Frontalunterricht 2.0

… warum er vielleicht doch besser ist als sein Ruf

Quelle: Pexels (Max Fischer)

Spätestens als ich mein Studium begonnen habe, habe ich gehört und verinnerlicht, wie wichtig das selbständige Lernen, Projekt- und Stationenarbeit und schülerzentrierter Unterricht ist. Obwohl der Frontalunterricht kein Gegensatz dazu ist, wurde er häufig so verwendet und gleichzeitig verteufelt. Es sollte keine frontale Phasen geben, der Sprechanteil des Lehrers auf ein Minimum reduziert und den Schüler:innen nicht alles vorgekaut werden. Diese, mittlerweile würde ich sie so nennen, Glaubenssätze habe ich verinnerlicht, in Hospitationen bei anderen darauf geachtet und mich auch selbst ein Stück weit daran gemessen. Irgendwie.

Denn offenbar war mir intuitiv schon immer klar, dass die Rechnung nicht ganz aufgehen kann. Grundschüler:innen benötigen Anleitung, Erklärungen und Beispiele. Man kann nicht von ihnen erwarten, dass sie sich jede Aufgabenstellung allein erschließen, auch wenn es Schulen gibt, die so arbeiten und Eltern, die sich das für ihre Kinder wünschen (häufig, weil es an diesen Schulen vermeintlich weniger Druck gibt, aber das ist ein anderes Thema). Und so habe ich schon immer meinen „Frontalunterricht light” genossen, nämlich das gemeinsame (Er)Arbeiten von Problem- und Aufgabenstellungen im Sitzktreis.

Mittlerweile gibt es verschiedene Studien, aus denen hervorgeht, dass Kinder besser lernen, wenn sie strenger geführt werden – also weg vom jahrelang beschrieenen “Lernen durch sebstsändiges Probieren und Entdecken wann und wo sie wollen”, hin zu Klarheit und Struktur. In einer groß angelegten Studie von John Hattie wurde das z.B. festgestellt. Außerdem stellte er fest, dass offener Unterricht und Freiarbeit keinerlei Effekte auf den Lernerfolg des Kindes haben, weder positiv noch nagtiv. Deutliche Effekte hingegen haben klare Strukturen, echte Lernzeit, Klarheit der Lehrperson und die Lehrer-Schüler-Beziehung (die meiner Meinungnach für Unterricht egal welcher Art, das A und O ist). Eine Münchener Studie fand zudem heraus, dass die Steigerung des Frontalunterrichts um 10% zu einem Wissensvorsprung von bis zu zwei Schulmonaten führt.

Meiner Meinung nach sind Studien dazu aber nicht mehr nötig, da so ziemlich jede Schule dank Corona mittlerweile selbst herausgefunden haben sollte: Selbsständiges Lernen, bei dem die Kinder für das Homeschooling nur Lernpakete erhalten haben, funktioniert langfristig und vor allem breitflächig nicht. Ich lehne mich soweit aus dem Fenster zu behaupten, dass die Lernrückstände besonders in den Klassen auftreten, in denen die Lehrkräfte längerfristig so gearbeitet haben. Diese Schüler:innen waren sehr auf die Hife der Eltern angewiesen oder wurden abgehängt. Ein Stück weit besser hatten es die Kinder, deren Lehrer:innen Erklärvideos aufgenommen haben. Hier hat dann nur die unmittelbare Rückmeldung an das Kind gefehlt. Am besten war der Unterricht sicher für diejenigen, die online nach Stundenplan unterrichtet wurden. Und genau in dieser Phase, im zweiten Lockdown, habe ich den Frontalunterricht zu lieben gelernt. Weil mir wichtig war, dass die Kinder geschlossen zur Schule kommen können wenn sie und die Eltern das wollen, haben wir meine Klasse auf zwei Räume aufgeteilt – aus dem Klassenraum wurde der Unterricht dann in den Nachbarraum und zu den paar Kindern nach Hause gestreamt. Hier habe ich, aus der Not eine Tugend machend, jede Stunde frontal begonnen und auch beendet. So haben alle Schüler:innen die notwendigen Erklärungen erhalten und alle hatten die Möglichkeit, die Arbeitsergebnisse zu vergleichen und Fragen zu stellen – das war besonders für die Kinder zu Hause wichtig.

Welche Vorteile bietet der Frontalunterricht für die Lehrperson aber noch und auch außerhhalb einer Pandemie? Vorausgesetzt, es herrscht ein gesundes und respektvolles Arbeitsklima, in dem die SchülerInnen keine Angst vor Fehlern haben, kann schon zu Stundenbeginn festgestellt werden, welche Kinder die Aufgaben verstanden haben und welche nicht. Spätestens aber in den Phasen, in denen verglichen wird, erkennt man wie oft Haken gemacht und wie oft radiert wird. (Mit dieser Methode spart sich der Lehrer auch das ständige Einsammeln der Heften.) Fragende Augen, ausbleibende Meldungen…ein Hinweis, dass ein Thema bzw. die Aufgabe noch nicht verstanden wurde. Erklärt der Lehrer die Aufgaben nicht, arbeiten Kinder mitunter -und auch das habe ich erlebt – einfach schon los und manchmal dann ganze Aufgabenformate falsch; ganz einfach, weil es zu spät auffällt. Gezielte Lehrerfragen können das verhindern.

“Lehrerfragen dienen dazu, den Unterricht zu strukturieren und zu steuern, die Aufmerksamkeit der Lernenden auf relevante Aspekte des Unterrichts zu lenken, das Vorwissen zu aktivieren, die Lernenden anzuregen und herauszufordern, Lernwege, (Miss-)Konzepte und (Fehl-)Vorstellungen offenzulegen, den Wissens- stand der Lernenden zu ermitteln, Unterrichtsergebnisse zu sichern oder manch-
mal auch dazu, die Lernenden zu disziplinieren.”
(Lipowsky 2015, S. 80)

Was häufig als Gegenargument angeführt wird, ist die fehlende Individualisierung, Das sehe ich nicht. Nur, weil in dieser Phase alle dasselbe hören, heißt es nicht, dass auch alle dasselbe machen. Ein Beispiel: Ich erkläre das Stellenwertsystem zur Wiederholung. Am Smartboard ist eine Stellenwerttafel eingezeichnet, links daneben stehen Zahlen im Zahlenraum bis 10.000 und rechts daneben gibt es viele rote Punkte, die entsprechend in die Tabelle reingezogen werden sollen. Meine erste Aufforderung lautet hier: “Lies bitte die obere Zahl vor!” Nun werden sich die Kinder melden, die die Zahl lesen können und möchten. Die nächste Frage ist: “Wie viele Einer hat die Zahl?” Nun melden sich möglicherweise andere Kinder. Ein paar Kinder melden sich vielleicht auch erst, wenn wir die dritte Zahl besprechen. Andere möglicherweise gar nicht. Für die könnte man z.B. auch kurze “Murmelphasen” einbauen. Die Aufgaben für die Arbeitsphase selbst können dann auch wieder differenziert sein.

Auch Hilber und Meinert Meyer, die vielleicht bekanntesten deutschen Erziehungswissenschaftler der letzten Jahrzehnte, haben schon Ende der 90er angemerkt, dass der verrufene Frontalunterricht durchaus seine Vorteile hat, wenn man ihn zielführend einsetzt. Nicht die Methodenwahl allein sei ausschlaggebend für die Motivation der Klasse. Sich stundenlange Lehrervorträge anzuhören funktioniert nur dann, wenn der Lehrer ein guter Vortragender ist. Geschichten zuhören können die meisten Kinder erstaunlich gut. Aber auch das gelenkte Unterrichtsgespräch ist eine Form des Frontalunterrichts und in der Grundschule vielleicht die verbreitetste. Es dient dazu zu ermahnen, zu loben, zu kontrollorieren, zu verbessern und zu disziplinieren.

Seitdem ich häufiger frontal unterrichte, erkenne ich eine deutliche Steigerung in der Motivation und dem Arbeitstempo. Wenn sich Schüler:innen Aufgabenformate selbst erschließen müssen, arbeiten sie deutlich langsamer, ich würde sagen: unsicherer. Besprechen wir die Aufgaben anhand von Beispielen vor, schaffen auch sonst schwächere Schüler:innen mehr Aufgaben. Und auch die Fehlerquote sinkt. Vielen tut es gut, die richtige Lösung vor der Klasse zu nennen und dafür ein Lob zu bekommen. Besonders denen, die sonst im Unterricht untergehen, weil man zwar viel damit beschäftigt ist, die unruhigeren Kinder zu ermahnen, aber zu wenig Zeit hat, den unauffälligen Schüler:innen mal über die Schulter zu schauen.

