seit dem Herbst auf seinem Tisch ein Glas stehen, in dem er Muggelsteine sammelt. Pro Stunde kann er drei Steine verdienen (in der Regel für den Unterrichtseinstieg, die Arbeitsphase und die Abschlussphase). Ist der Behälter voll, erhält er zu Hause eine Belohnung. Diese legt er mit den Eltern fest. Es ist aber immer eine Unternehmung ohne seine Geschwister, damit er auch hier die individuelle Wertschätzung erfährt (seine Zwillingsschwester ist auch in unserer Klasse und um einiges “angepasster” und erfährt daher häufig eine bevorzugtere Behandlung). Die Fachlehrer sollen das System natürlich auch nutzen und mittlerweile haben wir den Behälter vergrößert, damit das Erreichen des Ziels eine Herausforderung bleibt. Ziel ist es, dass er sein tolles Arbeitsverhalten aus Mathe und Deutsch auch schafft auf alle Nebenfächer zu übertragen. Möglichst auch ohne das Muggelglas als Unterstützung.

In beiden Fällen haben wir die Systeme mit der Klasse besprochen. Die Kinder müssen verstehen, warum Dominik die Klasse verlassen darf ohne zu fragen, der Rest aber nicht. Gut ist immer darauf hinzuweisen, dass es der ganzen Klasse nützt und man die Kinder animiert, die Betroffenen zu unterstützen.

Besonders zu Beginn ist ein regelmäßiges Feedback durch die Mitschüler wichtig. Denn wenn diese “schwierigen” Schüler Respekt und Lob für den Fortschritt erfahren, bestärkt es diese wiederrum und häufig ist diese Anerkennung noch wichtiger, als die der Lehrer.

Anna: “Ich habe beobachtet, dass du auf der Bank gearbeitet hast aber dafür hast du dich leise gemeldet”

Eugen: “Ich habe beobachtet, dass du ganz viel geschafft hast und ganz leise rausgegangen bist.”

Tanja: “Ich habe nicht einmal bemerkt, dass du rausgegangen bist. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen.”

Tim: “Ich möchte dich loben, Jonas, weil dein Steineglasnschon wieder voll ist und du dich so verbessert hast.”

Ina: “Du arbeitest auch schon viel leiser.”

Selbstverständlich ist jedes Kind anders, hat andere Bedürfnisse, andere Stärken und Schwächen (übrigens noch ein Argument gegen Klassenbelohnungssysteme). Natürlich funktioniert das, was bei dem einen klappt, nicht zwangsläufig auch bei dem anderen. Wichtig ist, es so unkompliziert wie möglich zu halten und auch, nicht für jedes Kind ein individuelles System zu erstellen. Das kann kein Lehrer auf Dauer leisten. Mir ist auch klar, dass es Schulen gibt, wo die Gegebenheiten andere sind, die Eltern z.B. nicht mitarbeiten. Aber manchmal kann man mit Kleinigkeiten in der Schule schon ganz viel bewirken- die Eltern braucht man da nicht unbedingt. Denkt immer daran: Die Kinder, die augenscheinlich am wenigsten Anerkennung verdienen, brauchen sie am meisten,

*Pultmethode: Die Lehrkraft sitzt am Pult. Hat ein Kind eine Frage oder benötigt einen Stempel, kommt es ans Pult. Es dürfen maximal 3-5 Kinder anstehen (mit Abstand; ich habe eine Markierung auf dem Fußboden angebracht), je nach Klassengröße. Wer ansteht und quatscht, stellt sich wieder hinten an.

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Was Kinder von uns Lehrern nicht brauchen

Es gibt viele Dinge, die Kinder benötigen, um zu glücklichen, selbständigen Wesen heranzuwachsen. Dazu gehören meiner Meinung nach unter anderem gute Vorbilder, eine gute Beziehung zu den Eltern und den Lehrern und eine Umgebung, in der sie sich wertgeschätzt fühlen. Es gibt aber auch allerhand, was Kinder nicht benötigen. 10 dieser Dinge (wovon ich selbst auch nicht alle immer berücksichtige), habe ich in den letzten Wochen zusammengetragen:

1. Belohnungssysteme

Als ich im Referendariat war, habe ich ziemlich schnell unterschiedlichste Belohnungssysteme kennengelernt. Als ich dann meine Mentorin fragte, mit welchem System sie in der Klasse arbeitet, meinte sie, dass die Klasse (damals Anfang der 3. Klasse) bisher keines benötigte. Das versetzte mich erst einmal in Panik. Wie soll ich mich denn dann durchsetzen? Genau so erging es mir, als ich nach dem Ref an meiner jetzigen Schule anfing. Ich war nervös und hatte vielleicht sogar ein wenig Angst. Zum Glück gab es hier ein System, an dem ich mich festhalten konnte (ja, ICH MICH!!!). Seit diesem Jahr haben wir keines mehr. Vor allem uns als Leitung, aber auch einzelnen Kollegen, gefiel die Tatsache nicht, dass ein Belohnungssystem die Kids zu einem gewünschten Verhalten “hinerpresst” und am Ende immer die gleichen Kinder unter diesem System leiden. Die Kinder sollen aus sich heraus lernen und nicht, weil am Ende des Tages eine Bonbon als Belohnung wartet. Belohnungen gibt es trotzdem. Auch wir gucken mal einen Film, machen eine Spielestunde oder frühstücken gemeinsam, aber ohne, dass es an Bedingungen geknüpft ist. Denn seien wir mal ehrlich: Durch Zugewandtheit, ehrliches Lob und Gespräche erreichen wir viel mehr (es ist aber auch viel anstrengender und zeitintensiver).

2. Lob

Jetzt mal keinen Schrecken kriegen! Ich bin ein großer Fan von Lob und lobe ständig. Woran ich aber gerade intensiv arbeite ist, Kinder nicht mehr für Dinge zu loben, die selbstverständlich sind. Wenn sich ein Kind zum Beispiel leise meldet, ist das zu Beginn der Grundschulzeit vielleicht noch ein Lob wert, nach Weihnachten, sollte das die Regel sein. Hier möchte ich mehr darauf achten, das ungewünschte Verhalten zu ignorieren oder nonverbal zu kommentieren. Das Kind, das sich leise meldet, kommt dann zu Wort und wird beachtet, das andere eben nicht. Das gleiche gilt, wenn Kinder Anweisungen umsetzen, die sie unmittelbar zuvor bekommen haben: an den Platz gehen, den Platz aufräumen usw. Und: kleine persönliche Lobs und echte Wertschätzung, unterstützt durch eine kleine Geste (bei den Kindern, die das mögen!!!), wie Schultertätscheln, ein Lächeln oder auch mal eine High Five sind die Lobs, die ich wirklich wertvoll finde.

3. Bunte, bebilderte Arbeitlätter

Ersteinmal habe ich zu Hause gar keinen Drucker und mein Chef würde mir den Kopf abreißen, wenn ich zu viel in Farbe ausdrucken würde. Daher beschränke ich mich, was das angeht darauf, was wir gemeinsam im Sitzkreis verwenden, also auf Dinge, die ich nur in einfacher Ausführung benötige. Manchmal male ich Schwarz-Weiß-Drucke auch an. Ich persönlich finde es beruhigend. Wenn die Kinder zum Beispiel ein Arbeitsblatt bearbeiten sollen, bei dem auch Farben eine Rolle spielen, scanne ich es ein, und zeige den Kids das Original am Smartboard. Dann sehen sie dort, wann sie einen blauen, wann einen roten Stift benutzen müssen (manchmal ersetzt diese Vorgehensweise das Drucken und Kopieren von Arbeitsblättern sogar vollkommen).

Bilder auf Arbeitsblättern oder sonst überall im Klassenraum, z.B. auf den Stiftebehältern, sind meiner Meinung nach noch unsinniger. Zum einen gibt es in jeder Klasse Kinder, die schnell überreizt sind und für die zu volle Arbeitsblätter überfordernd sind. Zum anderen aber hat ein Glücksbärchi auf der Mathearbeit einfach keinen Sinn, genausowenig wie Mäuse, Bärchen u.ä. z.B. auf Arbeitsblättern im Sachunterricht. Ich traue meinen Schülern auch zu, die roten Stifte zu finden, ohne dass dort in schönstem Design “rote Stifte” auf der Box steht. Konzentriert euch auf das Wesentliche!

4. Zu viel Differenzierung

Hier werden nicht alle meiner Meinung sein, und das ist okay. Ich möchte auch betonen, dass ich hier nicht von Inklusions-Kindern, also Schülern mit anerkanntem Förderbedarf spreche.

Obwohl jedes Kind da abgeholt werden soll, wo es steht, muss nicht in jeder Stunde differenziertes Material eingesetzt werden. Meist reicht es schon, wenn die Kinder wissen, wo sie sich Hilfe holen können, z.B. Rechenschieber, Plättchen o.ä. in Mathe, die Wörterliste in Deutsch, Hilfe vom Expertenschüler usw.. Auch kooperative Lernformen sind eine tolle Form der Differenzierung. Aber regelmäßig dreifachdifferenzierte Arbeitsblätter müssen nicht sein.

