Lehrer an einer Privatschule- Ein subjektiver Bericht

Häufig, wenn ehemalige Kommilitonen erfahren, dass ich an einer Privatschule arbeite, nehme ich ein Nasenrümpfen wahr. Ich werde dann oft gefragt ob ich keine andere Stelle bekommen habe und ob ich denn dann gar nicht verbeamtet bin. Außerdem gibt es Vorurteile wie: “Ohhh, dann kennst du unsere ganzen Probleme mit der Heterogenität ja gar nicht” oder alle Privatschulen werden in einen Topf geworfen- “so Waldorf-mäßig”.

Zum einen: Ich bin ziemlich sicher, dass ich mit meiner Abschlussnote auch eine andere Stelle bekommen hätte. Nur habe ich mich gar nicht weiter beworben, als ich die Zusage für meine jetzige Stelle hatte. Zum anderen: Nein, ich bin nicht verbeamtet und im Moment habe ich auch nicht das Bedürfnis. Ich sehe für mich da keinen Grund drin: Nach 1,5 Jahren wurde mein Arbeitsvertrag entfristet und mein Job ist damit nahezu genauso sicher, wie der eines Beamten- zumindest solange ich meine Arbeit gut mache. Außerdem bin ich noch nicht einmal 30, sollte mir jemals die Sicherheit einer Verbeamtung fehlen (welche Sicherheit eigentlich?), kann ich immer noch ins staatliche System wechseln. Viele Privatschulen, besonders in Süddeutschland, bieten aber eine beamtenähnliche Versorgung an. D.h. der Rentenanspruch ist bei einer bestimmten Einzahldauer nahezu genau so hoch, wie der von Beamten. Diese Lehrer können sich auch von der gesetzlichen Krankenversicherungspflicht befreien lassen und sich privat versichern- hier besteht also schon einmal kein Nachteil. Im Gegenteil dazu gibt es viele Vorteile: Ich bin viel flexibler und nicht darauf angewiesen, dass Versetzungsanträge durchgehen. Wenn ich möchte, kann ich auch problemlos das Bundesland wechseln, ohne einen Status einzubüßen. Ich bin mittlerweile, nach zahlreichen Fortbildungen, sogar der Meinung, dass eine lange Arbeitsdauer im staatlichen System frustiert. Auf jeder Fortbildung treffe ich LehrerInnen, die meckern: Hier fehlt uns dies, hier das, da sind uns die Hände gebunden. Genauso sieht es bei Fortbildungen für Führungskräfte aus und bei Schulleitertagungen: “Wir würden ja gerne, wir können ja nicht…” oder “Veränderung bedeutet bürokratischen Aufwand…” und so weiter. Von Freiheit keine Spur. Ich hingegen wurde nach einem halben Jahr Beschäftigung an meiner Schule in eine Leitungsposition befördert- juhuu. Ganz unbürokratisch und schnell. Wenn ein Kollege  einen Vorschlag hat antworte ich: Super, aber dann bist DU in der Verantwortung. Und schon setzen wir eine tolle Idee um (okay, manchmal erkennen wir auch, die Idee war nicht so toll). Ein weiterer Vorteil: die Lehrer die bei uns arbeiten, wollen bei uns arbeiten. Sie brennen für diese Schule und ihr Konzept- drei Kollegen haben sich sogar entbeamten (ist das ein Wort?) lassen, um bei uns zu arbeiten.

Und zu den Vorurteilen: Ich weiß, was Heterogenität ist. Sehr gut. Denn wir bekommen regelmäßig Schüler, die es im staatlichen System nicht geschafft haben. Allein in meiner 4. Klasse sind im Laufe von drei Jahren neun Kinder dazugekommen- ohne, dass es aufgrund eines Umzugs nötig war. Zwei Drittel davon wechselten mit Schul- bzw. Fachangst (ja, Angst vor Mathe ist ein Ding bei Kindern) die Schule. Mehrere wurden von den Lehrern als “auffällig” beschrieben, waren aggressiv oder in der alten Schule “immer an allem Schuld”; zwei davon wurden von der Mathelehrerin immer angeschriehen, sodass sie komplett blockiert haben. Ich weiß, so ist es nicht an allen staatlichen Schulen. Ich möchte nur sagen: Meine Schule macht keinen Aufnahmetest, wir haben nicht nur priviligierte Kinder- manche Eltern sparen sich das Schulgeld mühsam zusammen und sind wirklich, wirklich dankbar für die Chance, den Kindern eine glückliche Schullaufbahn zu schenken. Ich kenne also Heterogenität.