Natürlich glaube ich nicht, dass allein der Frontalunterricht ein Kind zu einem erfolgreichen Schüler macht. Aber er schult wichtige Kernkompetenzen. Allem voran das Zuhören. Im Schulleben und in der Schule geht es aber nicht nur ums Zuhören, sondern auch ums Erklären, Verstehen, Üben, Anwenden, Merken, um das Soziale Miteinander, ums Präsentieren und so vieles mehr. Und deshalb beinhaltet guter Unterricht unbedingt verschiedene Sozialformen und Methoden. Daher plädiere ich für einen integrativen Unterricht, der den Frontalunterricht -gern in jeder einzelnen Stunde – einbezieht, aber genau so Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit ermöglicht. Natürlich bi auch ich der festen Überzeugung, dass der Zeitpunkt kommen muss, an dem die Schüler:innen sich dann Aufgabenstellungen selbständig erschließen müssen. Aber auch hier sollte man, auch im Sinne des sprachsensiben Unterrichts, Brücken und Gerüste bauen, die das Verstehen erleichtern.

Sechs Ausflüge in Hamburg

– kostenlos und coronagerecht

Zwei anstrengende Jahre liegen hinter allen. Aber besonders und vor allem hinter den Kleinsten und Jüngsten unter uns. In den Schulen ist die „neue Realität“ schon längst Gewohnheit geworden. Aber hier und da zwickt doch noch eine Sorge, drückt eine Angst oder setzt uns die Routine zu. Um gesund zu bleiben, und das gilt für Körper und Geist generell, benötigen wir vor allem frische Luft und Bewegung. Genau das, und auch das wissen wir allerallerallerspätestens seit dem ersten Lockdown, bekommen aber viele Kinder im Elternhaus nicht. Da spielt es uns doch in die Hände, dass derzeit auch die Schulen viele Ausflüge nicht stattfinden lassen können, weil Kinder nicht geimpft, die Räume zu eng oder die Gruppen zu groß sind.

Der im letzten Schuljahr an meiner Schule (wieder) eingeführte gute, alte Wandertag (ja, tatsächlich wanderte ich mit der 4. Klasse um die komplette Außenalster) hat mich dazu inspiriert, eine Liste mit Ausflügen in Hamburg zusammenzustellen, die einige Dinge gemeinsam haben: Sie führen uns an die frische Luft, sind kostenlos, schaffen Bewegung und lehrreich sind sie im Idealfall auch noch. Ich bin auch sicher, dass es ähnliche Ausflugsziele auch in anderen Städten und Regionen des Landes gibt. Wichtig ist für mich, dass es bei jedem Ausflug einen Auftrag bzw. ein Ziel gibt.

1. Tipis bauen im Niendorfer Gehege

Das Niendorfer Gehege eignet sich für einige Dinge: Rehe anschauen, Blätter, Tannenzapfen und Eicheln sammel und Tipis bauen. Was für eine tolle, handlungsorientierte Aufgabe, die schon im Unterricht vorbereitet werden kann. Zum Beispiel können die Kinder sich vorher überlegen, wie hoch das Tipi sein soll. Sie können schätzen, wie viele Stöcker sie benötigen (und dann mit der tatsächlichen Anzahl abgleichen). Sie können einen Plan erstellen, wer für welche Aufgabe zuständig ist (Stöcker sammeln, Schmuck/Deko suchen, das Bauen des Tipis usw.)

2. Rundgang durch das Grindelviertel

Ich halte das für äußerst geeignet für Grundschüler:innen, allerdings ist hier eine intensive Vor- und Nachbereitung unerlässlich. Das wundervolle Kinderbuch über Anne Frank und der Film von Checker Tobi sind super, um Kindern das Judentum und den Holocoust näher zu bringen. Unsere Dritt- und Viertklässler:innen haben in den letzten Wochen Ausflüge in das Grindelviertel gemacht und hatten dabei folgende Arbeitsaufträge:

– Über wie viele Stolpersteine „stolperst“ du? Zähle im Kopf oder mache eine Strichliste!

– Lies dir die Informationen auf den Steinen durch. Wie alt war der/die älteste, wie alt der/die jüngste Deportierte?

– Wie groß war die Synagoge? Zähle die Schritte, die du benötigst, um sie zu umrunden!

– Notiere zwei Unterschiede zwischen der jüdischen Schule und unserer!

3. Fotografieren an der Elbe (und Fährfahrt)

Ein Spaziergang von den Landungsbrücken so weit, wie eure Füße euch tragen, ist für groß und klein ganz wundervoll. Und wie toll ist es, wenn die Kinder dann plötzlich einmal ihr Handy doch mit in die Schule bringen dürfen? Bei uns ist das immer ein Hit (und während man am Wandertag noch der unbeliebteste Lehrer der Welt war, spielt man plötzlich wieder ganz vorn mit). Zur Vorbereitung könnte man verschiedene Zugänge nutzen zum Beispiel im Kunst- oder Sachunterricht. So kann man vorab verschiedene Fotos vergleichen und besprechen, was ein gutes Foto ausmacht. Man kann es auch mit dem Sachunterricht verknüpfen. Wenn das Thema gerade „Hamburg“ ist, können die Schüler:innen ihren Fokus beim Fotografieren auf alles legen, was „typisch Hamburg“ ist. (Und ja, ich weiß, dass nicht alle Schüler:innen ein Handy haben. Es wäre auch möglich mit Einwegkameras, das wäre dann nicht mehr kostenlos, oder in Gruppen zu arbeiten).

Wenn man ohnehin schon Tageskarten gelöst hat, um an die Elbe zu kommen, kann man das auch gleich noch mit einer Fährfahrt verbinden.

4. Rundgang durch den Stadtteil

Da ich an einer Privatschule arbeite, wohnt ein Großteil der Kinder in Hamburg verstreut. An staatlichen Schulen, wohnen die Kinder schon eher im Umfeldder Schule. Wie toll ist es, wenn jeder Schüler einmal die Klasse zu seinem Zuhause führen darf? So lernen die Schüler:innen gleich, welche Klassenkamerad:innen „nebenan“ wohnen.

Alternativ ist es natürlich auch möglich, Arbeitsaufträge zu geben. Hier könnten verschiedene Fragen sein:

– Wie heißt die breiteste Straße im Stadtteil?

– Wie viele Supermärkte/Apotheken… gibt es?

– An welche Straßen grenzt unser Schulgelände?

– Gibt es besondere Institutionen wie Kirchen, Sportvereine, Theater usw?

Ich bin sicher, euch fallen noch viel mehr Themen ein.

5. Müll sammeln im Volkspark

Zugegeben: Die Idee kommt nicht von ungefähr. Mit Hamburg räumt auf gibt es ein wundervolles Projekt, in welchem sich die hamburger Schüler:innen mit dem Sammeln von Müll im eigenen Stadtteil und vielem mehr beschäftigen. Wir alle aber wissen, dass große Teile der Städte verschmutzt sind. Warum also nicht losziehen und auch mal woanders Müll sammeln. Ausgestattet mit Handschuhen und Müllbeutel kannst du auch einen Wettbewerb initiieren: Wer findet den meisten Müll oder wer findet den kuriostesten Müll. Mit sauberem Müll könnte sogar im Klassenraum noch gebastelt werden. Wäre das nicht auch ein toller Anlass, um über Recycling zu sprechen?

6. Findebär spielen im Stadtpark

Achtsamkeit ist nicht nur für uns Erwachsene wichtig, sondern auch und vor allem für die Kinder. Das Spiel Findebär bietet wundervolle Suchanlässe. So sollen die Kinder z.B. Ausschau halten nach etwas Blauem oder etwas Eckigem. Ausgedruckt als Arbeitsblatt oder Merkzettel werden die Kinder richtige Schatzsucher. Möglich ist hier wieder, dass die Schüler:innen Fotos von den gefundenen Stücken machen oder, dass die Kostbarkeiten eingesammelt und schließlich ausgestellt werden. Hier müssen dringend ein paar Regeln besprochen werden: Nichts von Bäumen/Pflanzen abreißen. Nichts von fremden Grundstücken nehmen.

Quelle: Alle Fotos von pexels.com (Warum man damt vorsichtig sein muss, hat Frau Stier übrigens hier verfasst).

Das Trauma der Pandemie – jetzt neu in den Klassenräumen

Bei uns ist das Schuljahr in vollem Gange. Und zwar so sehr, dass schon die nächsten Ferien vor der Tür stehen. Und obwohl wir an Hygienemaßnahmen und Masken längst gewohnt sind, ist es in diesem Jahr doch anders.