Im Deutschunterricht der zweiten Klasse (im ersten Schuljahr hatten sie zwei Deutschlehrer, wovon einer vorher nie Deutsch oder in der Grundschule unterrichtet hat, weshalb die Klasse wohl noch leistungsheterogener ist, als andere Klassen), arbeite ich zum Beispiel mit Pflicht- un Zusatzaufgaben. Die sind für alle gleich. Und die Pflichtaufgaben kann jeder schaffen, nur das Tempo ist unterschiedlich. Da es bei uns keine Hausaufgaben gibt, muss ich ohnehin sicherstellen, dass die Aufgaben in der Schule erledigt werden können. Lediglich in den Lesestunden bekommen die Kinder manchmal unterschiedliche Lesetexte, aber auch hier differenziere ich nur zweifach. Es ist ganz natürlich, dass sich ein paar Schüler mehr durchkämpfen müssen, als andere. Das sollen sie auch wissen. Am Ende sind das doch aber die, die viel mehr geleistet haben, wenn sie eine Aufgabe erledigt haben. Das verdient dann auch ein aufrichtiges Lob.

5. Zu viel Auswahl

Wir hatten einen Kollegen, der die Kinder sehr frei arbeiten lassen hat. Sie durften quasi machen, was sie wollten. In Kunst standen z.B. sämtliche Materialen der Welt zur Auswahl, und alle haben Kunstwerke hergestellt, die sich sehen lassen konnten. Am Ende konnte aber die Hälfte der Klasse nicht sauber ausmalen. Ich weiß, dass das ein pädagogisches Konzept ist, ich habe mir meine abschließende Meinung dazu auch noch nicht gebildet, aber ich glaube dass das nicht die Arbeitsform für jeden Schüler ist (andererseits: welche ist das schon?). Aber ich gehe mal soweit zu sagen, dass auch Stationen- und Freiarbeit nicht die Antwort auf alles sein kann. Ja, ich setze sie auch ein und finde, dass das Auswählen und selbständige Bearbeiten und Vergleichen eine Kompetenz ist, welche die Kids erwerben müssen. Aber nicht immer und in jedem Fach. Ich beschränke die Freiarbeit z.B. auf die Lernzeiten, und auch hier steht nur eine begrenzte Auswahl an Angeboten zur Verfügung, und Stationenarbeit auf wenige Themenbereiche im Schuljahr. Das entlastet mich z.B. sehr bei der Vorbereitung und dem Korrigieren.

6. Sofortiger Ersatz bei Verlust

Verlorene Stifte und Hefte- a never ending story. Ich habe es schon mal erwähnt: wir besorgen die Materialien für die Kinder und sie bleiben auch in der Schule. Keiner nimmt irgendetwas mit nach Hause. Und trotzdem verschwinden Bleistifte. Neulich haben zwei Bleistifte gefehlt (obwohl ursprünglich mehr als ein Klassensatz in der Bleistiftkiste) war. Da hat die ganze Klasse 45Minuten, also meine gesamte Deutschstunde lang, Bleisitifte gesucht. Hat alle genervt. Und ich bin nicht in Panik verfallen. Dann fällt eben eine Stunde Unterricht aus. Und wenn die Kinder es zu Hause erzählen? Dann ist es so! Was soll passieren? Meinen Job verliere ich deshalb nicht. Wir haben im Anschluss darüber gesprochen, alle hat es gestört, die Kinder fanden es schlimm, dass sie nicht arbeiten konnten. Es passiert auch immer noch, dass Stifte in den “privaten Regalen der Kinder” oder sogar in deren Spinden auftauchen, aber sie wissen, was passiert, wenn wir zu wenige haben und irgendwann werden sie vielleicht daraus lernen.

Wenn ein Kind mehrfach sein Heft nicht dabei hat, kopiere ich die Seiten übrigens auch nicht mehr. Es arbeitet dann einfach eine Stunde lang nicht. Ratet mal, wer sein Heft am nächsten Tag wieder dabei hat. (Eine Nachricht nach Hause kann auch Wunder bewirken!)

7. Eine Lese- und Spieleecke

Ich habe eine. Aber das ist auch der Größe des Raumes geschuldet. Und es macht sich so gut auf Fotos. Ich liebe es auch, mir die schön gestalteten Ecken auf Bildern bei Pinterest anzuschauen. Aber manchmal verstehe ich nicht, warum Lehrer in kleine Klassenräume noch so eine enge gemütliche Ecke reinquetschen müssen. Da geht es mir wie mit den Arbeitsblättern. Wenn es räumlich beengt ist, wirkt sich das auf mein Denken und meine Kreativität aus. Da reicht ein Regal mit Büchern und Spielen und ein paar Kissen, die die Kinder sich “ausleihen” können. Spielen können die Kids an den Tischen und lesen wo immer sie wollen. Zumal viel zu viele Lehrer den Inhalt dieser Ecken mit all den Teppichen, Kissen und Vorhängen privat bezahlen müssen.

8. Materielle Geschenke

Geburtstagsgeschenke, Adventskalender, Belohnungen und vor jeden Ferien noch eine kleine Aufmerksamkeit. Erstens: Wer soll das alles bezahlen? Zweitens: Wer hat dafür die Zeit? Drittens: Was bringt es?

Ich feiere in der Klasse auch Geburtstage und jedes Kind bekommt in diesem Jahr einen bunten Radiergummi für zu Hause. Das viel größere Geschenk aber ist das Geburtstagslied und die Warme Dusche, die es von den Mitschülern gibt. Das würden auch die Schüler so sagen (zumindest die meisten).

Aus gegebem Anlass waren im Adventskalender dieses Jahr Bleistifte, die in der Klasse bleiben sollten. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Eine kleine Aufmerksamkeit vor den Ferien gab es von mir noch nie. Wird es wohl auch nie. Denn da erkenne ich den Sinn nun wirklich nicht. Wertschätzung zeige ich anders.

9. Verständnis für alles

Habe ich nicht, und ich muss auch nicht so tun. “Authentizität” ist das Zauberwort. Und wenn klein Paule sein Deutschheft eben zum dritten Mail vergisst, kopiere ich die Seite halt nicht mehr. Und wenn Sami zum vierten Mal entschuldigt zu spät in die Schule kommt, weil er müde ist, entschuldige ich die Verspätung eben nicht mehr (was ist das auch für ein Signal!). Wenn Ken es nicht schafft, die Lernwörter nach dem Abschreiben von mir korrigieren zu lassen (und dieses Prozedere üben wir seit Beginn des Schuljahres und ALLE anderen Kinder schaffen es), höre ich auf, mich bei den Eltern zu rechtfertigen. Wenn Juli nur haut, weil Clara “hässliche Jacke” gesagt hat, verstehe ich das auch nicht mehr. Da gibt es eine Konsequenz und “Sie hat aber angefangen” lasse ich dann auch nicht mehr gelten. Ich verstehe viel, aber alles eben nicht.

10. Einen immer glücklichen Lehrer

Ich sage nicht, wir sollen alle unsere privaten Probleme mit in den Klassenraum nehmen und/oder unsere schlechte Laune an den Schülern auslassen. Ich sage aber: wir sind Menschen. Wir haben alle Sorgen und Probleme und wir haben auch mal schlechte Laune. Ich schaffe es meist, diese zu vergessen, weil ziemlich schnell irgendetwas Lustiges, Süßes oder Bemerkenswertes passiert in unserem Job.

Aber es gibt eben auch die Tage, an denen alles schief läuft. Der Hals kratzt, du hast noch eine Vertretungsstunde reinbekommen, eine böse Eltermail erhalten, musstest in deiner einzigen Pause einen Streit klären und wieder fehlen zwei Bleistifte. Da kann einmal schon mal der Kragen platzen. Dann reagiert man schon mal unverhältnismäßig aufbrausend oder emotional. Manchmal schreit man. Manchmal weiß man gar nicht, warum man gerade so gereizt ist. Das ist okay! In so einem Fall sage ich den Kindern ganz offen im Sitzkreis am Ende der Stunde, dass es mir Leid tut und ich darauf achten möchte, dass es nicht wieder vorkommt. In meinem letzten Durchgang habe ich sogar ein paar mal geweint. Mal vor Stolz, mal weil ich die immer gleichen Streitigkeiten nicht mehr ertragen konnte. Und das macht uns menschlich. Die Frage ist doch, wie wir als Erwachsene dann im Nachhinein damit umgehen.

Vorsätze 2018 und was aus ihnen geworden ist…

2018 ist vorbei und es ist Zeit sich einmal anzuschauen, welche meiner Vorsätze ich in diesem Jahr erfüllen konnte.

Zu Beginn steht die Erkenntnis, dass ich mir nicht ein einziges Mal im vergangenen Jahr Gedanken über meine Vorsätze gemacht habe. Ob das nun heißt, dass ich sie deshalb automatisch nicht erfüllen konnte, werden wir sehen. Gehen wir sie der Reihe nach durch:

Mehr lächeln: Das vergangene Jahr war sehr emotional. Ich habe zum ersten Mal eine eigene vierte Klasse verabschiedet. Das hat sowohl die Kinder als auch mich viel Kraft gekostet. Ich bin aber in dieses neue Schuljahr mit viel Motivation und Elan gestartet und habe sehr, sehr viel Spaß mit den Erstis. Ich glaube, dadurch, dass ich im Unterricht gelassener und entspannter geworden bin und für mich selbst ein wenig den Druck herausgenommen habe, lächle ich sicher auch häufiger. Manchmal merke ich noch, dass mich bestimmte Situationen schnell stressen- dann muss ich mich bewusst aufs Lächeln konzentrieren oder die Kids erinnern mich daran.

