Philosphieren mit Kindern

Ich habe zum Sommer den Deutschunterricht der zweiten Klasse übernommen. Diese Klasse galt aus verschiedenen Gründen als “schwierig”: sie hatte im ersten Schuljahr zwei Deutschlehrer und eine Reihe von Vertretungslehrer – okay, eher eine Menge Vertretungslehrer. Kein Lehrer hatte so richtig eine Ahnung, wo die Kinder stehen und ich habe schlimmstes erwartet. So schlimm ist es allerdings gar nicht gewesen. Das einzige, was ihnen gefehlt hat, ist der Spaß am Deutschunterricht und einige Basics. Fragen beantworten wie: “Was fällt dir auf?” und einfach mal drauf losreden, ohne erraten zu wollen, was der Lehrer hören will. Und ja, eine strenge Hand irgendwie auch. Beides habe ich versucht, zu kombinieren. So Zuckerbrot und Peitsche irgendwie.

Seit vier Wochen philosophiere ich mit den Kindern nun. Dafür gibt es ein paar Regeln:

1) Jeder darf sagen, was er denkt und was ihm einfällt.

2) Es gibt kein richtig und kein falsch (obwohl es das manchmal doch gibt, aber dann lenke ich die Kinder dort unauffällig hin)

3) Keiner wird ausgelacht.

4) Wenn du etwas direkt zu deinem Vorredner sagen möchtest, meldest du dich mit beiden Händen und der Schüler darf dann drei Kinder drannehmen.

Diese Regeln habe ich nicht vorgebenen. Die haben sich im Prozess entwickelt. Ich liebe die Gespräche, weil man nie weiß, in welche Richtung sie sich entwickeln.

Die erste Frage, über die wir gesprochen haben, war: Was ist Leben?

“Um zu Leben benötigt man, Arme, Beine, einen Kopf, ein Herz und eine Lunge.”

“Neeee, Arme braucht man nicht.”

“Beine auch nicht.”

“Aber Knochen. Sonst würde man immer hinknicken.”

“Stimmt, man braucht Knochen um zu leben.”

Haben Pflanzen denn Knochen?

“Nein.”

Aber leben Pflanzen?

“Ja, stimmt. Man braucht keine Knochen. Aber was zu trinken.”

“Und ein Gehirn. Woher soll man sonst wissen, dass man was zu trinken braucht?

“Und ich glaube, eine Seele braucht man auch.”

Insgesamt war das Gespräch natürlich länger, aber ich fand den Aspekt mit der Seele so interessant, dass ich die Frage danach in der nächsten Woche aufnahm. Was ist die Seele?

“Jeder Mensch hat eine Seele. Sie entscheidet glaub ich, ob wir ein Mädchen oder Junge sind.”

“Ich glaub, sie entscheidet, was wir mögen.”

“Ich glaube, die entscheidet wie wir sind. Ob wir lieb oder böse sind.”

“Hmm…ich glaub, es gibt keine bösen Seelen.”

“Ich glaub schon. Also, wir alle hier und unsere Eltern haben gute Seelen. Aber ich glaube manche Menschen haben böse Seelen. Arme Leute zum Beispiel.”

Glaubst du, dass alle armen Menschen böse sind?

“Nein. Manche können auch nichts dafür, dass sie arm sind.”

“Stimmt. Aber vielleicht ist das ja für manche Menschen eine Strafe. Sie machen was böses und werden dafür arm.”

“Also, ich glaube nicht, dass man mit einer bösen Seele geboren wird.”

Sondern?

“Naja, vielleicht wird die Seele böse, wenn man was schlimmes erlebt. Das kann doch sein.”

“Ich stimme dir zu, weil warum sollte denn jemand einfach so eine böse Seele haben. Das wäre ja unfair. Aber wenn der immer mal schlimme Sachen erlebt hat, wird die Seele dann vielleicht auch schlimm.”

Auch wenn wir die ursprüngliche Frage gar nicht beantwortet haben, ist das Gespräch doch in eine sehr schöne Richtung gegangen. Und in der Philosophie geht es doch genau darum: Über eine Frage nachzudenken und dadurch zu einer weiteren Frage zu gelangen. Spätestens nach dieser Stunde wusste ich, dass ich das mit dem Philosophieren weiter machen möchte.

In der nächsten Woche haben wir besprochen, woher das Böse kommt und was ein schlechtes Gewissen ist.

“Ein schlechtes Gewissen ist, wenn man zum Beispiel lügt.”

“Ein schlechtes Gewissen ist, wenn man was falsches macht und dann Ärger bekommt.”

“Aber nicht nur wenn man Ärger bekommt.”

“Ich stimme dir zu, weil man ja schon vom schlechten Gewissen merkt, dass man was falsch gemacht hat. Ich glaube, das ist noch größer, wenn man keinen Ärger bekommt.”

Oh, das musst du mal erklären.

“Naja, wenn man wenigstens Ärger bekommt, dann ist das Geheimnis wenigstens raus. Wenn man das für sich behält, ist es tausendmal schlimmer, so dass man fast platzt.”

Danach haben wir noch über ein Beispiel aus dem Buch Die großen Fragen von Julia Knop gesprochen. Da ging es darum, dass dein bester Freund von dem coolsten Jungen der Klasse beschuldigt wird, ein Dieb zu sein. Du kannst beweisen, dass er nicht der Dieb ist. Die Kinder sollten nun entscheiden, wie sie sich verhalten würden: Entweder sie schweigen, oder sie stehen für ihren Freund ein oder sie beschuldigen ihn auch als Dieb, um die anderen nicht gegen sich zu haben.