Photo: Pexels

Die Vorschulen und ersten Klassen sind besetzt mit vielen Kindern, die die Kindergärten und Vorschulen kaum oder gar nicht besucht haben. Andere Kinder durften den Kindergarten besuchen, waren dann aber „nur“ in der Notbetreuung, ohne großes pädagogisches Angebot und mit sehr wenigen Kindern pro Gruppe.

Und nun sitzen sie in der Schule, in einem Raum mit 20 anderen Kindern. Müssen still sitzen, sich auf Unterricht einlassen, abwarten, bis sie an der Reihe sind, zuhören. Dieses Problem ist bei einigen von denen noch größer, die sehr viel Zeit zu Hause verbracht haben. Teilweise haben diese Kinder aber auch andere Probleme: Schere halten geht nicht, denn zu Hause wurde nicht gebastelt, die Stifthaltung ist verkrampft, beim Vorlesen zuhören ist schwierig, denn zu Hause darf das Kind -was super ist- immer dazwischenreden, Fragen stellen und auf das Buch tippen.

Teilweise gelingt es Vorschülern und Vorschülerinnen in diesem Jahr nicht, allein auf die Toilette zu gehen und auch eine Eingewöhnungszeit mit Mama oder Papa an der Seite, hätte einigen Kindern gut getan.

Ja! Natürlich gab es auch in den letzten Schuljahren in jeder Gruppe ein Kind, dass noch Hilfe beim Gang zur Toilette benötigte. Und ja, natürlich gab es auch die zwei Kinder, die motorische oder sprachliche Defizite hatten. Aber so geballt? Das ist neu!

Laut der Bundesregierung kam es während der Pandemie in Elternhäusern mit Kindern unter 14 Jahren häufiger zu familiären Spannungen und Konflikten. Und ich verurteile das nicht. Denn wenn die Eltern im Homeoffice sind, an Konferenzen teilnehmen, sich evtl. noch um ein Kind im Homeschooling kümmern müssen und dann noch ein Kind im Kindergarten- oder Vorschulalter haben, ist es leicht zu erraten, wo die Abstriche gemacht werden. Und das in den meisten Fällen vielleicht, weil die Energie fehlt oder auch nicht bekannt ist, welche Fähigkeiten zum (Vor-)Schuleintritt erlernt werden sollten.

Die Umstände führen bei Kindern vermehrt zu Übergewicht aufgrund falscher Ernährung (so schlecht ist das Essen in KiTas und Schulen nicht, wenn man es genau nimmt) und Bewegungsmangel (was Auswirkungen auf die Grobmotorik hat). Kinderärzte berichten von den Schuleingangsuntersuchungen vor der 1. Klasse in diesem Jahr, dass vermehrt Defizite im sprachlichen, motorischen und sozial-emotionalen Bereich beobachtet wurden. Auch führe eine vermehrt dysfunktionale Mediennutzung laut des Präsidenten des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte bei vielen Kindern zu einer Konzentrationsschwäche.

Bei vielen Kindern traten während der Pandemie zudem Ängstlichkeit, Depressivität oder Hyperaktivität auf. All diese Kinder sitzen nun in den Klassen.

Die Problematik an dieser Sache: Während die Lehrer, Lehrerinnen und Erzieherinnen nun versuchen, die hyperaktiven Schüler und Schülerinnen mit Belohnungssystemen einzufangen, verstärkt das die Ängste bei anderen.

Was kann (Vor-)Schule also tun, um den Kindern in diesen Lerngruppen gerecht zu werden?

Die Situation wahrnehmen: Zu allererst ist es wichtig, diese Fakten erst einmal zu erkennen und dies auch unter den MitarbeiterInnen (und zwar allen, weil das auch für die Pausenaufsichten, den Hausmeister und die HortmitarbeiterInnen relevant ist) und den Eltern zu kommunizieren. Die Sensibilität für das Thema ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

Eine Bestandsaufnahme durchführen: Welche Auffälligkeiten gibt es bei welchem Kind? Wie lange hat das Kind den Kindergarten/ die Vorschule nicht besucht? Wie sah der Alltag im Lockdown zu Hause aus?

Bei dieser Frage sollte vorher klar sein, dass hier kein Elternhaus verurteilt wird und die herausfordernde Zeit von uns PädagogInnen als solche anerkannt wird.

Die Eltern aufklären: Wenn die Bestandsaufnahme abgeschlossen ist, kann mit den Eltern ein Gespräch darüber geführt werden, wie die Eltern zu Hause unterstützen können. Das können Kleinigkeiten sein, wie an jedem Wochenende etwas zu basteln oder zu puzzlen. Das kann auch sein, das Kind (sofern in dem Bundesland schon wieder möglich) in einem Sportverein anzumelden. Auch sollte ggf. angeraten werden, den Medienkonsum einzuschränken und die möglichen Folgen aufzeigen, falls das nicht geschehe.

Das eigene Rollenbild neu denken: Dass es Schulen gibt, an denen sich LehrerInnen als „Lernbegleiter“ verstehen, ist nicht neu. Und in dieser Situation ist das sinnvoller denn je. Vielleicht benötigen die Kinder zu allererst eine Begleitung um mit der neuen Situation zurechtzukommen und erst dann eine Lehrerin, die unterrichtet.

So viel Personal wie möglich in die betroffenen Klassen stecken: Spätestens seit der Hattie-Studie wissen wir, dass die Klassengröße (=Betreuungsschlüssel) nicht maßgeblich für den Lernerfolg eines einzelnen entscheidend ist. Einflussreichere Faktoren sind da schon die Frühförderung, die Spielförderung und die Lehrer-Schüler-Beziehung, die Klarheit der Lehrperson sowie das Verhalten in der Klasse (das ist nur eine Auswahl, die ich getroffen habe). Auf all diese Punkte kann eine unterstützende Kraft wertvollen Einfluss haben. Gute Alternstiven wären in dem Zusammenhang z.B. FSJlerInnen oder Auszubildende.

Den Mitarbeitern Flexibilität erlauben: Während in den vergangenen Jahren, der „Plan Schule“, wie auch immer der an den einzelnen Standorten aussah, einigermaßen durchgezogen werden konnte, benötigen die diesjährigen ABC-Schützen vielleicht erst einmal etwas ganz anderes. Vielleicht sind in diesem Jahr längere Pausen nötig, vielleicht noch mehr Spiele und mehr soziales Lernen im Sach-, Theater- oder Religionsunterricht. Abweichungen vom Lehrplan sollten gestattet sein.

Zuhören: Nicht nur die Kinder, auch die Eltern sind in diesem Jahr unsicherer als in den letzten Jahren. Möglicherweise benötigen diese einen Elternabend mehr oder wählen einmal mehr die Telefonnummer der Schule. In dem Fall sollte man sich immer bewusst machen, dass Eltern selten die ExpertInnen sind und sich aus einer Unsicherheit heraus an uns wenden. Das ist okay!

Bei uns ist das Schuljahr in vollem Gange. Und zwar so sehr, dass schon die nächsten Ferien vor der Tür stehen. Und obwohl wir an Hygienemaßnahmen und Masken längst gewohnt sind, ist es in diesem Jahr doch anders.

Es sind in diesem Jahr andere Kinder gestartet. Aber Kinder, und das überrascht mich einerseits irgendwie doch immer wieder und anderseits gar nicht, sind ziemlich cool. Sobald sie Vertrauen fassen und sich wohlfühlen sind sie in der Lage über sich hinaus zu wachsen.

Das Mädchen, das in der ersten Woche Rotz und Wasser geheult hat, als die Mama gegangen ist, bewegt sich heute, nur wenige Wochen nach dem Schulstart, selbstbewusst durch das Schulgebäude.

Der Junge, der in den letzten zwei Jahren recht isoliert war und in der Schule große Probleme hat mit anderen zu interagieren ohne körperlich zu werden, kommt heute, nur wenige Wochen nach dem Schulstart, auf die Lehrer zu und fragt sie, ob sie seinen Papierflieger fliegen lassen wollen.

Der Junge, der die letzten Wochen jeden Tag ab dem Mittagessen verzweifelt darauf gewartet hat, dass sein Papa ihn abholt, ist am Mittwoch, nur wenige Wochen nach Schulstart, bei seinen Freunden sitzen geblieben als Papa kam, weil er in ein Spiel vertieft war.

In diesem Jahr ist die Verantwortung noch größer. Es liegt in den Händen derer, die Vorschulgruppen und Erstklässler betreuen. Während ich das schreibe frage ich mich, ob in diesen zwei Jahrgängen aber nicht auch Chancen liegen. Vielleicht kann es uns gelingen, die Schülerinnen und Schüler dabei zu begleiten, zu besonders resilienten Menschen heranzuwachsen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Interview mit einer Sechstklässlerin- wie geht es ihr im Homeschooling?