Weniger über Kleinigkeiten ärgern: Ich habe mich in diesem Jahr viel geärgert, allerdings weniger über die Kiddies, als über manch eine Situation im Kollegium. Am Ende sind es meist nur Kleinigkeiten, doch viele Kleinigkeiten ergeben…hach, ihr kennt das. Es hilft, wenn man nette Kollegen, Schüler und Eltern hat, um sich immer wieder daran zu erinnern, wofür man die Arbeit macht und warum man dafür brennt. Den Blog mit Inhalt zu führen, hilft übrigens auch, um sich ein bisschen Ballast von der Seele zu schreiben.

Fokus auf das Positive legen: Ein Großteil meiner Viertklässler ist auf unserer Schule geblieben und ich weiß, dass ein Großteil meine Teampartnerin Frau Radieschen und ich dazu beigetragen haben. Das allein hat so eine große Bedeutung für junge Schulen, wie unsere es ist.

Beim Schreiben der Zeugnisse ist mir auch aufgefallen, dass ich mittlerweile noch stärker stärkerorientiert bewerte und die Schüler so auch behandle. Intuitiv. Noch nicht immer. Aber ich bin zufrienden.

Mehr Fachliteratur lesen: 

Punished by Rewards von Alfie Kohn

Offener Unterricht heute von Diemut Kucharz und Thorsten Bohl (aus: Basisbibliothek für Lehrer)

Prüfen und bewerten im offenen Unterricht von Thorsten Bohl (aus: Basiswissen Referendariat.

Ja, ich habe keines davon gelesen. Keines! Kein einziges!

Eltern häufiger anrufen: Check! Es ist einfach der kürzere Weg. Anrufen ist so weit außerhalb meiner Komfortzone, dass man von Außen sagen könnte, dass ich mich anstelle. Ist wahrscheinlich auch so. Aber für mich sind Emails einfach der schnellere Weg und mit dem eigenen PC vor der Nase ist es so einfach. Schriftlich war ich schon immer stärker als mündlich. Aber wir haben regelmäßige Anrufe bei den Eltern ohne Anlass als Struktur bei uns eingeführt und es ist überraschend. Die Eltern fühlen sich gehört, öffnen sich und ich selbst bin danach ganz beschwingt. Weiter so!

Mehr von den Materialien der Kollegen profitieren: Danke, liebe Kollegen, dass ihr diese tollen Materialien erstellt und teilt.

Unterrichtsideen schneller umsetzen: Das gelingt mir gut bei Spielen, Methoden und sonstigen Ideen, mit denen ich mich voll identifizieren kann. Das Buch 33 Fresh Ups möchte ich dabei zum zweihunderttausendsten Mal nicht unerwähnt lassen.

Etwas, was ich definitiv erst in 2018 über mich gelernt habe, ist, dass ich selbst ziemlich gut darin bin, Materialien zusammenzustellen (ich schreibe bewusst nicht “herzustellen”), mich der jeweils vorherschenden Situation im Klassenraum anzupassen und mit wenig Show und wenig Zauberhut tollen Unterricht zu machen. Routinen, Rituale und feste Abläufe sind die Halbe Miete bei der Unterrichtsplanung.

Tja, was lerne ich daraus?

Ich habe für dieses Jahr keine neuen Vorsätze gefasst. Alles, was ich möchte, ist, dass ich meinen Job mit all meinen Stärken ausführen kann. Ich möchte konstruktive Kritik hören, reflektieren und daran wachsen. Ich möchte nicht mein ganzes Privatleben nach meinem Job richten, aber ich möchte all mein Herz darein legen, wenn ich in der Schule und mit den Kindern bin. Am Ende des Tages ist es den Kindern egal, wo das Arbeitsblatt herkommt. Es ist ihnen egal, in wievielen Jahrgängen zuvor es schon die gleichen Rituale gab. Wirklich wichtig ist doch, dass die Kinder sich am Ende der Ferien auf die Schule freuen und gerne dorthin gehen. Und wenn man das schafft, dann macht man schon so vieles richtig und Vorsätze braucht man dann wirklich nicht mehr.

Schaden Kindergärten deinem Kind?

Die Meinung einer Lehrerin

Auf Facebook und Instagram werden mir immer wieder Beiträge von Eltern angezeigt, die ihre Kinder „bedürfnisorientiert“ erziehen. Besondere Themen scheinen in dem Bereich das „Langzeitstillen“ und die nicht gewollte „Fremdbetreuung“ durch Kindergärten o.ä. zu sein. Zu beiden Punkten habe ich eine eigene Meinung. Da ich aber selbst keine Mutter bin und mich auch keiner nach meiner Meinung gefragt hat, werde ich mich zu dem Thema „Langzeitstillen“ hier nicht äußern. Zu dem Thema „Fremdbetreuung“ kann ich aus meiner Perspektive als Lehrerin aber schon etwas sagen. Ich weiß, dass sich die Gemüter daran spalten und ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis auch (potenzielle) Mütter habe, die meine Meinung nicht oder nicht vollkommen teilen werden, Wenn du also jetzt schon weißt, dass dich dieser Beitrag triggern wird und du es ganz und gar nicht aushalten kannst, gegebenenfalls auch eine andere Meinung dazu zu lesen, spar dir die Zeit und lies lieber etwas anderes! Dieser Artikel richtet sich gegen niemanden und gegen keine Meinung. Ich möchte einfach nur meinen Standpunkt auf Grund meiner eigenen Erfahrung deutlich machen.

boy child childhood happiness
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In einem Punkt bin ich mir wohl mit den meisten Eltern dieser Welt einig: die Beziehung und die Bindung ist das A und O wenn es um die Erziehung geht (das gilt für Lehrer und Schüler im gleichen Maße). Daher möchte ich den Wunsch danach, eine möglichst starke Bindung zu dem Kind zu haben (Lorelay und Rory Gilmore sind für meine Generation das Paradebeispiel dafür- zumindest bis Rory mit Anfang 30 immer noch ohne festes Einkommen zu ihrer Mutter zurückkehrt- aber das ist ein anderes Thema) auf keinen Fall schlechtreden. In vielen Berichten von Eltern allerdings – egal ob in den sozialen Medien oder in Zeitschriften – lese ich ganz oft „ich“ beziehungsweise „wir“, wobei sich letzteres fast immer ausschließlich auf die Eltern bezieht. Außerdem auffällig ist die häufige Verwendung des Wortes „würde“ im Zusammenhang mit „ich befürchte“. Mir stellt sich hier also zuallererst einmal die Frage: Um wessen Bedürfnisse (bzw. Ängste) geht es denn hier überhaupt? Häufig, so scheint es mir, geht es hier zu allererst um die Bedürfnisse der Eltern, häufig die der Mütter. Man kann online etliche Punkte finden, die gegen eine Fremdbetreuung in Kindergärten sprechen.

Gehen wir ein paar häufig genannte Argumente mal der Reihe nach durch, wobei ich beim Schreiben an ein drei- oder vierjähriges Kind denke, nicht an ein Neugeborenes:

Ich möchte dabei sein, wenn mein Kind Fortschritte macht

Erst einmal: Das ist DEIN Bedürfnis und dein gutes Recht, denn du hast dich entschieden, ein Kind in die Welt zu setzen. Aber dann hör doch bitte sofort auf so zu tun, als ginge es hier um die Bedürfnisse des Kindes. Dein Kind wird sich entwickeln und Fortschritte machen, egal ob es den ganzen Tag bei Mami ist, im Kindergarten oder bei der Tagesmutter. Und es wird mit seinen Entwicklungsschritten nicht darauf warten, bis du, gemütlich bei einer Tasse Kamillentee daneben sitzt und diese Situation visuell inhalieren kannst. Im Umkehrschluss heißt es aber auch: Das Kind wird sich nicht absichtlich nur noch in der KiTa entwickeln. Du wirst genug mitbekommen und viele Aufgaben liegen sowieso weiterhin in der Familie. Aber: Schon mal daran gedacht, dass das Kind woanders Dinge lernt, die du nicht unbedingt bieten kannst? Dazu später mehr…

Mein Kind soll sich nicht anstellen müssen, um etwas erzählen zu dürfen

Es ist toll, dass dein Kind das Gefühl bekommen soll, dass seine Geschichten, Erlebnisse und Berichte wertgeschätzt werden. Aber im Ernst: Bei dir darf das Kind immer lossabbeln und du kannst immer angemessen darauf eingehen und Nachfragen stellen, egal ob du gerade telefonierst, an der Kasse bezahlst oder versuchst, in die kleinste Parklücke der Welt rückwärts einzuparken? Nein? Na, guck an! Es ist für ein Kind wichtig Wertschätzung zu erfahren aber ebenso zu lernen, dass sich die Welt nicht immer nur um das Kind dreht und, dass es manchmal abwarten muss. Ich propagiere hier nicht, dass man sein Kind ignorieren oder unaushaltbar lange hinhalten soll, ich meine nur: Alles hat seine Zeit und so auch das Erzählen von Geschichten und manchmal gehen eben andere Dinge vor. Und zu unterstellen, andere können die verbalen Ergüsse deines Kindes nicht so wertschätzen, wie es es verdient hat, ist, mit verlaub, eine ziemlich arrogante Haltung.