Der einzige Nachteil, den ich tatsächlich sehe ist: die Eltern. Die einen sind wahrscheinlich noch mehr Helikopter, als andere (sie zahlen ja).  “Mein Kind wurde geschlagen, die Schule hat ein Gewaltproblem! Ich gebe mein Kind extra auf eine Privatschule, damit das nicht passiert.” – Nein, die Schule hat kein Gewaltproblem. Dein Kind hat dem Sitznachbarn mehrfach den Stift geklaut und nicht auf “Stopp” gehört, irgendwann hat Peter zugehauen. “Mein Kind kann sich noch gar nicht auf Englisch mit mir unterhalten. Dabei hatte es doch jetzt ein Jahr Englisch und sie sagen doch, Englisch liegt bei Ihnen im Fokus.” – Ja, am Ende der ersten Klasse kann ihr Kind sich mit Ihnen über seine Lieblingsfarbe und sein -tier unterhalten, nicht aber über die chemische Zusammensetzung von Kartoffelbrei, unser Fehler, wir arbeiten dran. Versprochen! “Mein Kind ist schon zweimal die Treppe runtergefallen. Sie sollten einen Fahrstuhl einbauen!” Ja, oder Sie bringen Ihrem Kind bei, sich die Schuhe zu binden…denn nur weil sie zahlen, sind Sie nicht von jeglicher Erziehungsarbeit befreit. Da sehen wir manchmal Kindesverwahrlosung auf ganz hohem Niveau (das Kind hat alles, außer Liebe).

Ich bin gerne an einer Privatschule. Ich bin gerne mit Ende 20 in einer Leitungsposition. Ich gehe wirklich an 93 von 100 Tagen gerne zur Arbeit (an den anderen bin ich unausgeschlafen oder kränklich). Und für mich persönlich gibt es gerade keinen Nachteil darin, nicht verbeamtet zu sein. Im Gegenteil: Ich bin frei.

 

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Frühlingsgefühle im Herbst

Nachdem meine Viertis sich in der 3.Klasse noch weigerten einen Brief mit “Liebe Grüße” zu beenden (“Ihhhhh, Liebe! Frau K., du kannst nun wirklich nicht erwarten, dass wir so was ekliges schreiben. Du kannst uns nicht zwingen…”), liegt plötzlich Liebe in der Luft.

Schon in der 3. Klasse hat Marie-Lena mir erzählt, dass sie in Kim ist. Kim war aber schon immer mehr an Fußball interessiert. Nun plötzlich erzählt mir Sascha, dass er in Marie-Lena ist. Er hat es ihr sogar gebeichtet. Und dann mir. Fand ich mutig. Ich habe ihn natürlich sofort gefragt,  ob sie auch in ihn ist. Aber leider war sie da noch immer in Kim (“Frau K., das weißt du doch.”) Sascha war zwar traurig, ging mit seiner unerwiderten Liebe aber sehr souverän um (“Ach, spiel ich halt mit Tessa.”- die ist übrigens in Tom.)

Am Montag begann ich meinen Unterricht wie immer im Sitzkreis. Mir gegenüber saßen Marie-Lena und Sascha- Arm in Arm. Ich wunderte mich zwar, aber da meine Klasse eh eine Kuschel-Klasse ist, hab ich darüber dann erstmal hinweggesehen. Aber…ich, meineszeichens Meisterspürnase und Lieblingslehrerin, habe beim Mittagessen meine Chance gewittert und setzte mich neben Marie-Lena und praktischerweise saß neben ihr auch gleich Sascha. Das Interview konnte beginnen:

Marie-Lena: “Frau K., ich mag es immer so, wenn du bei mir am Tisch sitzt, dann gibt es immer so tolle Gespräche.”