Ich durfte mal wieder meine liebe Stieftochter Lexy (Name von der Redaktion geändert) interviewen. Ich finde ihre Sichtweise besonders spannend, weil sie beide Schulschließungen in anderen Schule in unterschiedlichen Bundesländern erlebt hat. Jetzt geht sie in Niedersachsen zur Schule, wo wir wohnen, während ich weiterhin in Hamburg arbeite. Ich habe meine Erfahrungen als Grundschullehrerin und -leitung, die in diesem Jahr auch ein Fach am Gymnasium unterrichtet und habe auch meine Meinung aus Elternsicht. Aber wie es ihr mit der Situation geht, ist doch vielleicht die wichtigste Frage, oder?

Symbolbild

Klassenzimmergeschichten: Lexy, danke, dass du dir noch einmal Zeit genommen hast. Du bist jetzt in der 6. Klasse eine Gymnasiums und zum zweiten Mal im Homeschooling. Wie war das Homeschooling im letzten Jahr an deiner alten Schule, einem Gymnasium in Hamburg organisiert?

Lexy: Damals war es tatsächlich schwieriger. Es war so, dass die Lehrer oft Schwierigkeiten hatten mit der Technik und der Aufgabenstellung. Jetzt sind die Lehrer schon mehr dran gewhnt und haben ja auch mehr Erfahrung. Wir haben Schulcommsy benutzt.

Klassenzimmergeschichten: Wie ist das Homeschoolingan deiner neuen Schule, einem Gymnasium in Niedersachsen, organisiert?

Lexy: Die Plattform, die wir nutzen, heißt iServ. Der Unterricht findet über das Aufgabenmodul statt. Wir sollen dann bis zu einer bestimmten Zeit die Aufgaben wieder einreichen, damit die Lehrer das kontrollieren können und dann kriegen wir eine Rückmledung. Manchmal haben wir Videokonferenzen. Wir haben meist von 07:00Uhr morgens bis 14:00Uhr Zeit, weil die Lehrer die Aufgaben morgens einstellen.

Klassenzimmergeschichten: Wie oft hast du Kontakt zu deiner Klassenlehrerin?

Lexy: Sehr oft. Super oft. Über den Messenger oder bei Videokonferenzen, wo sie un simmer fragt, ob wir Schwierigkeiten haben oder so. Die ist aber nur einmal in der Woche.

Klassenzimmergeschichten: Also es auch die Möglichkeit, auch außerhalb dieser Online-Stunde Kontakt zu ihr aufzunehmen?

Lexy: Ja.

Klassenzimmergeschichten: Wie sieht es mit den Fachlehrern aus?

Lexy: Nicht so extrem oft. Mit manchen hab ich gar keinen Kontakt. Mit meiner Kunstlehrerin zum Beispiel. Sie gibt uns zwar Aufgaben, gib tuns aber keine Rückmeldung und wenn man sie anschreibt, antwortet sie nicht. Sie hat uns auch unsere Zeugnisnoten noch nicht gesagt. Bei den anderen Fächern kennen wir die schon.

Klassenzimmergeschichten: Wie verhält es sich mit dem Kontakt zu deinen Mitschülern?

Lexy: Über Whatsapp oder den Messenger bei iServ.

Klassenzimmergeschichte: Reicht dir der Kontakt- zu Lehrern und Mitschülern?

Lexy: Der Kontakt zu den Lehrern reicht mir. Aber mit meinen Mitschülern ist das zu wenig.

Klassenzimmergeschichten: Macht ihr auch Gruppenarbeiten?

Lexy: Partnerarbeiten schon. Gruppenarbeiten sind angeblich zu kompliziert, sagen die Lehrer.

Klassenzimmergeschichten: Wie sieht es mit praktischeren Fächern aus?

Lexy: In Kunst bekommen wir ja wie gesagt Aufgaben. In Sport haben wir in den letzten drei Wochen nichts bekommen, außer unsere Note. Ist schon doof, weil die Bewegung fehlt. Ich versuche deshalb, viel spazieren zu gehen oder Bewegungsspiele an unserer VR-Brille zu spielen.

Klassenzimmergeschichten: Was sagst du zu dem Kritikpunkt, dass Homeschooling unfair sei, weil nicht alle Kinder zu Hause die selben Voraussetzungen haben? Z.B. weil nicht alle Eltern sich ein PC oder Tablet leisten können oder nicht bei den Aufgaben helfen können?

Lexy: (aufgeregt) Jajaja, wir bekommen durch die Schule Unterstützung. Die bieten uns ein iPad an, wenn wir aus finanziellen Gründen keines haben. Und wenn Kinder zu viel Unterstützung von den Eltern bekommen, merken die Lehrer das sowieso, weil sie uns ja aus dem Unterricht kennen. Deshalb finde ich das nicht unfair.

Klassenzimmergeschichten: Es gibt ja Länder, in denen Homeschooling immer erlaubt ist. Da gehen Kinder dann gar nicht oder erst sehr spät, wenn sie älter sind, in die Schule. Was hältst du davon?

Lexy: Ich würde die Zeit lieber in der Schule nutzen. Nicht nur zu Hause lernen. Die Eltern sind zu anstrengend auf Dauer. Da sind die Lehrer besser.

Klassenzimmergeschichten: Es sind ja drei Gruppen vom Homeschooling betroffen: Kinder, Eltern und Lehrer. Wo siehst du die größten Schwierigkeiten für die einzelnen Gruppen?

Lexy: Für die Kinder ist es schwierig, den neuen Lernstoff zu lernen, glaub ich. Weil die sich viel selbst beibringen müssen mehr oder weniger. Und für die Eltern ist es mit der Arbeit schwieriger, weil sie auch noch aufs Kind achten müssen und da auch ein bisschen helfen müssen. Dann haben sie nicht mehr so viel Zeit für andere Sachen, müssen sich Entscheiden: Homeschooling oder Wäsche waschen und so weiter. Für die Lehrer ist es am anstrengendsten. Weil sie erstens diese neuen Aufgaben vorbereiten müssen, zweitens müssen sie immer erreichbar sein, falls Kinder Fragen haben, und sich die Zeit für sie nehmen und auch noch Videokonferenzen halten. Selbst du…sitzt da ja immer lange dran, oder?

Klassenzimmergeschichten: Ja, manchmal.

Lexy: Siehst du! Ist doch bestimmt anstrengend.

Klassenzimmergeschichten: Experten gehen ja davon aus, dass alle Schüler, die von den Schulschließungen betroffen sind, später weniger verdienen, als alle, die davon nicht betroffen waren. Wusstest du das?

Lexy: Ja, wusste ich. Stand ja auch in der Zeitung. Aber ich glaub, das ist dumm. Das stimmt nicht. Ist mir auch egal. Es kommt doch mehr darauf an, was die Kinder lernen, oder?

Klassenzimmergeschichten: Dafür gibt es aber ja Belege…

Lexy: Ich glaube, es liegt am einzelnen Kind. Ich glaube, wir müssen ein bisschen härter arbeiten, als andere (Generationen), aber eigentlich sehe ich da kein Problem.

Klassenzimmergeschichten: Immer wieder wird gesagt, das sim Homeschooling auch Chancen liegen. Siehst du positive Seiten?

Lexy: Ja, dass man einen besseren Eindruck bei Lehrern hinterlassen kann, wenn man bestimmte Sachen schreibt zum Beispiel oder freiwillige Extraaufgaben macht. Auf jeden Fall kann man sich seine Zeit freier einteilen.

Klassenzimmergeschichten: Was vermisst du an der Schule am meisten?

Lexy: Meine Freunde und Mitschüler und die Busfahrt.

Klassenzimmergeschichten: Was ist deine größte Lehre, die du aus den letzten zwei Schuljahren mitnimmst?

Lexy: Ich wusste nicht, dass es solche Lernplattformen gibt. Und, dass Schule irgendwie besser ist, wenn man hingeht. Das weiß ich jetzt erst zu schätzen. Von zu Hause ist das echt nervig mit den ganzen Eltern.

Achtsamkeit zum Jahresende

Achtsamkeit ist für uns Lehrer:innen sehr wichtig. Mehr als viele andere Berufsgruppen müssen wir auf unsere Gesundheit Acht geben. Aufpassen, dass wir nicht ausbrennen, an der Work-Life Balance arbeiten.

Zum Jahresende kann es helfen, das vergangenge Jahr zu reflektieren und sich Vorhaben zu notieren. Ich schreibe bewusst “Vorhaben” und nicht “Vorsätze”, denn diese haben einen gewissen Rufe, zu schnell gebrochen zu werden.