Mein Kind soll meine Werte und nicht die anderer Menschen vermittelt bekommen

Lese ich da zweimal im gleichen Satz „mein“? Ja, in der Tat! Ein Vorschlag: Wie wäre es denn, wenn du deine Werte vermittelst, dein Kind aber gleichzeitig noch andere Werte vermittelt bekommt? Z.B. darüber, wie man sich in einer Gruppe mit gleichaltrigen verhält oder darüber, dass man andere Kinder nicht haut, weil es deinem Kind das Sandförmchen weggenommen hat? Probiere es mal aus und ich verspreche dir, dass es nicht verlernen wird, dass es mit Messer und Gabel essen soll (wenn das bei euch ein Wert ist), man „Bitte“ und „Danke“ sagt und man keine Schimpfwörter benutzt (Okay, okay, ich gebe zu, dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Das lernen Kinder häufig tatsächlich in der Fremdbetreuung aber mal im Ernst: Macht das ein gutes Kind zu einem schlechten Menschen? Ewig können wir „scheiße“ und „fuck“ eh nicht vor unseren Sprösslingen geheim halten.)

Warum soll ich mein Langschläferkind zwingen, um 7:30Uhr aufzustehen und müde in den Tag zu starten?

Ausschlafen ist schön oder? Das möchte ich auch und für die Selbstbetreuer-Mamis ist das so ein praktisches Argument. Möchtest  nicht eigentlich du ausschlafen? Hast du dein Kind mal gefragt, ob es auch bereit wäre, früher aufzustehen, wenn es dann den Vormittag über mit anderen Kindern spielen darf? Wenn ja, und die Antwort nein lautete: alles klar, akzeptiere ich!

Es muss nicht erst seinen Platz in der Gruppe finden- bei uns in der Familie hat es den

Schon mal von „Rasenmäher-Eltern“ gehört? Das sind die neuen Helikopter-Eltern. Der Begriff kommt daher, dass sie ihren Kindern jedes Hindernis aus dem Weg mähen- zum Beispiel die Schwierigkeit, sich in eine Gruppe einzugliedern. Aber auch in der Familie muss(te) sich das Kind seinen Platz suchen. Und, jetzt folgt eine riesige Überraschung: das gleiche gilt für Spielgruppen, das Kinderturnen und –Trommelwirbel – die Schule.

In der Regel erkennen Lehrer, ob ein Kind im Kindergarten war und in der Regel auch, wie lange. Denn ganz viele Fähigkeiten werden dort vermittelt, die das eigene Zuhause nur bedingt vermitteln kann und über die die Kinder bei Schulantritt verfügen sollten*:

  • Sich in eine Gruppe eingliedern (Familie ist Gruppe, aber eben eine mit festen, fast unbeweglichen Strukturen)
  • Verantwortung übernehmen (das Bild von der kleinen Kira zerstört: entschuldige dich! Dem Kuschelhasen das Ohr abgerissen: Geh zu der Erzieherin und erzähl ihr davon!)
  • Kompromisse finden und annehmen (klappt schon mal nicht, wenn dem Kind zu Hause alle Bedürfnisse erfüllt werden)
  • Kann Regeln einer Gruppe akzeptieren, die für alle gelten (für Mama und Papa gelten nämlich andere…)
  • Geduld und Impulskontrolle (Darf es alle Türchen des Adventskalenders sofort aufreißen oder macht es das heimlich?)
  • Selbstvertrauen (nicht zu verwechseln mit Egoismus)
  • Umgang mit Niederlagen (mein Lieblingsthema…hach!)
  • Kann auf Bedürfnisse anderer eingehen und ggf. eigene Bedürfnisse zurückstellen (Warum sollte es das tun? Weil keiner ein egozentrisches Kind großziehen möchte!)
  • Das Kind kann einen Stift richtig halten (Achja, das war auch ein Argument: Das kann das Kind in einer 1zu1-Betreuung viel besser lernen, als im Kindergarten, wo der Betreuungsschlüssel zu gering ist. Kein Erzieher, liebe Mutti, wird dich davon abhalten, mit deinem Kind zu Hause die Stifthaltung zu üben…im Gegenteil.)
  • Angefangenes zu Ende bringen
  • Das Kind kann mit anderen Kindern (!!!) Aufgaben lösen

Es gibt viele weitere Punkte, die ein Kind sicher zu Hause ebenso gut erlernen kann, wie auch in einer Fremdbetreuung. Manche müssen sogar zu Hause erlernt werden: Schuhe binden, Knöpfe schließen, Fahrradfahren, schwimmen, … ich könnte die Liste unendlich lange fortsetzen.

Ich frage an dieser Stelle noch einmal: Haben die meisten Mütter, die sich gegen eine Fremdbetreuung entscheiden, nicht eigentlich vor etwas Angst, vor dem sie keine Angst haben müssten? Vor dem Loslassen, vielleicht. Aber was soll sonst noch passieren? Ernsthaft! Inwiefern soll es dem Kind schaden, in den Kindergarten zu gehen?

Es gibt immer Kinder, für die Kindergärten bestimmt nicht die Lösung sind. Es gibt ebenso Kinder, für die Schule nicht das Richtige ist. Aber das sind meist doch nicht die Kinder, deren Eltern sich entscheiden, es so lange wie möglich zu Hause zu betreuen. Diese Entscheidung fällt, bevor das festgestellt werden kann. Denn, wenn sie es nicht versucht haben, können sie nicht wissen, ob es dem Kind schadet oder nicht sogar gut tut.

Ich selbst bin vor meinem ersten Geburtstag bei einer Tagesmutter gewesen. Das ging nicht gut (meine Eltern meinten, ich habe mit meinem Kopf immer gegen die Heizung geschlagen, weil ich so unglücklich war. Das erklärt eine Menge…). Daraufhin hat meine Mama ihren Job gekündigt und ich ging ab dem vierten Lebensjahr in die KiTa. Problemlos. Keine Heizungsschäden, keine Kopfschäden -zumindest äußerlich. Und nichts von dem, was ich mir in meiner Kindheit anders gewünscht hätte, hat etwas mit dem Kindergarten zu tun. Hätte meine Mama mich gefragt, ob ich in den Kindergarten möchte oder den ganzen Tag mit ihr spielen, hätte ich am Anfang vielleicht letzteres gewählt, weil ich nichts anderes kannte. Die Angst vor Unbekanntem ist natürlich. Nach einiger Zeit hätte ich mich auf jeden Fall für den Kindergarten entschieden, denn wie toll ist bitte eine Umgebung, die nur für Kinder geschaffen ist, in der es Menschen gibt, die damit Geld verdienen, sich um Kinder zu kümmern und nicht nebenbei noch bügeln oder mit dem Ehepartner streiten müssen? Wie toll ist es, aus einer Gruppe von kleinen Menschen wählen zu können, mit wem ich heute spiele und was ich heute spiele? Wie toll ist es, mir meine beste Freundin selbst zu suchen und nicht die Tochter von Mamas bester Freundin als diese bezeichnen zu müssen? Wie schön ist es, Dinge zu erfahren und Wörter zu lernen, die außerhalb dessen liegen, was meine eigene Familie kennt? Wie schön ist es, von Gleichaltrigen zu lernen- auf ganz natürliche Weise durch Abgucken und Imitieren? Wie toll ist es denn, heimlich ein Geschenk für Mama und Papa zu basteln und ihnen das an Weihnachten zu geben und die Freude in deren Augen zu lesen? Da kann das Kind stolz drauf sein, denn es braucht die Hilfe von Mama und Papa immer weniger. Und wie toll ist es dann bitte, wenn Mama und Papa sich dann in der Freizeit und an den Wochenenden auch noch um das Kind kümmern, es Wertschätzung erfahren lassen, Werte vermitteln, spielen, basteln, malen? Kann es eine schönere Kindheit geben? Ich glaube, nicht!

 

Quellen :
Huffington Post: Meine 10 Gründe, warum ich meine Kinder nicht in den Kindergarten schicke
Merkur.de: Vier Gründe, weshalb mein Kind schon früh in die Kita sollte
Süddeutsche Zeitung (17.5.2010): Bindungsgestört oder sozialkompetent?
Diverse Instagram-Profile und vor einiger Zeit gelesene Facebook-Beiträge
Meine Erfahrung

 

 

 

 

 

Mir-geht-es-gut

Unsere Schule legt sehr viel Wert auf das Miteinander, den Zusammenhalt und die Gewaltfreiheit. Dafür haben wir jahrgangsübergreifend von der Vorschule bis zum Abiturjahrgang einige konzeptionelle Prinzipien verankert: Das Schutzengelprinzip, die Giraffensprache, den Klassenrat, um nur einige zu nennen. Die Grundsteine dafür werden in den unteren Klassenstufen gelegt, sodass die Kinder genügend Zeit haben, diese Prinzipien zu verinnerlichen.

Also haben wir im Fach Lernen lernen die Zeit seit den Sommerferien genutzt um genau daran zu arbeiten. Wir haben Das kleine Wir in der Schule und Irgendwie anders gelesen, den Flüsterführerschein gemacht, die Giraffensprache kennengelernt, Freundschaftsbänder geknüpft und gemeinsam Konflikte besprochen, besprochen, wie man sie hätte vermeiden können und welche friedliche Lösung es gegeben hätte. Immer nach den Pausen, manchmal auch noch im Abschlusskreis, häufig mit der ganzen Klasse gemeinsam.

Ich selbst habe in den letzten Jahren festgestellt, dass mich diese täglichen Streits sehr aufwühlen. Ich weiß, sie sind normal und ein konfliktfreier Umgang miteinander muss gelernt sein. Hinzu kommt die Tatsache, dass Kindern manchmal nicht über die Worte verfügen, um Konflikte mit diesen zu lösen. Kinder brauchen jemanden zum Spielen, sie benötigen Anerkennung und äußern ihre Bedürfnisse manchmal mit dem ganzen Körper. Das ist normal, aber so, so, so ermüdend, vor allem, wenn auf einen Streit mangelnde Einsicht folgt. Ich musste Strategien finden, um nach diesen Konflikten schnell wieder zur Ruhe zu kommen. Und die Kinder auch.