Ich: “Apropos Gespräche, ich hab da mal ´ne Frage. Du und Sascha? Seid ihr jetzt so ein richtiges Pärchen? Ich dachte, du bist in Kim.”

Marie-Lena: “Pssst, Frau K., nicht so laut. Ich war in Kim, aber jetzt nicht mehr. Oh mann, jetzt werd ich schon wieder rot, Frau K..”

Als sie das sagte, vergrub sie ihren Kopf unter ihren Armen, wo ihr Saschas Kopf Gesellschaft leistete.

Ich: “Oh, ihr seid SO SÜß! Oh, sorry, das wollte ich nicht so laut schreien.”

Marie-Lena: “Nicht so schlimm, das wissen eh alle.”

Cassandra: “Und weißt du was, Frau K.. Niemand lacht. Sascha hat Marie-Lena sogar einen Kuss gegeben und alle haben es gesehen. Wir sind jetzt viel erwachsener als letztes Jahr.”

Teachers of Instagram

Ich habe mir wirklich lange Gedanken darüber gemacht, ob ich darüber schreiben soll oder nicht: Die Instagram-Lehrer. Und ich möchte gleich vorab klar stellen: ich möchte niemandem zu Nahe treten und schon gar nicht jemandem, den ich nicht mal persönlich kenne. Aber ich habe mir nun über einen längeren Zeitraum eine Meinung gebildet zu den immer glücklichen, immer arbeitenden, ständig für die Schüler (und Kollegen!!!!) bastelnden Kolleginnen, die ihre gesamte Freizeit damit zu verbringen scheinen, Materialien zu suchen, umzuändern, zu erstellen und das alles in sozialen Netzwerken darzustellen- im rechten Licht natürlich, mit Filter drüber. Es soll ja perfekt sein.

Am Anfang war mir gar nicht so bewusst, dass die Kategorie “Lehrer” bei Instagram genauso geheuchelt ist, wie die Kategorie “Fitness” oder “Blogger”, denn, seien wir mal ehrlich: Auch ich profitiere mitunter von dem Bastelwahn und der scheinbar unendlichen Freizeit meiner Kolleginnen und bin auch über alle Maßen dankbar dafür, wenn ich weiß, dass die nächste Idee für den Kunstunterricht nur ein paar Klicks entfernt lauert. Auch das tolle Zaubereinmaleins einer tollen Kollegin ist Gold wert und ich finde es toll, wenn kreative Menschen ihre Ergebnisse teilen und bin dann auch gerne bereit, dafür einen Beitrag zu zahlen.

Was ich allerdings schwierig finde, ist die Flut an ähnlichen Materialien, bunten Bildchen und allerhand überflüssiger Materialien. Auch findet sich auf den Insta-Profilen vieler Lehrer mittlerweile, so scheint es mir, nur allzu viel Werbung (hier ein Testpaket eines Klebestoffherstellers, da eines von einem Verlag). Es ist toll, wenn ihr Angebote teilt und uns alle aufmerksam macht unter dem Motto: “Übrigens, Kollegen, wenn man bei xxx freundlich nachfragt, schicken die einem Testprodukte zu.” Danke. Ist hilfreich. Werbung dafür allerdings, sollte als solche gekennzeichnet werden.

Und überhaupt: Irgendwie scheint meine (also die jüngere *hust hust*) Generation unserer Berufsgruppe wie alle anderen das dringende Bedürfnis haben, sich mit anderen zu messen. Woher kommt das? Daher, dass wir im Referendariat gelernt haben, dass eine gute Unterrichtsstunde beladen sein muss mit Zauberhut und Konfettikanone? Dadurch, dass wir die Schüler nicht mehr miteinander vergleichen dürfen? Daher, dass wir- auch wenn es nicht so sein sollte- dank VERA, Kermit und wie die Vergleichsarbeiten alle heißen, doch irgendwie mit verantwortlich gemacht werden für die Ergebnisse? Versuchen wir uns selbst hinwegzutäuschen, über katastrophale Unterrichtsstunden, über Schüler, die einfach nicht hören wollen und Eltern, die beratungsresistent sind? Brauchen wir das, um uns und allen anderen zu beweisen: Hey guck mal, ich bin fleißig, ich arbeite viel, ich habe mir die 13 Wochen Ferien im Jahr verdient (und sowieso: Von den 13 Ferienwochen arbeite ich ja 10 und habe somit viel weniger Urlaub, als alle anderen Berufsgruppen)?!