In diesem Jahr habe ich mir selbst ein paar Fragen gestellt und die Antworten für mich notiert und ausgedruckt. Ich werde sie dort aufhängen, wo ich immer mal wieder innehalten kann. Gerne teile ich hier die Fragen, falls du sie nutzen möchtest.

Interessant ist es, im Nachhinein einmal zu schauen und zu reflektieren, wie viele Antworten sich auf die Arbeit und wie viele der Antworten sich auf das Privatleben beziehen.

Merkels Klatsch-Tipp

Corona macht uns allen zu schaffen. Das ist klar. Aber einige Lehrer scheint es ganz besonders hart zu treffen, denn von ihnen wird – im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen natürlich (Ironie off) – geradzu Unmögliches verlangt. Nämlich das System aufrecht zu erhalten.

Das scheint für einige Kolleginnen und Kollegen überraschend zu sein, obwohl die Entscheidung Lehrer zu werden, eine Entscheidung für einen sozialen Beruf ist, eine Entscheidung für Kinder, eine Entscheidung, Vorbild zu sein. Jetzt frage ich mich: Enden diese Ideale, sobald das gemütliche Lehrerleben vorbei ist? Zumindest ist bei Merkels Aussage einigen Kollegen der Kragen geplatzt.

Quelle: T-ONLINE (Radyo Metropol FM)

Ich werde hier kein Lehrerbashing betreiben. Dafür kennen ich zu viele engagierte Lehrer. Allein an meiner Schule. Aber ich bin eben auch Lehrerin. Und Schulleitung. Ich weiß also aus eigener Erfahrung, dass man es sich in dem Beruf so richtig gemütlich machen kann. Aber die Gemütlichkeit endet vielleicht dann, wenn der wiederverwendbare Kaffeebecher allein nicht mehr wärmt, der Fleece-Pulli zum Modetrend wird und man den eigenen Unterricht neu denken muss. Und genau das passiert gerade:

Lehrer sehen sich (wie viele andere Arbeitnehmer auch) vor neue Herausforderungen gestellt: Hybridunterricht, Ansteckungsgefahr, Masken im Unterricht oder zumindest auf den Fluren, Hygienevorschriften hier und da.

Das Schulleben hat sich verändert. Nicht verschlechtert. Verändert! Der Unterschied ist wichtig fürs Mindset. Man muss neue Wege finden um das, was vorher wichtig war, aufrecht zu erhalten. Und hier liegt der Hund meiner Meinung nach begraben. Anstatt diese Herausforderung anzugehen und zu überlegen, wie man das umsetzen kann (Und ja, du, genau DU fühl dich bitte nicht angegriffen, du machst das toll!), wird jetzt an allem rumgemeckert- mehr denn je. Wir Lehrer hatten in der Öffentlichkeit schon immer so ein leicht nörgeliges Auftreten: Ferien, Wochenende, Nachmittags- wir haben einfach niemals frei (ich habe übrigens sehr viel frei), Eltern, unerzogene Kinder, gerechte Bezahlung und Ausstattung- alles mimimimi (vieles auch zurecht, ich weiß). Und jetzt auch noch das. Neben Händewaschen (was normal sein sollte), Masken, woran sich mittlerweile alle gewöhnt haben sollten, aber was die Kinder trotzdem gern „vergessen“, muss gelüftet werden. Schrecklich, ein Skandal. Frische Luft, in Räumen, in denen gearbeitet wird… Entschuldigung?! Habt ihr in den letzten Jahren nicht gelüftet, werte Mecker-Kolleginnen und -kollegen? Und nun bekommt ihr auch noch die Erlaubnis dafür, den Unterricht für diese Zeit zu unterbrechen…schlimm! Und nun maßt Merkel sich auch noch an, uns ungebetene Tipps zu geben… dabei steckt sie nicht in unseren Schuhen (Notiz am Rande: Nö, sie regiert nur ein ganzes Land). Ungeheuerlich! Anmaßend! Resepktlos! Ist es das? Oder hat sie einfach nur versucht, aus der Situation das Beste zu machen?

Falls du immer noch liest, möchte ich dir etwas sagen: Natürlich wärmt Klatschen dich nicht auf. Natürlich ist es Mist, während einer Klassenarbeit die Schüler Kniebeugen machen zu lassen. Aber: Du hast studiert. Du bist in der Lage zu verstehen, was hinter Merkels Aussage steckt: „Solange die einzige Lösung Lüften ist, werdet kreativ. Baut Bewegungspausen ein (klingt gleich pädagogischer)!“ Und natürlich heißt das nicht, dass Lüftungssysteme in Schulen nicht schick wären. Natürlich heißt das nicht, dass nicht mehr Geld in Schulen gesteckt werden müsste. Ich verstehe den Frust. Aber ich bin auch der Meinung, dass es leichter wird, wenn man manche Dinge einfach hinnimmt, wie sie sind. Das meine seine Kreativität dafür nutzt, guten, corona-conformen Unterricht zu gestalten, statt Memes zu erstellen auf denen Merkel am Nordpol klatscht. Sich ein bisschen Leichtigkeit beizubehalten, weil sich das ganz sicher auch auf die Schüler überträgt. Und noch ein Geheimtipp: Mit Skiunterwäsche kann man sich den Fleecepulli schenken und trotzdem gut aussehen.

Ressourcen von Schülern und Schülerinnen mit ADHS nutzen

ADHS ist häufig negativ konnotiert. Der typische Zappelphillip, der Rabauke, der Quatschmacher. Er* schafft nichts. Er stört. Er kann sich nicht konzentrieren oder zusammenreißen. Er ist schlecht in der Schule. Und zu vielen Kindern wird ADHS zugeschrieben. Denn dann hat es einen Namen, dann kann man es (mit Medikamenten) behandeln. Aber Medikamente sind doch eigentlich für Krankheiten, oder?

ADHS ist keine Krankheit

Aber ADHS ist keine Krankheit. Häufig sind Kinder und Erwachsene mit ADHS sehr wahrnehmungssensibel und können Umgebungsgeschehen schwerer selektieren und ausblenden, weil sie alle Reize, die auf sie einströmen, auch wahrnehmen.

Wenn im Deutschunterricht z.B. ein Schleichdiktat geschrieben wird, hat das Kind die Aufgabe, zum Text zu gehen, sich einen beliebig umfangreichen Teil gut zu merken, zum Heft zu gehen und diesen Teil dort aufzuschreiben. Auf dem Weg vom Text zum Heft passiert aber ganz viel: andere Kinder laufen herum, eines fällt hin, das Wort muss sich gemerkt werden, die Lehrerin kommt vorbei, das Wort muss sich gemerkt werden, draußen fährt ein Rettungswagen mit Sirene vorbei, es klopft an der Klassenzimmertür, das Wort muss sich gemerkt werden, die Lehrerin “schimpft” mit einem Mitschüler und immer noch muss sich das Wort gemerkt werden. Aber nicht nur das: Das Kind soll auch nicht vom Weg abkommen, das Wort leserlich und korrekt aufschreiben- sich also konzentrieren. Das ist viel verlangt für einen Menschen, der diese Nebenschauplätze und -geräusche nicht ausblenden KANN, sondern diese aktiv wahrnimmt. Für das jeder Reiz, egal ob Wort, das Geschimpfe der Lehrerin, oder das Stolpern des Schülers, gleich intensiv wahrgenommen werden.

Zu Hause haben Kinder dieses Problem häufig nicht, denn wenn sie sich mit Dingen beschäftigen, die sie interessieren, sind sie durchaus ausdauernd und konzentriert. Dabei ist es ersteinmal egal, ob es PC-Spiele sind, Comics, Bücher oder Lego- eine Konzentrationsfähigkeit besteht durchaus. Das Kind ist also nicht schlecht in der Schule- die Schule macht es schlecht.

Die Denkwege von Menschen mit ADHS verlaufen häufig nicht linear und “logisch”. Man kann sich die Gedankengänge eher wie ein Netz vorstellen. Viele Informationen von allen Seiten, durch alle kanäle kommend, verknüfen sich, während sich die Gedanken der meisten Menschen chronologisch, schlussfolgernd bilden. Während es für mich z.B. logisch ist, dass beim Schleichdiktat die Kinder den Text auch in Textform abschreiben, sprich die Wörter nebeneinander schreiben, ist es für ein Kind mit ADHS vielleicht logisch, die gemerkten Wörter in einer List untereinander zu schreiben. Während der Lehrer dann aus allen Wolken fällt, weil es der eigenen Vorstellung oder Logik nicht entspricht, versteht der Schüler gar nicht, wie und warum man es anders machen sollte, schließlich fertigt er doch eine Liste der gemerkten Wörter an.