Die Kinder brauchen in unseren Gesprächen nur noch ganz wenig Lenkung. In den nächsten Stunden möchte ich versuchen, dass sich auch die 6 Kinder beteiligen, die sich bisher noch nicht beteiligt haben. Vielleicht schaffe ich das durch ein Marktplatzgespräch oder eine Murmelphase zu Anfang. Vielleicht reicht es auch aus, eine Minute Nachdenkzeit zu geben, bevor wir mit dem Gespräch beginnen.

Ich für meinen Teil liebe die Gespräche, weil sie ein wertfreier Raum sind, die Schüler ihre eigenen Gedanken äußern dürfen und man manchmal auch interessante Dinge über das Elternhaus erfährt.

“Meine Mama sagt, man darf armen Menschen auf der Straße kein Geld geben, weil man nicht weiß, ob sie böse sind.”

Gut, das haben wir im Laufe des Gespräches dann zum Glück noch geklärt.

Meine Fragen nehme ich fast alle aus dem Buch Die großen Fragen von Julia Knop. Es ist eine tolle Hilfe, wenn man damit einsteigen möchte.

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Lasst doch bitte die Kinder endlich nicht in Ruhe!

Einmal im Jahr steigere ich  in einen neuen Wahn hinein. Dieses Mal ist er ausgelöst durch Eltern, manch einem Kollegen und Instagram. Letzteres ist für alle, die mich aus dem echten Leben kennen, ein wahrer Schock. Denn ich bin ein Instaholic. Ich liebe den Austausch auf dieser Plattform, diese tollen Ideen, die teilweise sogar kostenlos geteilt werden, aber… diese ganzen Belohnungs- oder noch schlimmer Bestrafungssysteme: Ihhh, baaah! Die finde ich so richtig, richtig doof.

Ich habe jahrelang mit Systemen wie Ampeln, Psst-Karten, grüne Karten, gelbe Karten, rote Karten, Lernkönige, Smileys, Sticker usw.  gearbeitet. Hat auch alles gut geklappt: Bei immer den gleichen Schülern. Leider überwiegend bei denen, die so ein System gar nicht benötigen. Ich will nicht jetzt schon alles schlechtreden: Natürlich hat es auch bei den anderen gezogen. Kurzfristig. Denn der Frust setzt ein, wenn man es selten schafft, grüne Karten zu sammeln, häufig aus dem Sitzkreis fliegt usw. Kurzum: Diese Systeme nutzen sich ab und ebenso die Konsequenzen.

Diese Systeme haben meiner Meinung nach einen weiteren großen Haken: Sie bekämpfen nicht den Kern des Problems. Wenn ein Kind haut, den Unterricht massiv stört, Schimpfwörter benutzt, nicht arbeitet, hat das Kind ein Problem. Und dieses erkenne und bekämpfe ich nicht mit so einem System. Es dämpft es nicht einmal. Das Belohnungs-/Bestrafungssystem bekämpft wenn überhaupt die Symptome dieser, nie aber die Ursache. Schlimmer noch: es verleitet den unreflektierten Lehrer dazu, an der Oberfläche zu bleiben, den Job darin zu sehen, das System umzusetzen. Ein Kind, das Aufmerksamkeit braucht, wird durch ein System nicht aufhören, nach dieser zu schreien. Ein Kind, das haut, wird nicht damit aufhören, solange die Gründe dafür nicht bekämpft sind und andere Verhaltensmuster erlernt werden. Die Gründe finde ich nur durch Gespräche heraus. Verhaltensmuster erlernt ein Kind nicht dadurch, dass es sieht, was es nicht darf. So ein System manipuliert das Kind -“Wenn du deine Probleme nicht zeigst, bekommst du etwas dafür” -, aber die die Ursache wird nicht bekämpft.

Alles, was Kinder wirklich brauchen, ist wahrhaftige und aufrichtige Anerkennung und Aufmerksamkeit. Diese erhalten sie durch ernst gemeintes und differenziertes Lob. Nicht durch Klebebildchen und Co.

Wir können die Kinder Anfangs dafür loben, dass sie schnell an ihrem Platz sind. Mehr als ein Lob als Belohnung sollte es nicht geben. Denn es sollte normal sein, dass die Kinder sich hinsetzen, wenn der Unterricht beginnt, spätestens aber, wenn der Lehrer es verlangt.

Wir können den Kindern sagen, dass sie fleißig arbeiten, wenn sie es tun, und ihnen eine Botschaft unter ihre Arbeit schreiben. Ihnen sagen, dass sie stolz auf sich sein können. Eine Belohnung darüber hinaus wird nicht nötig sein. Sie sorgt nur dafür, dass die Kinder sich an äußere Anreize gewöhnen und die intrinsische Motivation schrumpft.

Wenn ich höre, dass Kinder zu Hause Belohnungssysteme haben fürs Zähneputzen und Jackeaufhängen, beginne ich an der Menschheit zu zweifeln!

Wer einmal Schüler hat strahlen sehen, weil man ihnen gesagt hat, dass man stolz auf sie ist, weiß, dass keine Lernkönig der Welt, keine grüne Karte dieses Gefühl bei ihnen hervorrufen kann. Denn dieses Lob gehört ganz allein ihnen.

Ja, diese Systeme sind für uns Lehrer aus einigen Gründen sinnvoll: sie sind bequem. Sie lassen uns schnell reagieren, unter Umständen sogar non-verbal. Sie sparen Zeit. Weil man sich nicht mit dem Kind als Individuum beschäftigen muss. Sie sind augenscheinlich fair  – aber niemals wirklich. Um das zu merken, muss man sich nur einmal ernsthaft selbst beobachten:

Die kleine, normalerweise ruhige Finja bekommt nicht so schnell eine gelbe Karte, wie der wuselige Justin; allerhöchstens eine mündliche Verwarnung. Aber Justin ist, egal wie er sich verhält, sensibel und nicht blöd. Der merkt das ganz genau. Er wird frustriert.