Wie das immer so ist, ergeben sich manche Dinge wie von selbst. In dem Buch 33 Fresh-Ups habe ich ein paar Übungen gefunden, die wir seitdem immer wieder machen. Eine davon funktioniert, indem man abwechselnd den Daumen mit dem kleinen, dem Ring- dem Mittel- und dem Zeigefinger zusammenbringt und man gleichzeitig ein kleines Mantra spricht. Wir sagen immer gemeinsam “Mir-geht-es-gut” und werden dabei immer leiser, bis es ein Flüstern ist und wir es irgendwann nur noch mit den Lippen formen. Was wirklich das Wundervollste an der Sache ist: Mittlerweile fangen die Kinder damit selbst an, wenn sie merken, dass ich ihretwegen gestresst bin, damit es uns danach allen besser geht. Manchmal kann ich sie auch dabei beobachten, wie sie es (heimlich) für sich selbst machen.

Aber es wird noch besser. Denn vor kurzem habe ich ihnen diese Geschichte erzählt:

“Ihr kennt doch Mika, oder? Der Fünftklässler, der neulich hier war und euch in der Lernzeit geholfen hat (Mika ist in meinem letzten Durchgang gewesen. Er hat ein sehr schweres Päckchen an “Schulerfahrung ” mit zu uns gebracht und war aus vielen verschiedenen Gründen nicht immer einfach). Der hat mir etwas beigebracht. Einmal, da war ich richtig traurig und wütend und meine ganze Klasse hat mich richtig geärgert, weil sie immer nur stritten und nie so leise waren wie ihr. Mika ist dann einmal zu mir gekommen, hat seine Hände auf meine Wangen gelegt und gesagt: “Frau K., wenn du traurig bist, musst du einfach nur lächeln. Damit trickst du dein Gehirn aus. Es denkt, du bist wirklich glücklich und dann bist du es auch wirklich.” Und wisst ihr was, es funktioniert. Probiert es mal aus.”

Meine Erstis und ich saßen dann tatsächlich eine Weile dümmlich vor uns hergrinsend im Klassenraum. Und jetzt, jedes mal, wenn ich meckern muss, bauen die Kids mich wieder auf.

“Ich fasse es nicht! Letzte Woche sprechen wir noch über Kastanienwerfen und heute hab ich hier ein weinendes Kind sitzen, weil es von euren Kastanien getroffen wurde. Ich finde es gut, dass ihr euch entschuldigt habt und auch angeboten habt, es wieder gutzumachen. Aber ich möchte auf keinen Fall, dass sowas jemals wieder vorkommt. Nick, du meldest dich?”

“Mir-geht-es-gut, mir-geht-es-gut, mir-geht-es-gut… und jetzt noch lächeln Miss K., mir-geht-es-gut.”

Und wisst ihr was, mir geht es dann immer wirklich gut, weil ich merke, dass die Kleinen sich merken, was ich sage, auch wenn ich das nicht immer merke. Sie machen mich stolz, wirklich stolz.

Die Sache mit dem Weihnachtsmann

Neulich bin ich bei Facebook über folgende Geschichte gestolpert: eine Lehrerin in den USA erklärte ihren Erstklässlern, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt und wurde dafür gefeuert (nachlesen könnt ihr das u.a. hier: Lehrerin gefeuert). Meine erste Reaktion war: mir als Lehrerin steht es nicht zu, den Glauben der Kinder an was auch immer zu zerstören. Die Lehrerin dafür zu entlassen, dass sie die Schüler aufklärt, ihnen die Wahrheit erzählt, geht aber viel zu weit.

Nachdem ich ungefähr auch das unter den Facebookbeitrag kommentiert habe, habe ich mir keine weiteren Gedanken mehr darüber gemacht. Bis wir im Sachunterricht die Legende vom Nikolaus besprochen haben:

“…und weil der Bischoff am 6. Dezember gestorben ist, feiern wir an diesem Tag den Nikolaustag um uns an ihn zu erinnern. Lara!”

“Aber wenn der Nikolaus schon lange tot ist, wer kommt denn dann und füllt unsere Stiefel?”

Ja, so schnell kann es gehen, dass man sich in quasi der besten Absicht verplappert. Das wurde mit in diesem Moment klar und um nicht die Illusionen der Kinder zu zerstören und um Zeit zu gewinnen, habe ich die Frage an die Klasse zurückgegeben.

“Aha, eine sehr gute Frage, was glaubt ihr denn? Timo!”

– “Also, ich glaube, es ist ja nur eine Geschichte. Darf ich drannehmen? Sonja!”

– “Ich glaube, das sind unsere Eltern. Paul!”

– “Vielleicht kommt ja ein Helfer vom Nikolaus, alleine kann er es ja nicht schaffen alles, oder?”

“Ich weiß es auch nicht. Seht ihr, jeder glaubt ein bisschen was anderes und das ist auch okay!”

Damit habe ich die Katastrophe erst einmal abgewendet. Man könnte meinen, nach dem Facebookbeitrag und dieser Situation hätte mir bewusst sein müssen, dass die Kinder meiner Klasse gerade in dem kritischen Alter sind, in dem eben einige noch an den Weihnachtsmann, die Zahnfee, den Nikolaus und die Monster unterm Bett glauben. War es auch. Irgendwie.

Die letzte Sachunterrichtsstunde zum Thema Weihnachten habe ich mir spontan aus dem Hut gezaubert. In mehreren Runden, sollten die Kinder durch die Klasse gehen und ihren Mitschülern eine von mir vorgegebene Frage stellen:

Aus welchem Land kommen du und deine Eltern?

Feierst du Weihnachten?

Mit wem feierst du Weihnachten?

Was gefällt dir am besten an Weihnachten?

Gehst du an Weihnachten in die Kirche?

Bekommst du Geschenke?

Von wem bekommst du Geschenke?

Jaja, die letzte Frage… Schon klar. Aber, ich habe hinter die Frage sofort hinterhergeschoben, dass wir uns die Antwort nur anhören und sie nicht kommentieren, auch wenn es bei uns anders ist. Und es hat wirklich, wirklich gut geklappt. Es gab keinen Streit, keine Tränen einfach nur lauter fragende Kinder. Am Ende der Stunde haben wir uns noch einmal im Sitzkreis getroffen.

“Bestimmt hat der ein oder andere etwas herausgefunden, was ihn überrascht hat. Tobi!”

“Also, mich hat überrascht, dass Lydia aus Deutschland kommt und nicht aus Russland. Ich dachte immer, sie kommt aus Russland, weil sie auch Russisch kann. Phuong!”

“Ich habe gelernt, was eine Kirche ist. Marie!” (Er ist erst seit sechs Monaten in Europa und zum Glück kann man vom Fenster aus einen Kirchturm sehen, denn “Ort, an dem man betet”, hat ihm auch nicht weitergeholfen.)

“Mich hat überrascht, dass so viele Kinder ihre Geschenke vom Weihnachtsmann bekommen, dabei glaube ich, den gibt’s gar nicht.”

Fazit: Die Absicht war gut. Ich habe auch noch keine Beschwerden von Eltern gehört und meinen Job habe ich auch noch. Am Ende ist es ja unsere Aufgabe, die Kinder zu kritischen Menschen zu erziehen, gleichzeitig aber auch zu toleranten. Wann, wenn nicht bei der großen Frage um den Weihnachtsmann, können die Kinder es besser lernen und verstehen, dass jeder etwas anderes glaubt, weiß oder zu wissen glaubt. Wann sonst können die Kinder besser üben, ein Geheimnis zu bewahren, um die Vorstellung der Mitschüler nicht zu zerstören? Eben! Und meine Erstis haben das doch schon ganz wunderbar gemacht, finde ich!

Weihnachtsstress in der Schule und wie er sich in Grenzen halten lässt

Weihnachten ist, so sagen einige, the most wonderful time of the year. Für viele Lehrer bedeutet diese Zeit aber Stress: die Kids haben seit den Herbstferien bereits viele Schultage hinter sich (erschöpfte Kinder = erschöpfte Lehrer) und es stehen viele Aktionen an. Die Lehrer basteln Adventskalender, organisieren einen Ausflug ins Weihnachtstheater, proben für die Schulweihnachtsfeier, organisieren ein Klassenwichteln, backen mit der Klasse Plätzchen, basteln Weihnachtsdeko und Geschenke für die Eltern usw. Viele Kollegen versetzt das in enormen Stress. Ich habe ein paar Tipps zusammengestellt um den Weihnachtsstress in Grenzen zu halten.

Ab November den Social-Media-Konsum einschränken

Ich weiß, aus meinem Mund klingt das merkwürdig- zumindest für die Leute, die mich aus dem echten Leben kennen. Aber diese vielen Instagram-Lehrer mit ihren ganzen Pinterest-Klassenräumen können einem schon mal ein schlechtes Gewissen machen. Daher gilt: Wenn ich etwas Konkretes nachschauen möchte, gucke ich nach, einfach nur stöbern verschiebe ich auf Januar.

Adventkalender – Keep it easy

Im Idealfall kümmern sich die Eltern(vertreter) um den Adventskalender. Wenn nicht, ist mein Trick seit Jahren, es ganz simpel zu halten: Die Kinder bekommen etwas, was der ganzen Klasse zugute kommt und ich sowieso besorgt hätte (letztes Jahr waren es für die vierte Klasse zum Beispiel Geodreiecke, dieses Jahr für die Erstis Bleistifte und Radiergummis zum Verbleib in der Klasse). Die einfachen Butterbrottüten haben die Kinder im Kunstunterricht gestaltet und nun steht alles schön drappiert im auf Tannenzweigen (1,99€ bei Blume2000) im Klassenraum.