Häufig treten Probleme von Menschen mit ADHS erst auf, wenn sie in die Schule kommen, sich dort Strukturen anpassen müssen, die überfordern oder Wege und Ziele voraussetzen, die sich dem Kind nicht erschließen. Dann werden sie schnell abgestempelt. Auch wenn die einzelne Schule natürlich kaum die Nebenimpulse vermeiden kann – außer durch Exklusion und Abschirmung- sollte ADHS auch als Ressource angesehen werden. Denn Schüler mit ADHS sind anderen Kindern häufig in einigen Bereichen überlegen.

Menschen mit ADHS sind häufig unter anderem kreativ, empathisch, spontan, flexibel, ehrlich, charmant, hilfsbereit, nicht nachtragend und einsatzbereit. Sie sind meist besonders begabt im IT- und digitalen Bereich. Dies kann allerdings einbrechen, wenn sich Frustration aufbaut. Das Gefühl sich anzustrengen, aber es doch nie zu schaffen, ohne zu wissen warum nicht, kann zu ernsthaften Begleitkrankheiten wie z.B. Depressionen führen.

Was bedeutet das für den Unterricht?

1) Zum einen sollten die Lehrer umdenken. Das Kind ist nicht unruhig, sondern es hat Energie (davon könnte ich z.B. mehr gebrauchen). Das Kind ist nicht vergesslich, sondern kreativ. Es ist nicht impulsiv, sondern hat eine hohe Auffassungsgabe.

2) Aufgaben geben, die das Kind liebt, ohne ihm diese als Strafe wegzunehmen: Es fasst immer und immer wieder das Smartboard an, obwohl man schon tausendmal gesagt hat, es soll das lassen? Dann kann es ab sofort und mit Erlaubnis das Smartboard bedienen.

3) Verschiedene Zugänge ermöglichen: Während es vielen Kindern genügt, eine Aufgabe erklärt zu bekommen um zu wissen, was zu tun ist, benötigen Kinder mit ADHS verschiedene Zugänge, um Wissen, Lernweg und Lernziel mitenander zu verknüpfen und mit der Aufgabe starten (und letztendlich auch um sie abschließen) zu können. Lehrer sollten wenn möglich Zugänge auf verschiedenem Wege anbieten: Videos, visuelles Bildmaterial zur Unterstützung, Material zum Legen/Anfassen, Aufgabenstellung zum wiederholten Anhören usw.

4) Runterkommen, nicht ärgern und nicht dauernd ermahnen: Damit gerät man in einen Teufelkreis, bei dem sich das Kind bestenfalls verschließt und sich immer wieder selbst entäuscht. Stattdessen loben, wo es gelobt werden kann. So wird der Teufelskreis durchbrochen und eine gute Beziehung aufgebaut, die auf Respekt und dem Leitsatz: “Ich sehe dich!” beruht.

5) Strukturen visualisieren, sodass der Schüler immer weiß, in welcher Phase man sich befindet und was erwartet wird.

6) Einen festen Einzelsitzplatz finden: Der Tisch sollte so stehen, dass der Schüler volles Mitglied der Klassengemeinschaft ist, aber gleichzeitig möglichst wenig Reize empfängt. Damit das Kind sich nicht ständig umdrehen muss, kann es ratsam sein, ruhige Kinder hinter es zu sitzen. Hilfreich kann es sein, dem Schüler zu erlauben, eine Cappi zu tragen, da so das Sichtfeld begegrenzt ist. Auch Ohrenschutz kann ggf. hilfreich sein. Möglicherweise hilft es auch, dass der Schüler die Möglichkeit hat, in der Arbeitsphase die Position zu variieren: Sitzen, stehen, liegen…

7) Ansprüche runterschrauben: Was für andere Kinder selbstverständlich ist, ist für Kinder mit ADHS eine anstrengende Leistung. Das gilt fürs Stillsitzen, genau wie für das nicht Dazwischenrufen.

8) In den Konsequenzen klar sein: ADHS-Kinder agieren selten böswillig. Häufig wissen sie selbst nicht, warum sie etwas Doofes getan haben. Wenn ein Schüler mit ADHS einen Bleistift zerbricht, muss er den ersetzen. Wenn er einen Gegenstand bemalt, muss er das reinigen, wenn er jemandem wehtut, muss er eine Wiedergutmachung leisten. Da ehrlich und empathisch sein zu den großen Stärken vieler ADHSler gehört, sehen sie im Nachhinein meist ein, dass ihr Verhalten schadhaft war.

Es gibt Experten, die davon ausgehen, dass jetzt gerade genau das richtige Zeitalter für Menschen mit ADHS ist, weil deren Eigenschaften ihnen in der digitalen Welt zugute kommen und deren Kreativität, das visuelle Lernen und die komplexen Denkvorgänge ihnen Vorteile in diesem Bereich bringen. Fun Fact: Die Steinzeit war schon einmal die Zeit von Menschen mit ADHS. Fürs Jagen und Sammeln waren diese Fähigkeiten auch von großem Nutzen.

Quellen: Winter, Barbara: AD(H)S ist kein Fluch, sondern Segen

http://www.zentrales-adhs-netz.de

http://www.spektrum.de

http://www.adhs-ratgeber.com

* Selbstverständlich gibt es auch Mädchen und Frauen mit ADHS. Um den Lesefluss zu erleichtern, gendere ich “Schüler” in diesem Text nicht, es sind aber alle Geschlechter gemeint.

Empfehlungsgespräche in der vierten Klasse

…a never ending story.

In jedem Jahr wieder merke ich, dass die Empfehlungen bzgl. der weiterführenden Schule wie ein Damoklesschwert über der 4.Klasse hängen. In diesem Jahr hängt es sogar schon über der 3. Klasse. Ich glaube, dass damit auch die allgemeine Unsicherheit, die diese Pandemie mit sich bringt, zu tun hat (wobei bei uns tatsächlich keine Lernrückständ damit zu begründen sind). Aber auch – immer wieder – die Vorstellungen, Wünsche und das Ego der Eltern. Denn vielen von ihnen ist eine Gymnasialempfehlung wichtig. Warum aber, wenn doch am Ende bei uns im Bundesland eh freie Schulwahl besteht und alle Gymnasien auch Schüler mit Stadtteilschulempfehlung aufnehmen.

Wir hatten in unserer Klasse immer zufriedene Eltern. Aber jetzt in Klasse 3, dreht die Stimmung. Wir als Lehrer erklären uns das natürlich mit der Sorge ums Kind, das Beste für es zu wollen. Aber trotzdem ist die Panik vor Stadtteilschulempfehlungen für uns nicht nachzuvollziehen.

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In letzter Zeit beschwerten sich Eltern darüber, dass Tests nicht angekündigt wurden- aber nur Eltern, deren Kinder schlecht abgeschnitten haben. Ja, sogar über ein Quiz, welches als Spiel im Englischunterricht gespielt wurde, gab es in der Elternschaft heiße Diskussionen. Es wäre ja schön gewesen, hätten sich die Kinder darauf vorbereiten können…

Aber, und es werden viele ABERS folgen:

…aber Teaching-To-The-Test prüft, was kurzfristig im Gedächtnis gespeichert ist, unangekündigte Tests testen eher ab, was “wirklich” gespeichert wurde.

…aber Quize, Spiele und ähnliches sind normaler Bestandteil des Unterrichts.

…aber wir haben Lernzeiten, die die Schüler nutzen können, um sich auf solche Situationen vorzubereiten.

…aber genau da zeigt sich doch, welche Kinder in Richtung Gymnasialempfehlung unterwegs sind und welche nicht. Zeigen sie Eigenverantwortung, nutzen die Lernzeiten, üben von sich aus zu Hause usw. sind sie auf einem guten Weg.

…aber es müssen doch gar nicht alle Schüler auf ein Gymnasium,

…weil man auch an Stadteilschulen Abitur machen kann und hier sogar ein Jahr mehr Zeit hat.

…weil nicht jeder Abitur machen muss und trotzdem ein gutes Leben führen kann.

…weil nicht alle für den Druck gemacht sind.

Mich ermüdet dieses Thema so sehr, weil besonders die Kinder unter diesem Druck leiden, die dem Druck nicht gewachsen sind. Die Kinder von Akademiker-Eltern in hohen Positionen. Die Kinder, die ein älteres Geschwisterkind auf dem Gymnasium haben. Aber es sind nicht alle Kinder gleich. Die Kinder müssen nicht die (akademischen) Erwartungen ihrer Eltern erfüllen….aber manche müssen es dann eben doch.