Zum ersten Mal arbeiten wir an unserer Schule in diesem Schuljahr komplett ohne System und überwiegend mit positiver verbaler Verstärkung. Im letzten Jahr habe ich damit in zwei Klassen bereits begonnen. Es kostet Kraft, aber es funktioniert. Man muss sich darauf einlassen und sich ein Repertoire an verbalen und non-verbalen Reaktionen zulegen. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man Zeit für Gespräche benötigt. Ich rede jetzt viel mehr. Ich höre mehr zu. Ich verstehe mehr. Die Kinder bekommen die Chance, sich zu erklären. Sie erfahren, dass ihr Klassenraum ein geschützter Raum ist, in dem die Lehrerin aktiv auf Störungen reagiert (“Störungen zu ignorieren ist reagieren- solange es bewusst geschieht!”). Die Kinder selbst formulieren nach 10 Wochen in der ersten Klasse Lob. An sich. An andere. An uns Lehrer.

Bei den Klassen, die Belohnungssysteme gewohnt waren, ist es teilweise anders. Da dauert die Umstellung länger. Aber es schießen die gleichen Kinder quer, die es vorher auch getan haben. Es arbeiten die gleichen Kinder leise und motiviert, wie im letzten Schuljahr. Nur, dass alle gleichermaßen berücksichtigt werden. Fair. Und alle werden belohnt: Mit Spielen, mit einem Film, mit einem Spielzeugtag, einer längeren Pause. Nur ist diese Belohnung nun nicht mehr an Bedingungen geknüpft. Die Klasse muss keine bestimmte Anzahl an Sternchen mehr sammeln. Sie erhalten die Belohnung, weil sie es verdienen. Weil sie geschätzt werden. Und jeder leistet seinen Beitrag dazu. Da nicht alle Kinder gleich sind, gibt es Kinder, die mehr Hilfe benötigen.  Auch bei uns gibt es einzelne Kinder, die mit einem Verstärkerplan arbeiten. Der ist ganz individuell und mit den Eltern abgesprochen. Auch der wird sich irgendwann abnutzen. Aber manchmal kann man dann ja schon eine Vereinbarung mit dem Schüler treffen, in dem so ein Plan gar nicht mehr vorkommt.

 

 

 

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Um Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich gibt es Konsequenzen für Regelverstöße. Kippt ein Kind zum Beispiel mit Absicht den Anspitzerinhalt auf dem Boden aus, rutscht es nicht auf rot, sondern fegt den Schmutz auf (ja, unter Umständen tut er das auch in der Pause). Wenn ein Kind immer wieder das Gespräch stört und da steckt keine tiefergehende Ursache als Ungeduld hinter, kann es nicht mehr am Gespräch teilnehmen. Wenn ein Kind 20 Minuten nicht arbeitet und man kann Über- und Unterforderung als Ursache ausschließen, arbeitet der Schüler das in der Pause oder zu Hause nach. Mit einem System, nimmt der Lehrer sich nur selbst die Glaubwürdigkeit. Denn erst dieses verleiht, wenn es denn da ist, dem Gesagten Nachdruck. Die Schüler sollen auf uns hören, lernen, sich entschuldigen, Ordnung halten, weil wir eine Klassengemeinschaft sind und sie es wollen und nicht, weil eine Belohnung winkt!

 

Schulkleidung

Nicht zu verwechseln mit Schulkleidung: Schuluniformen

An unserer Schule haben wir ein besonderes Profil, welches auch das Tragen von Schulkleidung vorsieht. Zum Verständnis: Schulkleidung meint nicht das gleiche wie Schuluniform. Während bei Schuluniformen, wie man sie z.B. aus Groß Britannien kennt, das komplette Outfit vorgeschrieben ist, von den Schuhen, über die Beinkleidung bis hin zu den Oberteilen, ist bei Schulkleidung meist nur die Oberbekleidung festgelegt. Bei uns an der Schule können die Kinder bzw. Eltern aus verschiedenen Oberteilen und Farben wählen: T-Shirt, Polo-Shirt, Pullover, Kapuzenpulli, College-Jacke und ein Kleid…und Sportkleidung, die ab der 3. Klasse auch komplett Schulkleidung sein muss. Diese bestellen sie immer in einem bestimmten Shop, damit das Logo der Schule und wenn gewünscht, der Name des Schülers mit auf die Kleidung kommt. Ich finde es gar nicht mehr befremdlich und finde, dass die Vorteile von Schulkleidung definitiv überwiegen:

Schulkleidung schafft Gemeinschaft- an unserer Schule legen wir einen großen Wert auf Zusammenhalt und Identifikation mit unserer Schule. Schulkleidung leistet da einen wichtigen Beitrag. Die Vorschüler erkennen auch die Elftklässler und umgekehrt. Sie fühlen sich somit verantwortlich füreinander- auch, wenn z.B. ein Mitschüler, den sie gar nicht kennen, im Bus geärgert wird. Es entsteht ein WIR-Gefühl und das Sicherheitsgefühl in der Schule steigt, da schulfremde Personen schnell von allen identifiziert werden können.

Obwohl wir eine Privatschule sind, haben wir, und darauf sind wir stolz, alle sozialen Schichten und Herkunftsländer an der Schule. Vom Hartz4-Empfänger zum Taxifahrer, über Ärzte bis hin zu Managern von internationalen Unternehmen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern ist alles vertreten. Dank der Schulkleidung sehen weder Mitschüler noch Lehrer und andere Eltern den Kindern anhand der Kleidung die (soziale) Herkunft an (nicht, dass man das immer kann!). Den Kindern wird also erstmal ohne Vorurteile begegnet, da das soziale Gefälle kaschiert wird.