Shoppingstress vermeiden

Ja, ich stimme zu: man muss Amazon nicht unbedingt unterstützen. Wenn man aber rechtzeitig weiß, was man für den Dezember benötigt, kann man eine Großbestellung aufgeben: Bastelmatierialien, Inhalt für den Adventskalender, Zutaten für Plätzchen usw. Das alles kann man sich dann auch gleich in die Schule liefern lassen und man ist mal weniger Packesel als sonst.

Wichteln und Weihnachtsgeschenk- muss das sein?

Ich finde, dass die Kinder heutzutage sowieso viel zu viel bekommen und manche Dinge gar nicht mehr richtig wertschätzen können. Der Adventskalender ist genug – mehr muss es nicht sein (vielleicht ist das auch ein Privatschulding. Ich weiß, dass es Kinder in Deutschland gibt, die zu Hause wohl keine schönen Weihnachten verbingen und da ist das Anliegen der Lehrer zu verstehen, einen Ausgleich schaffen zu wollen).

Nicht das eigene Geld ausgeben

Unser Geld ist hart verdient. Kein Lehrer sollte für Geschenke für die Klasse sein eigenes Geld ausgeben. Wer keine so volle Klassenkasse hat, kann z.B. die Eltern vorher bitten, die Dinge für den Adventskalender zu besorgen oder man verzichtet eben drauf. Ja, es ist schön, den Kindern eine Freude zu machen, aber notfalls geht es auch ohne. Die Kids werden es euch nicht verübeln (übrigens gibt es auch viele kostenlose Alternativen: Rätselkalender, Ausmalbilder…).

Ideen wiederverwerten

Nachdem ich drei Jahre lang immer mehrere Klasenstufen in Englisch unterrichtet habe und mir die Themen und die Lehrmaterialien zu den Ohren rauskamen, bin ich froh über eine Pause von dem Fach und über meine neue Herausforderung “Sachunterricht”. Ich bin auch keine Lehrerin, die jedes Arbeitsblatt aufhebt in der Hoffnung, es noch mal gebrauchen zu können (wahrscheinlich bin ich die Lehrerin mit den wenigsten Materialien in diesem Land). Aber es spricht nichts dagegen, alle vier Jahre den gleichen Sketch aufzuführen oder das gleiche Lied zu präsentieren.

Weihnachtsroutine schaffen

Seit einiger Zeit ist mir klar, dass Routinen und Rituale nicht nur für die Kinds wichtig sind sondern auch für mich. Dass ich weiß, was als nächstes kommt, gibt mir Zeit, mich zu sammeln und durchzuatmen und je ritualisierter etwas ist, desto mehr kann ich mich zurücknehmen.

Wir starten morgens immer mit dem brennenden Adventskranz. Ich lese dann ein Kapitel aus unserem Weihnachtsbuch vor (es gibt viele Kinderweihnachtsbücher, die in 24 Kapitel eingeteilt sind, z.B. “Schnüpperle” oder “Weihnachten im Möwenweg”), bevor das Adventskalendertütchen geöffnet werden kann. Wir genießen die Zeit sehr und die Kinder sind im Sitzkreis selten so andächtig ruhig.

“Weihnachten” thematisch behandeln- aber nicht auf Krampf

Ich höre von Erwachsenen immer wieder, dass sie gar nicht richtig in Weihnachtsstimmung kommen. Da kann die Einbettung des Themas in den Unterricht helfen. An unserer Schule gibt es keinen Religionsunterricht, daher habe ich beschlossen, “Weihnachten” im Sachunterricht zu behandeln. Zunächst haben alle Kinder Gegenstände von zu Hause mitgebracht, die sie mit Weihnachten verbinden: Kugeln für den Weihnachtsbaum, Lebkuchenhäuschen, einen Schneemann, Ausmalbilder und Plätzchen. So haben wir uns das Backen gespart, aber trotzdem hatten wir eine große Plätzchenverputzerei.

Dann haben wir besprochen, warum wir überhaupt Weihnachten feiern.

“Warum feiern wir überhaupt Weihnachten? Finn!”

“Ich glaube, weil wir ja immer so viele Wünsche haben und unsere Eltern das ja nicht immer alles kaufen können. Und an Weihnachten ist es ja ganz okay.”

“Nee, das ist nicht der Grund. Leyla!”

“Ich glaub, weil da das Christkind geboren wurde.”

“Das stimmt. Hast du eine Idee, warum das so besonders ist, dass wir das feiern wollen. Lena!”

“Ich habe noch eine Frage: Woher wissen wir denn, dass da der Weihnachtsmann geboren wurde?

Dieses Missverständnis haben wir natürlich sofort aufgeklärt. Bis zu den Ferien werden wir uns noch damit beschäftigen, was das mit dem Advent soll und besprechen, wie die einzelnen Kinder der Klasse Weihnachten feiern.

Im Deutschunterricht in der 2. Klasse lese ich auch zu Beginn jeder Stunde ein Kapitel “Schnüpperle”, aber das war es dann schon mit Weihnachten für den Moment, weil ich unser Thema “Beschreibung ” nicht unterbrechen wollte. Aber, aber: nächste Woche wird der Weihnachtsmann beschrieben und die zwei Tage vor den Ferien lesen wir noch ein bisschen. Mein Motto: alles kann, nichts muss!

Tu, was dir Spaß macht

Es gibt natürlich tausende Dinge, die wir zur Weihnachtszeit mit unserer Klasse machen können. Aber das Wichtigste ist, dass wir selbst uns nicht stressen. Man kann getrost auch im März ins Theater gehen (ist dann meist auch günstiger) und auch Schlittschuhlaufen geht noch im Januar. Wenn du gerne backst oder den Stress in Kauf nehmen willst: tu es! Wenn es dir schon zu viel ist, einen Adventskranz zu kaufen (oder ihr keine Kerzen brennen haben dürft), lass es! Wenn du von Herzen ein Pinterest-Lehrer bist: super! Wenn du eher der Grinch bist: auch okay! Viele haben auch von der Schule ein vorgeschriebenes Programm zu erfüllen. Dann kann man alles andere minimieren.

Wir müssen z.B. immer für den Weihnachtsbasar basteln und unsere Basteleien bei diesem verkaufen. Der Basteltag ist so ein Anlass, für den Pinterest und Instagram eine riesige Hilfe sein können. Ich lade mir zum Basteln auch immer Eltern ein. Mehr Erwachsene bedeutet auch weniger Stress für mich (und wenn man Glück hat, kommt sogar die Mama “dieses einen Schülers” und man lernt diesen mal von einer ganz anderen Seite kennen).

Am Ende sind wir selbst nur Menschen und unsere Gesundheit steht an erster Stelle und für unsere private Weihnachtszeit mit der Familie sollten wir genügend Reserven behalten.

In diesem Sinne: Eine besinnliche Weihnachtszeit mit möglichst wenig Stress!

Foto Quelle: Alle Fotos sind aus der WordPress Free Photo Libraby

Lehrergesundheit

Neulich ist mir aufgefallen, dass ich schon manch einen Beitrag geschrieben habe, den ich heute anders schreiben würde. Durch die Berufserfahrung aber sicher auch durch den Austausch mit anderen Kollegen und durch meine Interviews, hat sich meine Sicht auf die Dinge mitunter geändert oder mein Horizont erweitert. Die derzeitige Instalehrerchallenge nehme ich also zum Anlass, diesen Beitrag von vor zwei Jahren zu recyclen.

Die Lehrer unter euch wissen, dass Lehrer nicht immer frei haben, sogar häufig an den Wochenenden und in den Ferien arbeiten (Nicht-Lehrer, ich sehe euch an dieser Stelle förmlich die Nase rümpfen, die Augen rollen und euch denken: 13 Wochen Ferien im Jahr braucht kein Mensch) Daher ist es besonders wichtig, dass sie etwas für ihre Gesundheit tun. Denn nicht umsonst haben Studien belegt, und was Studien belegen glauben wir alle, dass “Lehrer” eine Berufsgruppe mit sehr hoher Burnout-, Alkoholabhängigkeits- und Drogenkonsumrate ist. Irgendwoher muss es ja kommen. Klar, Überforderung, anstrengende Kinder und Veranlagung bzw. Eignung für den Job spielen eine Rolle. Aber es muss ja einen Grund geben, warum nur (hahahaha) 30 Prozent der Lehrer ein Burnout erleiden, viele andere aber nicht.

Fragt man meinen Chef, ist sportlicher Ausgleich ein Weg zum Ziel. Fragt man mich, sage ich das Gleiche (wobei ich finde, dass wir uns noch verhältnismäßig viel “bewegen”). Wir haben das Glück, dass unser Schulleiter einen Nachmittag in der Woche eine Yogalehrerin kommen lässt, die mit den Kollegen anderthalb Stunden Yoga macht. Und obwohl das in der Schule stattfindet, bin ich danach wie neu (und was habe ich mich innerhalb der letzten drei Jahre verbessert: Meine Yogalehrerin sagt, wir seien mittlerweile fortgeschritten, dabei kann ich echt viele Posen nicht, aber wer braucht schon die Krähe?). Ich habe auch viele Kollegen, die nicht zum Yoga kommen, die laufen dann aber einmal im Jahr einen Marathon, machen Karate, spielen Hockey usw. Das sind auch die ausgeglicheneren Menschen bei uns im Lehrerzimmer.