Wir in Hamburg sprechen Empfehlungen aus, ein Großteil der Eltern hört aber nicht auf diese. Ein Schüler unserer alten vierten Klasse ist auf ein Gymnasium gegangen. Dies hat nun angerufen und nachgefragt. Er steht in allen Fächern auf 5 und 6. Das ist für mich gar nicht überraschend- und für die Eltern kann es das auch nicht sein, denn es gab seit dem ersten Halbjahr Zeugnisse und etliche Gespräche. Nur die Minderheit dieser Schüler schafft es zum Abitur auf dem ersten Bildungsweg. Jedes 8. Kind muss in Klasse 5 und 6 das Gymnasium wieder verlassen. Weil der Druck zu hoch ist. (Quelle: www.welt.de)

Nachdem es also neulich auch in meiner dritten Klasse zum Thema wurde, habe ich mit der Klasse drüber gesprochen.

Ich: “Was passiert, wenn du keine Gymnasialempfehlung bekommst.”

Anton: “Dann kann ich nicht weiter lernen und muss Müllmann werden.”

Ich: “Stimmt nicht. Was passiert, wenn du keine Gymnasialempfehlung bekommst?“

Toni: “Dann kann ich kein Abitur machen und krieg keinen guten Job?”

Ich: “Stimmt beides nicht.”

Nele: “Dann kann ich nichts aufs Gymnasium.”

Ich: “Stimmt erstens nicht, aber was würde passieren, wenn du nicht aufs Gymnasium kommst?”

So ging das Gespräch eine Weile weiter. Keine der Aussagen der Kinder war korrekt. Und diese Ideen kamen nicht von den Kindern. Das sind eindeutig Ansichten der Eltern, die dann aber in Elterngesprächen sagen, ihr Kind wäre so traurig, wenn es nicht aufs Gymnasium könne. Das würde das Kind total demotivieren…NEIN! Es kommt doch auf die Kommunikation an.

Ich habe den Kindern dann kurz meine Geschichte erzählt:

Ich selbst bin in Berlin und somit sechs Jahre zur Grundschule gegangen. Dann kam ich aufs Gymnasium. Und es war hart…für mich zumindest. Von einer 1 in Englisch bin ich auf eine 5 gerutscht. Selbst, wenn ich damals nicht nach Hamburg gezogen wäre, hätte ich die Schule wohl über kurz oder lang verlassen müssen. Über eine 3 kam ich so gut wie in keinem Fach hinaus.

In Hamburg bin ich dann auf eine Gesamtschule gekommen. Hier wurden wir in Einser- und Zweierkurse geteilt- je nach Fähigkeiten und potentiellem Abschluss. Ich habe meinen Mathelehrer damals angebettelt, in den Zweierkurs zu dürfen, aber er meinte: “Du wirst Abitur machen, wenn ich dich jetzt in den Zweierkurs lasse, fehlen dir wichtige Grundlagen.” Diese Motivation und Zuversicht, habe ich am Gymnasium nie bekommen. Zu meinem Physiklehrer meinte ich mal, dass ich das Fach nicht brauche, weil ich Grundschullehrerin werde. Er meinte: “Warte mal ab. Kinder stellen die schwierigsten Fragen.”

Im ersten Halbjahr der 10 Klasse stand im Zeugnis: “Du verlässt die Schule im Sommer voraussichtlich mit einem Realschulabschluss.”

Und dann habe ich mich angestrengt, es in die Oberstufe geschafft (die war dann gar nicht mehr so viel schwerer), mein Abi gemacht und bin Lehrerin geworden.

Ich hätte aber auch Ärztin werden können, oder Müllmann. Denn man kann alles werden- und wer entscheidet eigentlich, welcher Beruf gut und welcher schlecht ist?

Das hat mich auch eine Schülerin gefragt und ich konnte es nur am Gehalt festmachen und habe es auch so erklärt. Dass einige Leute denken, Jobs, bei denen man viel verdient, seien besser. Aber Krankenschwester zum Beispiel, ist ein guter und wichtiger Job, aber die verdienen wenig. Ob Lehrer gut verdienen, wollte sie dann wissen.

Ich wünschte, alle Eltern würden verstehen, dass es bei der Schullaufbahn nicht ums eigene Ego geht, sondern darum, dem Kind den größtmöglichen Bildungserfolg zu schenken. Dass es nicht nur schwarz und weiß gibt- Abi oder Hartz 4. Dass nicht alle Kinder gleich sind. Dass es verschiedene Wege zum Abitur gibt. Dass Menschen ohne Abitur erfolgreich und glücklich sein können. Dass sie ihre Kinder lieber bestärken sollten, sie auffangen und ermutigen immer ihr Bestes zu geben, ohne ihnen Arbeit abnehmen zu wollen und ohne sie zu großem Druck auszusetzen.

So wie die Eltern von Annet (übrigens mit ziemlich großer Sicherheit zukünftige Gymnasiastin). Die fragte nämlich 10 Min. nach Beginn der Diskussion: “Ähhh, Frau K., wovon reden wir hier eigentlich? Was für Empfehlungen? Worum geht es hier? Davon hab ich noch nie was gehört.” Und ich habe ihren Eltern in diesem Augenblick innerlich gedankt dafür.

Achtsamkeit für Kinder

mit Hilfe von Phantasiereisen

Es ist noch nicht lange her, da habe ich einen Artikel über Achtsamkeit im Lehreralltag geschrieben und es ist ein Thema, welches mir sehr am Herzen liegt. Zum Glück habe ich gute Freunde, denen es genauso geht und so hatte ich vor kurzem das Glück, zu einer Meditation eingeladen worden zu sein. Hier bin ich zum Einen zur Ruhe gekommen, zum anderen habe ich Kraft und Kreativität geschöpft für neue Projekte.

Klar, Phantasiereisen für Kinder sind nichts Neues und meine (dritte) Klasse kannte das auch schon gut, weil wir das besonders in der ersten Klasse regelmäßig gemacht haben. Ich finde in Phantasiereisen stekct unglaublich viel Potential. Zum einen erfährt man einiges über die einzelnen Schüler:

– Wer kann sich darauf einlassen?

– Wer schafft es, einige Minuten am Stück ruhig zu liegen?

– Wer kann die Augen geschlossen halten?

– Wer zappelt oder kichert so sehr, dass sich andere gestört fühlen?

Zum anderen ist Achtsamkeit etwas, was man lernen muss. Wenn selbst uns Erwachsenen das häufig schwer fällt, warum erwarten wir das dann von Kindern? Phantasiereisen sind eine gute Möglichkeit, das Entspannen und Abschalten zu üben. Die Kinder lernen hier, zur Ruhe zu kommen, loszulassen…ich weiß gar nicht, warum ich von den Phantasiereisen abgekommen bin.

Das heißt…eigentlich weiß ich es doch. Selbst Phantasiereisen vorzulesen, ist anstrengend. Für mich ist es eine Herausforderung aufmerksam und ruhig zu lesen, aber gleichzeitig (nonverbal) auf Störungen zu reagieren. Das macht mich unruhig, das wirkt sich auf das Vorlesen aus und somit würde der Sinn und Zweck der ganzen Sache verfehlt. Andererseits ist es mit gekauften Phantasiereisen auch so eine Sache: Akzent, Tonlage, Länge der Geschichten, Thema, Anweisungen…irgendwie habe ich noch nicht eine CD gefunden, bei der mir wirklich alles gefallen hat.

Nun war ich aber ja zum Glück selbst bei dieser Meditation, bei der es um einen Baum ging, und ich dachte mir: “Wie schön wäre es, wenn es soetwas auch für Kinder gäbe?” Bei der anschließenden Reflexionsrunde verkündete ich dann auch prompt, dass ich mich zu Hause gleich daranmachen werde, eine Phantasiereise für Kinder zu schreiben.

Gesagt, getan. Voller Energie und Tatendrang schrieb ich meine eigene Phantasiereise und nahm sie auch sofort auf (Leute, die Mikrofone der neuen iPads sind echt richtig gut!). Außerdem entwarf ich ein Logo, erfand einen Namen für meine Phantasiereisen und hinterlegte die Geschichte mit ruhiger und entspannter Musik (iMovie sei Dank!). Und weil man Dinge ja nicht zu lange aufschieben soll, wollte ich den Kindern mein Kunstwerk auch sofort vorführen.