Kinder lernen von vornherein, dass es nicht auf die Kleidung ankommt und Menschen nach dem Charakter beurteilt werden sollten. Und: da das Konkurrenzverhalten durch Schulkleidung gehemmt wird, kann es am letzten Ende auch für die Eltern Geld sparen. Letztendlich müssen die Eltern nur wenig zusätzliche Kleidung für die Ferien und die Wochenenden kaufen. Interessant: dadurch, dass die Schüler Schulkleidung tragen, wird auch untereinander weniger darauf geachtet, von welcher Marke die Schuhe, die Handys usw. sind. Das gilt natürlich nicht immer und für jeden, ist aber im Vergleich zu meiner Schulzeit ohne Schulkleidung deutlich wahrzunehmen.

Auch hat es ganz klar einen werbenden Effekt. Es ist beeindruckend, wenn bei einem Schulausflug die Schüler die gleiche Kleidung tragen. Sie repräsentieren also immer die Schule und damit auch die Werte, die die Schule vermitteln möchte.

Natürlich ist Schulkleidung nicht die Antwort auf alle Probleme, die eine Schule haben kann.

Auch mit Schulkleidung kann es zu Mobbing kommen. Die “Gründe” verschieben sich nur. Es ist dann zwar nicht die Kleidung, aber die Stimme, die Pickel usw. Aber wenn der Fokus bei Schulen wie bei unserer so sehr auf Gemeinschaft liegt und das durch Schulkleidung noch verstärkt wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Mobbing stattfindet, nach meinem Gefühl und meiner Erfahrung, schon geringer.

Einen hingegen wichtigen Aspekt, der gegen Schulkleidung sprechen könnte, finde ich den, dass es die Persönlichkeitsentwicklung einschränken kann. Diese vollzieht sich, dass wissen wir alle aus eigener Erfahrung, auch über das Aussehen: mit Hilfe von Kleidung rebellieren wir, passen uns an, grenzen uns ab. Dafür müssen pubertierende Schüler von Schulen, an denen es Schulkleidung gibt, ein anderes Ventil finden. Dieses kann unterschiedlich aussehen. Schulkleidung lässt keine Unterschiede zu. In Zeiten von individueller Förderung wird so eine optische Einheitlichkeit angestrebt, die vermuten lässt, dass gar kein Platz für Unterschiedlichkeiten ist. Das ist aber ein Trugschluss – zumindest an unserer Schule. Alle sind verschieden und das schätzen wir, nur liegt beim Anderssein wieder der Fokus eher auf dem Charakter, Leistungsstand usw. als auf dem Aussehen (wobei auch hier noch genügend Unterschiedlichkeiten zu sehen sind).

Besonders ab der siebten Klasse, pünktlich zur Pubertät also, beschweren sich die Schüler regelmäßig über Schulkleidung- interessanterweise nur die, die schon lange auf unserer Schule sind. Die “neuen” Kinder wissen die Vorteile häufig zu schätzen, haben sie doch zumeist schon (negative) Schulerfahrungen hinter sich, auf Grund derer sie die Schule gewechselt haben.

Auch für mich wiegen die Vorteile schwerer. Ich finde es mittlerweile fast merkwürdig, wenn ich an anderen Schulen hospitiere und die Kinder dort “normale” Kleidung tragen. Wenn es der Schule gelingt, mit der Schulkleidung modern zu bleiben und auch auf wünsche der Schüler einzugehen (ein Jahrgang darf sich bei uns z.B. individuelle Shirts designen und die College-Jacken sind auch relativ neu im Sortiment), gibt es auch weniger Proteste. Letztendlich bleibt es Geschmackssache, aber steht bei uns absolut nicht zur Diskussion.

Weiteres zum Thema findet ihr unter anderem unter folgendem Link:

https://unicum-schulkleidung.com/schulkleidung-pro-und-contra/

Der Lehrer- ein tragischer Comicheld

Kennt ihr diese Comics, wo jemand steht, von einer Herde überrannt wird und dann ganz platt ist? Gerade, als er wieder aufgestanden ist, kommt dann noch ein Nachzügler, sodass er wieder platt am Boden liegt? So geht es mir dann, wenn die Pause endlich vorbei ist und 254.167 Schüler reingerannt kommen, weil sie es nicht erwarten können, weiter zu lernen.

Aufsicht – ist ja auch irgendwie ein leidiges Thema. Wer macht das schon gerne? ICH! Weil das manchmal das einzige Mal in 8 oder 10 Stunden ist, dass ich frische Luft bekomme. Aber seit diesem Schuljahr haben wir auch eine Innenaufsicht. Die ist nicht etwa dafür da, die Kinder im Haus zu beaufsichtigen, sondern die Kinder rauszuschicken. Das darf ich einmal die Woche machen…und es läuft jede Woche ähnlich ab:

Ich starte immer oben im Grundschulbereich. Erste Klasse? Sind alle draußen! Die freuen sich noch, wenn sie draußen spielen dürfen. Weiter zu den 3. und 4. Klassen. Hier läuft es schon etwas schleppender…

Ich: Ihr beeilt euch jetzt mal ein bisschen. Alle, die schon Schuhe anhaben, gehen runter!

Kind1: Aber ich warte noch auf Kind 2.

Kind 3: Ich auch!

Ich: Dann muss Kind 2 lernen, sich zu beeilen! Raus jetzt!

Hinter mir fällt ein Ball auf den Boden- oder dribbelt. So genau kann ich das nicht sagen. Fünftklässler! Waren bis zum Sommer MEINE Schüler. Die wissen ganz genau was passiert. Ich drehe mich um.

Fünfi 1: Oh oh.

Fünfi 2: Ein Chance noch. Bitte Frau K.. Wir machen das nie wieder.

Ich: Also…

Fünfi 1: Bitte, bitte. Wir wussten ja nicht, dass du da stehst. Sonst hätten wir das ja nicht gemacht.