Aber nicht nur Sport ist wichtig, sondern auch die Ernährung. Die Banane ist der Pausen-Energielieferant überhaupt. Außerdem Nüsse, Avocado, Gummibärchen, Kuchen, Kekse, …, … . Na gut, ihr merkt, was hier läuft: Die typischen Lehrerzimmer sind voll leckerer Versuchungen, aber leckeres Essen ist wichtig für´s Wohlbefinden und überhaupt…. Apropos Wohlbefinden: Koffein! Viele brauchen den (ich hab da auch so meine Tage…), aber habt ihr es mal ohne probiert? Ich will hier keine Lebenshilfe leisten, aber eine Woche ohne, und ihr seid automatisch fitter. Ich habs probiert!

Einen wichtigen Aspekt, den ich nicht vergessen möchte, ist unsere Freizeit. Ich werde nicht müde, zu betonen, dass ich in meinem Zuhause so gut wie nie arbeite- damit meine ich nicht nur Planen und Korrigieren, sondern auch Adventskalender basteln u.ä.. Zwei bis dreimal im Schuljahr kommt das vielleicht vor. Aber nicht, weil ich irgendwas fertig kriegen MUSS, sondern weil mich die Muse küsst (sagt man das so?) und ich Lust drauf habe. Lehrer, die laminieren und schneiden als ihr Hobby sehen, sollten sich, meiner Meinung nach, über kurz oder lang ein anderes Hobby suchen. Ich glaube, wenn ich nicht diesen tollen Arbeitsplatz in der Schule hätte, würde ich mir zu Hause feste Zeiten nehmen, die Arbeitszeit sind. Hab ich im Ref zumindest so gemacht.

Zu guter Letzt hilft mir eine gute Durchmischung an Freunden: Lebensgefährte- kein Lehrer (war jetzt aber nicht ausschlaggebend, ein Lehrer hätte es auch getan!), meine Freunde- von allem ein bisschen. Ich finde es gut, mich mit meinen Freunden und Freundinnen austauschen zu können, Ideen zu brainstormen und ja, auch mal zu lästern. Gespräche mit Lehrerfreundinnen bleiben bei mir aber oft Gespräche über Schule. Daher liebe und brauche ich es ebensosehr, mit meinen Nichtlehrerfreunden zu reden, auch ein bisschen über die Arbeit (das gehört sich wohl so, wenn man erwachsen ist), aber auch über alles andere und vor allem auch über deren Job. Das ist gleich viel weniger emotional und somit auch eine große Entlastung in unserem ohnehin stressigen Alltag.

…ach ja, und Schlaf. Ich schlaf jede Nacht zwischen 6-8 Stunden, wobei es meistens tatsächlich eher acht sind

Jeder Lehrer (und wohl nicht nur die) sollten sich Eckpfeiler der Entspannung schaffen, Oasen der Nicht-Arbeit. Wenn wir Wochenenden und Ferien durcharbeiten, ist es kein Wunder, dass wir nach drei Wochen Schule schon wieder ferienreif sind.

Damit der Spaß nicht zu kurz kommt, folgt hier ganz ohne Zusammenhang noch eine kurze Klassenzimmergeschichte:

*Neulich im Sachunterricht: Die Schüler sollen sich überlegen, welche Art von Kindern man gerne in seiner Klasse hat. Beschrieben ist ein Mädchen, das gerne lästert. Ria hat dazu eine Frage:

“Frau K., was heißt lästern?”

– “Das ist, wenn jemand hinter dem Rücken schlecht über jemanden redet. Also, wenn ich zum Beispiel zu Milli sage, was Finnja für ´ne dumme Kuh ist.”

Später im Sitzkreis:

Tim: “Du, Frau K., was heißt eigentlich lästern?”

– “Ria kann das erklären.”

Ria: “Also, wenn man lästert, muss man sich hinter den Rücken von jemand stellen. Warte, ich mach das mal bei Frau K. vor… (Ria stellt sich hinter meinen Rücken)…so…und dann was Schlechtes über sie sagen. Zum Beispiel: Frau K. ist doof und gemein.”

Tim, ganz aufgeregt: “Ah okay. dann weiß ich, dann weiß ich.”

Alle Bilder sind aus der WordPress Free Foto Library

Philosphieren mit Kindern

Ich habe zum Sommer den Deutschunterricht der zweiten Klasse übernommen. Diese Klasse galt aus verschiedenen Gründen als “schwierig”: sie hatte im ersten Schuljahr zwei Deutschlehrer und eine Reihe von Vertretungslehrer – okay, eher eine Menge Vertretungslehrer. Kein Lehrer hatte so richtig eine Ahnung, wo die Kinder stehen und ich habe schlimmstes erwartet. So schlimm ist es allerdings gar nicht gewesen. Das einzige, was ihnen gefehlt hat, ist der Spaß am Deutschunterricht und einige Basics. Fragen beantworten wie: “Was fällt dir auf?” und einfach mal drauf losreden, ohne erraten zu wollen, was der Lehrer hören will. Und ja, eine strenge Hand irgendwie auch. Beides habe ich versucht, zu kombinieren. So Zuckerbrot und Peitsche irgendwie.

Seit vier Wochen philosophiere ich mit den Kindern nun. Dafür gibt es ein paar Regeln:

1) Jeder darf sagen, was er denkt und was ihm einfällt.

2) Es gibt kein richtig und kein falsch (obwohl es das manchmal doch gibt, aber dann lenke ich die Kinder dort unauffällig hin)

3) Keiner wird ausgelacht.

4) Wenn du etwas direkt zu deinem Vorredner sagen möchtest, meldest du dich mit beiden Händen und der Schüler darf dann drei Kinder drannehmen.

Diese Regeln habe ich nicht vorgebenen. Die haben sich im Prozess entwickelt. Ich liebe die Gespräche, weil man nie weiß, in welche Richtung sie sich entwickeln.

Die erste Frage, über die wir gesprochen haben, war: Was ist Leben?

“Um zu Leben benötigt man, Arme, Beine, einen Kopf, ein Herz und eine Lunge.”

“Neeee, Arme braucht man nicht.”

“Beine auch nicht.”

“Aber Knochen. Sonst würde man immer hinknicken.”

“Stimmt, man braucht Knochen um zu leben.”

Haben Pflanzen denn Knochen?

“Nein.”

Aber leben Pflanzen?

“Ja, stimmt. Man braucht keine Knochen. Aber was zu trinken.”

“Und ein Gehirn. Woher soll man sonst wissen, dass man was zu trinken braucht?

“Und ich glaube, eine Seele braucht man auch.”

Insgesamt war das Gespräch natürlich länger, aber ich fand den Aspekt mit der Seele so interessant, dass ich die Frage danach in der nächsten Woche aufnahm. Was ist die Seele?

“Jeder Mensch hat eine Seele. Sie entscheidet glaub ich, ob wir ein Mädchen oder Junge sind.”

“Ich glaub, sie entscheidet, was wir mögen.”

“Ich glaube, die entscheidet wie wir sind. Ob wir lieb oder böse sind.”

“Hmm…ich glaub, es gibt keine bösen Seelen.”

“Ich glaub schon. Also, wir alle hier und unsere Eltern haben gute Seelen. Aber ich glaube manche Menschen haben böse Seelen. Arme Leute zum Beispiel.”

Glaubst du, dass alle armen Menschen böse sind?

“Nein. Manche können auch nichts dafür, dass sie arm sind.”

“Stimmt. Aber vielleicht ist das ja für manche Menschen eine Strafe. Sie machen was böses und werden dafür arm.”

“Also, ich glaube nicht, dass man mit einer bösen Seele geboren wird.”

Sondern?

“Naja, vielleicht wird die Seele böse, wenn man was schlimmes erlebt. Das kann doch sein.”

“Ich stimme dir zu, weil warum sollte denn jemand einfach so eine böse Seele haben. Das wäre ja unfair. Aber wenn der immer mal schlimme Sachen erlebt hat, wird die Seele dann vielleicht auch schlimm.”

Auch wenn wir die ursprüngliche Frage gar nicht beantwortet haben, ist das Gespräch doch in eine sehr schöne Richtung gegangen. Und in der Philosophie geht es doch genau darum: Über eine Frage nachzudenken und dadurch zu einer weiteren Frage zu gelangen. Spätestens nach dieser Stunde wusste ich, dass ich das mit dem Philosophieren weiter machen möchte.

In der nächsten Woche haben wir besprochen, woher das Böse kommt und was ein schlechtes Gewissen ist.

“Ein schlechtes Gewissen ist, wenn man zum Beispiel lügt.”

“Ein schlechtes Gewissen ist, wenn man was falsches macht und dann Ärger bekommt.”

“Aber nicht nur wenn man Ärger bekommt.”

“Ich stimme dir zu, weil man ja schon vom schlechten Gewissen merkt, dass man was falsch gemacht hat. Ich glaube, das ist noch größer, wenn man keinen Ärger bekommt.”

Oh, das musst du mal erklären.

“Naja, wenn man wenigstens Ärger bekommt, dann ist das Geheimnis wenigstens raus. Wenn man das für sich behält, ist es tausendmal schlimmer, so dass man fast platzt.”