Etwas ängstlich leitete ich das alles ein: “Also, ihr Lieben, ihr kennt ja Phantasiereisen… (an dieser Stelle strahlt die Hälfte der Klasse aufgeregt, einige zucken die Schultern und drei einzelne Kinder rollen genervt die Augen)…ich habe euch eine mitgebracht…und ihr, ähhmm, nicht, dass ihr das komisch findet, aber ihr werdet da gleich meine Stimme hören (an dieser Stelle endet das Augenrollen und alle starren mich überrascht und erwartungsvoll an)…ich zeige euch das und wünsche mir vor allem, dass ihr mir danach ein Feedback gebt, okay?” (Einvernehmliches Nicken bis kurz vorm Schleudertrauma)

Nachdem geklärt war, ob sie liegen müssen oder auch sitzen dürfen und ob sie die Augen unbedingt schließen müssen, ging es los. Und was ist war das entspannt…ich habe gelauscht (an die eigene Stimme muss man sich schon gewöhnen) und die Kinder in Ruhe beobachtet. Wenn ein Kind zu laut gezappelt hat (ja, das geht), habe ich ihm meinen strengen Lehrerblick zugeworfen und so konnten alle Kinder, die es wollten, der Phantasiereise lauschen. Auch die Kinder, denen es nicht so leicht viel, haben trotz der Zappelei aufmerksam zugehört. Vielleicht um mir einen Gefallen zu tun, vielleicht, weil ich es einfach gut gemacht habe… Nach dem Feedback glaube ich zumindest, dass es gut war.

Sina: “Ich fand das richtig gut. Ich konnte mir alles ganz genau vorstellen.”

Leo: “Ich auch. Und weißt du, ein Apfel ist auf meinen Kopf gefallen. Das hab ich dann auch richtig gespürt.” (In der Geschichte fiel kein Apfel vom Baum)

Justus: “Kannst du sowas noch mal machen? Nur was anderes?”

Lina: “Ja, was mit Tauchen wäre cool. Unterwasser sowas.”

Ron: “Ja, oder Universum. So mit Aliens. Nee, keine Aliens. Marsmännchen. Die sind nett und nicht unheimlich. Eine Reise zum Mond.”

Dylan: “So ein Land, wo alles aus Süßigkeiten ist.”

Martin: “Frau K., hast du eigentlich Meerschweinchen?”

Die letzte Frage mag merkwürdig erscheinen, aber tatsächlich hört man meine Schweinchen, trotz Musik, im Hintergrund. Wie aufmerksam Drittklässler so sind.

Mich hat diese Erfahrung darin bestärkt, da ein wenig Zeit zu investieren. Ich habe die nun bei Stream hochgeladen (unsere Schule arbeiten mit Microsoft Office und auch alle Schüler haben Zugänge dazu), sodass die Kinder sie zu Hause noch mal hören und auch die anderen Lehrer meiner Schule darauf zugreifen können. Für die Herbstferien, die zum Glück in der nächsten Woche starten, habe ich zur Überbrückung für meine Klasse schon eine neue am Start, mit einem Motto, welches sich die Klasse gewünscht hat: Unterwasser.

Schulwechsel nach der 5. Klasse…

…aus Elternsicht.

Zu Beginn der Sommerferien zog meine Stieftochter bei uns ein. Darüber, wie sie den Schulwechsel wahrnahm, erzählte sie in der letzten Woche. (Wer es noch mal nachlesen möchte, findet es hier.) Heute möchte ich davon berichten, wie ich den Schulstart von Lexy (Name von der Redaktion natürlich wieder geändert) wahrnahm und, was ich mir vielleicht anders gewünscht hätte.

Da wir in Niedersachsen wohnen, geht Lexy natürlich auch hier zur Schule- während ich in Hamburg arbeite. Daher war die erste Herausforderung, dass unsere Ferien versetzt endeten- was für sie zur Folge hatte, dass sie in diesem Jahr neun Wochen Sommerferien hatte. Bei der Schulanmeldung an der Schule vor den Sommerferien waren alle freundlich. Die Damen im Schulbüro versprachen, dass sie mit den Buskindern in eine Klasse kommt, die bei uns im Dorf oder im Nachbardorf wohnen (der Weg zur Schule beträgt ca. 10 km). Am ersten Schultag sollten wir sie um 08:00Uhr zur Schule bringen, alles Weitere würden wir dann erfahren.

Und dann war es endlich soweit. Der erste Schultag stand an… und Lexy kam glücklich und zufrieden aus der Schule zurück. Wir waren natürlich erleichtert und erfreut und stolz. Das einzige Manko an diesem Tag war, dass das Schulbüro eine Stunde vor Schulschluss anrief, weil die letzte Stunde ausfiel. Am ersten Schultag.

Gut, dachte ich mir, nur weil es das an meiner Schule nicht gibt (gibt es tatsächlich nicht…aber der 10.Klasse kann es mal sein, dass die Kids früher gehen dürfen, ansonsten wird jede, wirklich jede Stunde vertreten), ist mir natürlich klar, dass es an anderen Schulen vorkommen kann. Aber: Das kommt es ständig. Zwei bis dreimal die Woche entfällt bei ihr Unterricht. Besonders fiel uns das auf, weil Lexy bis zum Beginn der vergangenen Woche auch noch hingefahren werden musste, weil die Schule (oder die Verkehrsbetriebe) sich mit der Fahrkarte Zeit ließen. Als wir nachfragten, wie lange das Ausstellen der Fahrkarte in der Regel dauert, wurde uns geraten, Lexy schwarzfahren zu lassen, “weil die in den ersten drei Schulwochen extra nicht kontrollieren.” Äh, nein!

Neben den Informationen zum Stundenausfall und zur Fahrkarte fehlten uns weitere Informationen: findet ein Elternabend statt und wann? Wie ist das Hygienekonzept der Schule? Welche Materialien müssen wir besorgen?

Zumindest erfuhren wir nach zwei Wochen von Lexy, dass sie ein Hausaufgabenheft hat, welches wir immer am Wochenende abzeichnen müssen. Das erzählte sie uns aber auch nur, weil die Lehrer da auch notieren, wenn Kinder die Hausaufgaben vergaßen…und das musste eben abgezeichnet werden.

Nach einer weiteren Woche (inzwischen war seit drei Wochen Schule und wir hatten weder die Fahrkarte noch jemals Kontakt zu irgendeinem Lehrer), schrieben wir dann mal in ihr Hausaufgabenheft, dass wir uns über einen Anruf der Klassenlehrerin freuen würden. Auch das würde es an meiner Schule nicht geben: Bei uns nehmen die Klassenlehrer am ersten, spätestens am zweiten Tag Kontakt mit den neuen Eltern auf und wir Lehrer sind täglich zu erreichen, per Mail, aber auch telefonisch bis 15:00Uhr. Ganz besonders gilt das, wenn die Familiensituation des Schülers auffällig ist und ich finde, wenn ein Kind von der Mama in ein anderes Bundesland zum Papa zieht, kann man zumindest einmal nachfragen, was das Kind zu Hause von der Schule erzählt oder sich nach der familiären Situation erkundigen (wobei ich auch denke, dass einigen Familien ganz recht ist, wenn Lehrer das nicht tun- da sind die Meinungen sicher verschieden). Die Lehrerin rief an. Immerhin. Dadurch erfuhren wir auch, dass die Schule eine Online-Plattform nutzt, über die zum Beispiel auch kommuniziert wird, wenn eine Stunde ausfällt. AHA! Gut zu wissen. Auch das Religion nur online stattfindet, haben wir so endlich feststellen können und auch, dass die Hausaufgaben in den Fächern hier teilweise von den Schülern hochgeladen werden müssen. Übrigens sind wegen Corona auch einzelne Klassen zu Hause- wussten wir aus den Nachrichten, hätten wir aber auch über die Online-Plattform erfahren können…

Endlich bekamen wir die Zugangsdaten.

Auch die Fahrkarte kam, nach fast vier Wochen. Endlich.

Um das deutlich zu sagen: Ich bin nicht der Meinung, dass Schule dabei unterstützen muss, dass Hausaufgaben gemacht werden- das ist Aufgabe des Elternhauses. Ich bin nicht der Meinung, dass jede Schule prinzipiell jedes einzelne Elternpaar aktiv über jede ausgefallene Stunde informieren muss. Aber die Schule sollte und muss darüber informieren, wo Eltern diese Infos herbekommen. Natztürlich weiß ich, dass Lexys Schule größer ist, als unsere kleine muckelige Schule (wir ins mit Vor-, Grundschule und Gymnasium nur knapp 200 Schüler) und ich bin mir sicher, dass Lexy Informationen bekommen hat, die auf dem Weg zu uns “verloren gingen”- sie ist ein Kind und manches sollen die Eltern vielleicht auch nicht wissen. Natürlich weiß ich, dass Schulen mit mehr Schülern einen höheren bürokratischen und orgnisatorischen Aufwand haben. Was mich aber wirklich am allermeisten ärgert ist, dass die Klassenlehrerin nicht von sich aus Kontakt mit uns aufgenommen hat. Wahrscheinlich hätte das als Signal von der Schule gereicht, denn so hätten wir einfach gewusst: Okay, sie wissen wir sind da. Sie kümmern sich.