Ich: Das ist ja noch schlimmer!

Fünfi 3: Also das stimmt nun wirklich.

Ich: Ihr könnt den Ball nach der Pause in meinem Büro abholen.

Weiter gehts zur 12. Klasse. Klassentür ist auf. Ich guck mal rein: Schüler.

Ich: Draußenpause.

Zwölfi 1: Wir müssen ein Referat vorbereiten.

Ich: Bei welchem Lehrer? Ich frag nach!

Zwölfi2: Ähhhhm, also…

Ich: Hab ich mir gedacht. Raus!

Nun habe ich das Obergeschoss endlich leer, mache mich auf den Weg in den ersten Stock. Da kommen mir wiederrum Drittklässler entgegen, die natürlich ganz dringend zu viert auf die Toilette müssen. Kurze Diskussion und die Kinder schleichen wieder runter.

Im ersten Stock treffe ich zunächst auf die 9. Klasse. Die hat immer nach der Pause Sport und ist der Meinung, sich nun schon einmal umziehen zu müssen. Ist aber nicht. Hab extra beim Sportlehrer und den Klassenlehrern nachgefragt. Also begleite ich sie alle mit der Sportkleidung auf der Schulter hinunter.

Dann geht es in die 11. Klasse. Auch die sitzen -mit Jacken- im Klassenraum….

Elfi1: Bitte meckern Sie nicht mit Herrn Müller. Der ist neu. Wir haben ihn ausgetrickst.

Ich: Wenigstens ehrlich.

Elfi1: Versprechen Sie’s!?

Nun verjage ich noch die Zehntklässler aus dem Gang zum Notausgang (geschickt, da geht sonst niemand kontrollieren, weil er in eine Sackgasse führt). Und so geht das eine Weile weiter bis ich mich endlich unten vor dem Eingang positioniere, damit niemand mehr reinkommt.

Kennt ihr diese Comics, wo jemand steht, von einer Herde überrannt wird und dann ganz platt ist? Gerade, als er wieder aufgestanden ist, kommt dann noch ein Nachzügler, sodass er wieder platt am Boden liegt? So geht es mir dann, wenn die Pause endlich vorbei ist und 254.167 Schüler reingerannt kommen, weil sie es nicht erwarten können, weiter zu lernen.

Nur ganz am Ende, da kommt immer ein Schüler suf mich zu, möchte etwas erzählen, petzen oder fragen. Wie letzte Woche:

Finnja: Frau K., was heißt onanieren?

Ich: Huch, wo kommt denn das jetzt her?

Finnja: Sag mal! Ole aus der 8. schreit das die ganze Zeit übern Schulhof.

Vielleicht beim nächsten Mal….

Der Lehrer in den Medien

Bin ich die einzige, die findet, dass der Lehrer an sich in den Medien häufig als erschöpfter, unzufriedener, überlasteter Meckerheini dargestellt wird?

Unterbezahlt?

Zu große Klassen?

G8?

Gewalt gegen Lehrer?

Inklusion?

Top aktuell: Lesen durch schreiben

…und zu allem Überfluss die immer noch schlechten Ergebnisse in internationalen Vergleichsstudien.

Das alles sind Themen, über die die Medien nur allzu gerne berichten. Immer, so scheint es, finden sich eine Menge Experten die ihr umfassendes Wissen zu den Bereichen teilen können: Lehrer, Schulleitungen, Schüler, Eltern – wer nicht so alles Experte ist (mal so am Rande: Bin ich Expertin für Autos, nur weil ich schon mal in einem gefahren bin?)

Daher möchte ich gerne eine Interview-Reihe starten, bei der besonders die tollen Aspekte des Jobs im Vordergrund stehen. Dafür schicke ich allen interessierten eine Word-Datei, wo ihr eure Antworten ganz einfach reinschreiben könnt.

Wenn du Interesse hast, teilzunehmen, dann schreib eine Mail an klassenzimmergeschichten@outlook.com, schreibe deine Email-Adresse in die Kommentare oder schicke eine Nachricht bei Facebook oder Instagram!

DIE INTERVIEWS FINDET IHR AB SOFORT IN DER UNTERKATEGORIE “DER GLÜCKLICHE LEHRER-INTERVIEWS” (ganz oben auf der Seite).

Mein Instagram-Experiment

Auch wenn ich mich hier bereits kritisch bzgl. Instagram und deren (Lehrer-)Nutzer geäußert habe, ist ja nicht alles daran schlecht. Im Gegenteil: man kann natürlich auch voneinander profitieren. Inwiefern es mir nützlich ist, habe ich mit Hilfe der Umfragen-Funktion getestet und damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

In dieser Woche habe ich bei Instagram gefragt, ob sich die Klassen anderer Kollegen bei ihnen, also den Klassenlehrern, auch besser benehmen, als bei Fachlehrern. Die überwältigende Mehrheit hat mit “ja” gestimmt- das entspricht auch meiner Erfahrung. Ich mache mir seit einiger Zeit schon Gedanken über mögliche Gründe:

Die Lehrer-Schüler-Beziehung zwischen Klassenlehrern und den Kindern ist enger. Wenn sie dort nicht ihre Grenzen austesten können, müssen sie es woanders tun. Wenn sie damit auch noch durchkommen, haben sie für die Zukunft eher leichtes Spiel.

Jeder Lehrer ist anders. “Streng und konsequent” können offenbar nicht alle.

Der Klassenlehrer hat mehr Zeit, während die Lehrer mit kleinen Fächern (bei uns betrifft das vor allem die Frendsprachen und Musik) einen größeren Druck verspüren, ihren Stoff durchjagen zu müssen.