Danach haben wir noch über ein Beispiel aus dem Buch Die großen Fragen von Julia Knop gesprochen. Da ging es darum, dass dein bester Freund von dem coolsten Jungen der Klasse beschuldigt wird, ein Dieb zu sein. Du kannst beweisen, dass er nicht der Dieb ist. Die Kinder sollten nun entscheiden, wie sie sich verhalten würden: Entweder sie schweigen, oder sie stehen für ihren Freund ein oder sie beschuldigen ihn auch als Dieb, um die anderen nicht gegen sich zu haben.

Die Kinder brauchen in unseren Gesprächen nur noch ganz wenig Lenkung. In den nächsten Stunden möchte ich versuchen, dass sich auch die 6 Kinder beteiligen, die sich bisher noch nicht beteiligt haben. Vielleicht schaffe ich das durch ein Marktplatzgespräch oder eine Murmelphase zu Anfang. Vielleicht reicht es auch aus, eine Minute Nachdenkzeit zu geben, bevor wir mit dem Gespräch beginnen.

Ich für meinen Teil liebe die Gespräche, weil sie ein wertfreier Raum sind, die Schüler ihre eigenen Gedanken äußern dürfen und man manchmal auch interessante Dinge über das Elternhaus erfährt.

“Meine Mama sagt, man darf armen Menschen auf der Straße kein Geld geben, weil man nicht weiß, ob sie böse sind.”

Gut, das haben wir im Laufe des Gespräches dann zum Glück noch geklärt.

Meine Fragen nehme ich fast alle aus dem Buch Die großen Fragen von Julia Knop. Es ist eine tolle Hilfe, wenn man damit einsteigen möchte.

Lasst doch bitte die Kinder endlich nicht in Ruhe!

Einmal im Jahr steigere ich  in einen neuen Wahn hinein. Dieses Mal ist er ausgelöst durch Eltern, manch einem Kollegen und Instagram. Letzteres ist für alle, die mich aus dem echten Leben kennen, ein wahrer Schock. Denn ich bin ein Instaholic. Ich liebe den Austausch auf dieser Plattform, diese tollen Ideen, die teilweise sogar kostenlos geteilt werden, aber… diese ganzen Belohnungs- oder noch schlimmer Bestrafungssysteme: Ihhh, baaah! Die finde ich so richtig, richtig doof.

Ich habe jahrelang mit Systemen wie Ampeln, Psst-Karten, grüne Karten, gelbe Karten, rote Karten, Lernkönige, Smileys, Sticker usw.  gearbeitet. Hat auch alles gut geklappt: Bei immer den gleichen Schülern. Leider überwiegend bei denen, die so ein System gar nicht benötigen. Ich will nicht jetzt schon alles schlechtreden: Natürlich hat es auch bei den anderen gezogen. Kurzfristig. Denn der Frust setzt ein, wenn man es selten schafft, grüne Karten zu sammeln, häufig aus dem Sitzkreis fliegt usw. Kurzum: Diese Systeme nutzen sich ab und ebenso die Konsequenzen.

Diese Systeme haben meiner Meinung nach einen weiteren großen Haken: Sie bekämpfen nicht den Kern des Problems. Wenn ein Kind haut, den Unterricht massiv stört, Schimpfwörter benutzt, nicht arbeitet, hat das Kind ein Problem. Und dieses erkenne und bekämpfe ich nicht mit so einem System. Es dämpft es nicht einmal. Das Belohnungs-/Bestrafungssystem bekämpft wenn überhaupt die Symptome dieser, nie aber die Ursache. Schlimmer noch: es verleitet den unreflektierten Lehrer dazu, an der Oberfläche zu bleiben, den Job darin zu sehen, das System umzusetzen. Ein Kind, das Aufmerksamkeit braucht, wird durch ein System nicht aufhören, nach dieser zu schreien. Ein Kind, das haut, wird nicht damit aufhören, solange die Gründe dafür nicht bekämpft sind und andere Verhaltensmuster erlernt werden. Die Gründe finde ich nur durch Gespräche heraus. Verhaltensmuster erlernt ein Kind nicht dadurch, dass es sieht, was es nicht darf. So ein System manipuliert das Kind -“Wenn du deine Probleme nicht zeigst, bekommst du etwas dafür” -, aber die die Ursache wird nicht bekämpft.

Alles, was Kinder wirklich brauchen, ist wahrhaftige und aufrichtige Anerkennung und Aufmerksamkeit. Diese erhalten sie durch ernst gemeintes und differenziertes Lob. Nicht durch Klebebildchen und Co.

Wir können die Kinder Anfangs dafür loben, dass sie schnell an ihrem Platz sind. Mehr als ein Lob als Belohnung sollte es nicht geben. Denn es sollte normal sein, dass die Kinder sich hinsetzen, wenn der Unterricht beginnt, spätestens aber, wenn der Lehrer es verlangt.

Wir können den Kindern sagen, dass sie fleißig arbeiten, wenn sie es tun, und ihnen eine Botschaft unter ihre Arbeit schreiben. Ihnen sagen, dass sie stolz auf sich sein können. Eine Belohnung darüber hinaus wird nicht nötig sein. Sie sorgt nur dafür, dass die Kinder sich an äußere Anreize gewöhnen und die intrinsische Motivation schrumpft.

Wenn ich höre, dass Kinder zu Hause Belohnungssysteme haben fürs Zähneputzen und Jackeaufhängen, beginne ich an der Menschheit zu zweifeln!

Wer einmal Schüler hat strahlen sehen, weil man ihnen gesagt hat, dass man stolz auf sie ist, weiß, dass keine Lernkönig der Welt, keine grüne Karte dieses Gefühl bei ihnen hervorrufen kann. Denn dieses Lob gehört ganz allein ihnen.

Ja, diese Systeme sind für uns Lehrer aus einigen Gründen sinnvoll: sie sind bequem. Sie lassen uns schnell reagieren, unter Umständen sogar non-verbal. Sie sparen Zeit. Weil man sich nicht mit dem Kind als Individuum beschäftigen muss. Sie sind augenscheinlich fair  – aber niemals wirklich. Um das zu merken, muss man sich nur einmal ernsthaft selbst beobachten:

Die kleine, normalerweise ruhige Finja bekommt nicht so schnell eine gelbe Karte, wie der wuselige Justin; allerhöchstens eine mündliche Verwarnung. Aber Justin ist, egal wie er sich verhält, sensibel und nicht blöd. Der merkt das ganz genau. Er wird frustriert.

Zum ersten Mal arbeiten wir an unserer Schule in diesem Schuljahr komplett ohne System und überwiegend mit positiver verbaler Verstärkung. Im letzten Jahr habe ich damit in zwei Klassen bereits begonnen. Es kostet Kraft, aber es funktioniert. Man muss sich darauf einlassen und sich ein Repertoire an verbalen und non-verbalen Reaktionen zulegen. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man Zeit für Gespräche benötigt. Ich rede jetzt viel mehr. Ich höre mehr zu. Ich verstehe mehr. Die Kinder bekommen die Chance, sich zu erklären. Sie erfahren, dass ihr Klassenraum ein geschützter Raum ist, in dem die Lehrerin aktiv auf Störungen reagiert (“Störungen zu ignorieren ist reagieren- solange es bewusst geschieht!”). Die Kinder selbst formulieren nach 10 Wochen in der ersten Klasse Lob. An sich. An andere. An uns Lehrer.

Bei den Klassen, die Belohnungssysteme gewohnt waren, ist es teilweise anders. Da dauert die Umstellung länger. Aber es schießen die gleichen Kinder quer, die es vorher auch getan haben. Es arbeiten die gleichen Kinder leise und motiviert, wie im letzten Schuljahr. Nur, dass alle gleichermaßen berücksichtigt werden. Fair. Und alle werden belohnt: Mit Spielen, mit einem Film, mit einem Spielzeugtag, einer längeren Pause. Nur ist diese Belohnung nun nicht mehr an Bedingungen geknüpft. Die Klasse muss keine bestimmte Anzahl an Sternchen mehr sammeln. Sie erhalten die Belohnung, weil sie es verdienen. Weil sie geschätzt werden. Und jeder leistet seinen Beitrag dazu. Da nicht alle Kinder gleich sind, gibt es Kinder, die mehr Hilfe benötigen.  Auch bei uns gibt es einzelne Kinder, die mit einem Verstärkerplan arbeiten. Der ist ganz individuell und mit den Eltern abgesprochen. Auch der wird sich irgendwann abnutzen. Aber manchmal kann man dann ja schon eine Vereinbarung mit dem Schüler treffen, in dem so ein Plan gar nicht mehr vorkommt.

 

 

 

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Um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich gibt es Konsequenzen für Regelverstöße. Kippt ein Kind zum Beispiel mit Absicht den Anspitzerinhalt auf dem Boden aus, rutscht es nicht auf rot, sondern fegt den Schmutz auf (ja, unter Umständen tut er das auch in der Pause). Wenn ein Kind immer wieder das Gespräch stört und da steckt keine tiefergehende Ursache als Ungeduld hinter, kann es nicht mehr am Gespräch teilnehmen. Wenn ein Kind 20 Minuten nicht arbeitet und man kann Über- und Unterforderung als Ursache ausschließen, arbeitet der Schüler das in der Pause oder zu Hause nach. Mit einem System, nimmt der Lehrer sich nur selbst die Glaubwürdigkeit. Denn erst dieses verleiht, wenn es denn da ist, dem Gesagten Nachdruck. Die Schüler sollen auf uns hören, lernen, sich entschuldigen, Ordnung halten, weil wir eine Klassengemeinschaft sind und sie es wollen und nicht, weil eine Belohnung winkt!