Ebenso kann bei den Fachlehrern auch das Verständnis vorherrschen, dass es ja nicht ihre Aufgabe, sondern die des Klassenlehrers sei, die Erziehungsarbeit zu leisten.

Das Land der Ausbildung -wir sind in der Lehrerschaft sehr multikulturell und stolz darauf- kann mitentscheidend sein. Einige kennen es gar nicht, die Schüler auch erziehen zu müssen.

….und viele weitere Gründe mehr. Natürlich steht und fällt alles mit dem Kollegium und der pädagogischen Leitung/Schulleitung.

Nur die Ursachen zu kennen, nützt uns allerdings nichts, wenn man nicht auch nach Lösungen sucht. Bei Instagram haben wir nun ganz viele Ideen gesammelt und zusammengetragen. Nicht alle davon lassen sich auf meine Schule übertragen, aber für den ein oder anderen Leser hier können sie trotzdem interessant sein. (Meine Kommentare seht ihr in kursiv.)

1) Ein Lehrer für alle Fächer! Grundsätzlich super und ich bin sicher, dass es in einigen Ländern auch so gehandhabt wird. Bei mir würde es aber spätestens an den Fächern Musik und Chinesisch scheitern.

2) Mit den Fachlehrern im Dialog bleiben, sofort mit den Kindern sprechen, wenn es nicht läuft. Ich als riesen Gespräche-Fan bin auch Fan von dieser Idee.

3) Das Sozialverhalten von Anfang an in Fokus stellen. Tue ich intensiv, stößt aber dann an Grenzen, wenn sich Kollegen nicht an Verabredungen halten (ich unterstelle hierbei keine Absicht, höchstens Überforderung aufgrund mangelnder Erfahrung.)

4) Den Kindern im Beisein der Fachlehrer das Belohnungssystem und die Regeln erklären. Finde ich richtig, setzt aber voraus, dass die Fachlehrer mit dir am selben Strang ziehen. (Aber mehr dazu auch unter 3) und 5)) Auch wenn wir mit Absicht an der Schule ohne Belohnungssstem arbeiten, ist es wichtig, dass die Kinder wissen, dass alle Lehrer die Regeln kennen.

5) Gleiche Regeln und Konsequenzen, die alle Lehrer einhalten und anwenden/ Regelsysteme, die von allen Fachlehrern übernommen werden. Idealerweise ist es so. Mir klingt das aber zu einfach und zu theoretisch, weil ich das Gefühl habe, dass man manchmal die anderen Lehrer nicht beeinflussen kann und es ist doch für die Fachlehrer auch eine Zumutung, die Rituale, Konsequenzen, Regeln der verschiedenen Klassen zu kennen- gerade für jemanden, der fast eine volle Stelle mit Musik belegt und dementsprechend in mindestens sechs Klassen ist. Zusätzlich sehe ich das Problem, dass sich Lehrer selten Hilfe holen. Wenn ich merke, ein Lehrer kommt mit meiner Klasse nicht klar, merke ich das häufig, weil ich Aufmerksam bin, nicht, weil Kollegen den Dialog suchen.

6) Als Fachlehrer mit dem Klassenlehrer drohen ist Quatsch. Das untergräbt nur die eigene Autorität. Amen! Den Kindern sollte aber trotzdem klar gemacht werden, dass die Klassenlehrer informiert sind, da zwischen den Lehrern ein Austausch stattfindet. Ähnlich wie bei ihren Eltern sollen die Kids nie das Gefühl haben, ihre Lehrer gegeneinander ausspielen zu können.

7) Viele Gespräche führen: hospitieren, Tipps zur non-verbalen Kommunikation geben, andere Verhaltensmuster aufzeigen. Das machen wir gerade intensiv und hoffen, das es was bringt. Es ist natürlich immer schwierig, da man selbst nicht perfekt ist und Lehrer häufig dazu neigen, Hopsitationen als Bedrohung wahrzunehmen statt als Hilfe. (Wie immer: Nicht alle, aber einige.)

Ich bin immer noch nicht sicher, ob hier die Lösung meines Problems dabei ist. Es sind alles theoretische Ansätze, die wir in der Schule auch so leben (wöchentliche Teamsitzungen mit Raum zur Refelxion und Absprachen, Klassenteamzeiten, wöchentlich ein Zeitfenster für Klassenkonferenzen, gemeinsame Rituale, Regeln, Konsequenzen…). Fest steht: Je weniger Fachlehrer in einer Klasse, desto besser. Alle unsere Lehrer haben, und das schätzen wir, einen unterschiedlichen kulturellen Background, unterschiedliche Schulerfahrungen, ihr Studium/Examen in unterschiedlichen Ländern gemacht usw. Diese ganzen Vorstellungen und Erfahrungswerte miteinander zu vereinen ist schwierig. Genauso schwer ist es, jemandem ein (Belohnungs)System aufzuzwingen, hinter dem er nicht steht, egal ob grüne Karten, eine Lautstärke-Ampel, nachsitzen usw. Es wird nicht funktionieren.

Und interessant ist auch: Es gibt auch tatsächlich Fachlehrer, bei denen Klassen besser laufen, als bei den Klassenlehrern…da scheint das Problem also ganz woanders zu liegen.

Ich danke allen Insta-Lehrern und Nicht-Lehrern für die Teilnahme und die vielen Tipps.

Das darf man ja wohl mal sagen

Frau Krokus, ihreszeichen Lieblingskollegin sowie Mathe- und Schwimmlehrerin meiner Erstis, berichtete mir gestern von folgendem Gespräch vom Schwimmunterricht:

Lorenz: Frau Krokus, deinen Badeanzug könnte ich auch anziehen.

Frau Krokus: Aber der passt dir doch gar nicht.

Lorenz: Stimmt. Ich hab ja gar nicht so große Brüste.

Dominik: Aber Frau Krokus hat doch gar keine großen Brüste.

Lorenz: Hmm, stimmt. Aber braucht sie als Lehrerin ja auch nicht.

*mit freundlicher Genehmigung von Frau Krokus.

Say my name, say my name!

Gleich zu Beginn möchte ich meinen alten Lehrerkumpel Herrn Weizen zitieren, der irgendwie immer parallel zu mir die gleiche Klassenstufe hat. Also nun auch wieder eine erste. Er schrieb mir vor einigen Tagen: “Habe vergessen, wie viel Spaß das macht.” Ich auch! Ich habe da so ein Gefühl, dass uns ganz viele tolle, witzige und weniger schwermütige Klassenzimmergeschichten bevorstehen. Yeah! Geht sofort los:

Den ersten Tag nach der Einschulung hatten wir Klassenlehrerunterricht. Ich bat aber die Fachlehrer, im Laufe des Tages mal vorbeizuschauen um sich vorzustellen. Natürlich kam Frau Krokus, die Zuverlässigkeit in Person, als erste Kollegin rein.

Frau Krokus: Hallo, ihr Lieben. Ich bin Frau Krokus und werde Mathe mit euch machen. Vielleicht hat ja jemand noch eine Frage?! Leana!

Leana: Du siehst schön aus.

Frau Krokus: Oh, danke. Du musst mir noch mal deinen Namen verraten!

Saskia: Ich heiße Saskia, aber meine Mama nennt mich Moni…. aber du kannst auch Maus zu mir sagen.

…ja, Frau Krokus wäre wahrscheinlich nicht so verdattert gewesen, hätte sie da schon gewusst, dass das Saskias Nachname ist.

Nicht so laut!

Wie in jedem Schuljahr nahmen unsere Grundschüler auch im letzten Jahr wieder am Waldlauf teil, sehr zum Ärger der Grundschüler selbst. Denn drei Kilometer und ein paar Schrittchen- wie nur um alles in der Welt sollen sie jemals ins Ziel kommen ohne vorher elendig zu verdursten oder zu ersticken!? Naja, bisschen Schwund ist immer und so haben wir keine Ausreden akzeptiert und ausnahmslos alle mussten starten (okay, eine ist uns durchgerutscht, aber watt soll man machen, wa?!).

Diese Kinder, die so oft gestänkert, uns Nerven geraubt und gestritten haben, haben sich jetzt gegenseitig angefeuert…alle jeden und zwar unaufhörlich. Da ich -kurz vor den Sommerferien auf Grund der für die Kiddos bald endenden Grundschulzeit- ohnehin schon nah am Wasser gebaut war, kam ich nicht umhin immer wieder unter Tränen zu betonen wie stolz ich auf die Stinker war. Und auch ich habe mir die Kehle aus dem Hals geschrien. Mit den Schülern zusammen. Besonders bei Jeremy:

Unsere Klasse wartet neben der Bahn kurz vor der Zielgeraden, es ist der letzte Lauf. Das Hauptfeld ist vorbei, es kommen die Nachzügler….alle…bis auf Jeremey. Doch, da! Ganz hinten. Vor ihm noch ein Schüler. Wir schreien, wir toben (wir Lehrer realisieren, dass der Schüler vor ihm eine Beeinträchtigung hat), die Kinder klatschen weiter, feuern ihn an (wir Lehrer werden ruhiger und denken, der Junge auf dem Vorletzten Platz soll nicht letzter werden). Die Kinder stampfen, brüllen Jeremys Namen und dann…kämpft sich Jeremy nach vorn und überholt den anderen Jungen. Jetzt ist er genau auf unserer Höhe. Seine Mitschüler applaudieren und machen noch etwas mehr Stimmung, die qiueken gerade zu in höchsten Tönen….Jeremy guckt ganz zornig und hält sich die Ohren zu, während seine Klassenkameraden neben ihm herlaufen und ins Ziel tragen- Ohren geschlossen.

Als er später mit knallrotem Kopf wieder bei uns ist, können wir Lehrer es uns natürlich nicht nehmen lassen, hinzugehen um ihm für’s Durchhalten zu gratulieren:

Ich: “Hey Jeremy, gut gemacht. Kannst stolz auf dich sein. High Five!”

Frau Radieschen: “Wir wissen, du willst keine Glückwünsche, aber schlag ein!”

Jeremy: “Hä, ich will Glückwünsche.”

Frau Radieschen und ich: “Aber du hast dir doch die Ohren zugehalten.”

Jeremy: “Ja, ich wollte doch beim Laufen nur nicht angeschrien werden.”

….und so einfach ist das dann manchmal.

How to KLASSENRAT

Da in den sozialen Netzwerken von einigen Kollegen und Kolleginnen gefragt wurde, wie die anderen den Klassenrat ein- und durchführen, habe ich mir gedacht, dass ich es einmal detailliert aufschreibe. Ganz vielleicht kann ich damit ja einmal etwas zurückgeben für die ganzen Arbeitsblätter, Bastelideen und sonstigen Materialien, die ich im Online-Lehrerzimmer stibitze.

Der Klassenrat wird an vielen Schulen eingesetzt mit dem Ziel, die Schüler über Probleme kommunizieren zu lassen und um demokratische Grundprinzipien zu vermitteln. Ein Klassenrat macht nur dann Sinn, wenn die Anliegen der Schüler ernstgenommen werden und das Ansprechen dieser für die Schüler eine Veränderung erwirken kann.

Für meine Schule gilt: Bei uns ist der Klassenrat von der Vorschule bis zum Abitur explizit im Stundenplan verankert. Beide Klassenlehrer nehmen an diesem Teil, geleitet wird er aber von den Klassensprechern. Das gelingt ab Klasse 3 problemlos und die Lehrer greifen kaum noch ein. Im Klassenrat werden alle Themen besprochen, die die gesamte Klasse angehen (oder zumindest einen Großteil). Wenn also der Nils mit der Laura immer wieder aneinander gerät, hat das nichts im Klassenrat verloren, wird der Nils aber von der Klassengemeinschaft ausgeschlossen sehr wohl.

Über die Woche können die Kinder (und Lehrer) Lob auf gelben Zettelchen und andere Anliegen auf weißen Zettelchen mit dem eigenen Namen versehen in den Klassenratsbriefkasten werfen. Erstklässler malen ihr Anliegen oder merken es sich. Beim Klassenrat an sich werden nur Zettel besprochen, die mit einem Namen versehen sind.

Expertentipp: Man sollte unbedingt darauf achten, dass der Klassenrat keine Mecker- oder Beschwerdestunde wird. Daher würde ich immer von “Anliegen” und nicht von “Problemen” oder “Beschwerden” reden.

Zu Beginn des Klassenrats versammeln sich alle Schüler im Sitzkreis. In meiner jetzt abgegebenen vierten Klasse hat es sich ergeben, dass die Klassensprecher nun Rollen zugewiesen haben. Dies ist allerdings über die Jahre und aus der Gruppe heraus entstanden:

1) Assistenten: Die unterstützen die Klassensprecher beim Verteilen der Psst-Karten, aber auch beim Verteilen der grünen Karten.

2) Leisewächter: Dieser hält die Klangschale und ermahnt die Klasse mit diesem Hilfsmittel bei Bedarf zur Ruhe.

3) Erzählhundhalter: Dieser hält den Erzählhund und wirft ihm dem Schüler zu, der das Wort hat.

Nun beginnt der Klassenrat. Jede Phase wird hierbei durch Flashcards unterstützt, welche von den Klassensprechern im Sitzkreis platziert werden.

Phase 0: Klassensprecherversammlung

Hier berichten die Klassensprecher, was bei der Klassensprecherversammlung besprochen wurde. Da die nicht jede Woche stattfindet, findet dies nur bei Bedarf statt.

1. Phase: Lobrunde

Hier werden die Taten einzelner Schüler gelobt, z.B. weil er Lisa in Mathe geholfen hat, Moritz ein Pflaster besorgt hat, immer das Frühstück mit Mara teilt usw. Die Klassensprecher ziehen nacheinander die gelben Zettel und der Verfasser trägt sein Lob vor. Die Klasse stimmt dann gemeinsam ab, ob die Tat eine Lobkarte (gibt es z.B. von Timetex, man kann aber auch Sticker verwenden oder es beim Lob an sich belassen) wert ist. Interessant hierbei war, dass die Klasse irgendwann abgestimmt hat, dass jedes Lob eine Lobkarte wert ist, weil es für das Kind ein wichtiger und lobenswerter Moment war (*schnief*).

2. Phase: Was ist aus den Ergebnissen vom letzten Mal geworden?

Hier lesen die Klassensprecher (in Klasse 1+2 die Lehrer) die Punkte des letzten Klassenrats vor. Hat sich die Klasse zum Beispiel vorgenommen, nicht mehr zu drängeln, wenn sie zum Mittagessen gehen, wird kurz besprochen, wie es geklappt hat. Das haben die Klassensprecher meist mit der Daumenprobe gemacht. Manchmal durften sich noch zwei Schüler äußern. Wenn es sich verbessert hat, wird der Punkt abgehakt, sonst schreiben ihn die Klassensprecher (in Klasse 1+2 die Lehrer) für die kommende Woche wieder ins Protokollheft (ein simples A5-Heft eignet sich da prima).

3. Phase: Welche Anliegen gibt es heute? Welche Lösung finden wir?

Wieder ziehen die Klassensprecher Zettelchen aus der Box -diesmal die weißen. Wieder trägt der Verfasser sein Anliegen vor. Manchmal ist es nur eine Ansage bzw. Erinnerung (z.B. “Ich möchte euch erinnern, im Treppenhaus nicht so zu drängeln!”), manchmal bedürfen die Anliegen mehr Zeit. Zum Beispiel wenn mehrere Schüler ein Problem mit einem Lehrer haben, ihnen die Sitzordnung nicht gefällt oder über die nächste Belohnung entschieden wird usw. In diesen Fällen werden Schüler angehört und es wird nach Lösungen gesucht. Hier benötigen die Kinder manchmal noch Hilfe und Lenkung, aber mit klaren Strukturen und guten Klassensprechern geht es auch ohne dem.

Einige Kolleginnen an meiner Schule lassen zu Beginn des Klassenrats die Anliegen vorlesen und dann die Klasse abstimmen, welche sie besprechen möchten. Das kann man machen (und ich würde es zulassen, wenn es aus der Lerngruppe heraus entsteht), glaube aber, dass es die Schüler dazu verleiten kann, die profitabelsten und bequemsten Themen zu besprechen. Bei Frau Krokus klappt das allerdings so ganz wunderbar.

Natürlich kann man das alles noch ausbauen. Ich für meinen Teil werde es im kommenden Schuljahr mit den Erstis simpel halten. Im ersten halben Jahr übernehmen wir Lehrer zunächst die Rolle der Klassensprecher. Ab den Herbstferien (vielleicht auch früher) werden wir beginnen, Verantwortung abzugeben. Wichtig ist, sich von Vornherein so gut wie es geht zurückzunehmen und ein Vorbild zu sein. Außerdem sollte man mit den Kiddies unbedingt einmal besprechen, wozu der Klassenrat wichtig ist. Dann kann man die Erfahrung machen, dass sogar die Kinder mitreden, denen Kreisgespräche sonst schwer fallen. Schließlich geht es jetzt auch darum, was sie wollen und da lohnt sich das Stillsitzen dann manchmal schon.