Diese Vergleichshysterie fiel mir erst wirklich auf, als vor einigen Monaten Kolleginnen von mir auf Instagram eine Challenge ins Leben gerufen haben, auf der alle Lehrerinnen, die wollten, an jedem Tag zu einem bestimmten Hashtag etwas posten konnten. Die Bandbreite war riesig: Vom ersten Schultag über die Schultasche, den Schreibtisch, Ämterplan bis zum Outfit war so gut wie alles vertreten, was das Lehrerherz höher schlagen lässt. Und ich habe mitgemacht, mir überlegt, was ich am nächsten Tag posten könne und bei jedem zweiten Bild blieb das Gefühl zurück, es nicht drauf zu haben. Meine Bilder waren unkreativer, meine “Higlights im Klassenzimmer” waren zu Mainstream, meine Rituale zu “normal” und meine Lieblingskreide zu weiß. Zudem wurde nie auch nur eines meiner Bilder von den Initiatorinnen der Challenge zu den “Best of”´s berufen. Ich begann an mir zu zweifeln und aus lauter Frust gab ich es auf, weiter Teil dieser Challenge zu sein. Zurück blieb ich mit meinen drei neuen Followern und der Erkenntnis: Wie alles bei Instagram gilt auch bei Lehrern “Alles ist mehr Schein als sein.”

Allen Kolleginnen und Kollegen, die jetzt das Referendariat beendet haben und erstmals als “richtige Lehrer” starten: Deine Pinguin-Klasse juckt es nicht, ob auf jedem Materialteildingsbums ein Pinguin drauf ist. Die Wochenpläne müssen nicht mit bunter Farbe gedruckt sein (ein Drittel der Kids verbummelt, zerschnippelt oder zerknüllt die eh). Die Eltern ändern ihr Verhalten nicht, weil das Gesprächsprotokoll für Elterngespräche auf nach Rosenwasser duftendem Briefpapier gedruckt ist. Deine Kollegen brauchen keine individuellen Geburtstagsgeschenkekörbchen- kauf ´ne Flasche Bio-Wein im Drogeriemarkt! Klar, du kannst deine Freizeit für den Job opfern. Du kannst die Lehrerin mit den meisten Likes auf Instagram sein. Du kannst deinen Job nach außen hin lieben. Aber das alles macht dich nicht zu einer guten Lehrerin. Das macht dich nicht mal zu einer glaubwürdigen Lehrerin- eher im Gegenteil.

Das Lehrerleben ist nicht nur Singen, Klatschen und Kuchenbacken. Es ist anstrengend, es ist nervenaufreibend, es lustig, es ist abwechslungsreich, es ist spannend. Aber es ist nicht perfekt. Also tu´nicht so! Hab Freizeit und keinen Burnout!

 

#fürmehrrealitätiminternet

 

Schülerfeedback

Das Schuljahr nähert sich dem Ende und bald gibt es für die Kinder Zeugnisse. Daher wollten Frau Radieschen und ich auch von unseren Kindern wissen, welches Zeugnis sie uns ausstellen.

Schülerfeedback ist wichtig, un das eigene Verhalten zu überprüfen, den Unterricht zu verbessern und den Kindern in einer demokratischen Gesellschaft das Recht einzuräumen, sich nicht einfach mit ihren Lehrern zufriedengeben zu müssen ohne ihre Wünsche und Bedürfnisse mitteilen zu dürfen. Das setzt voraus, dass die Lehrer das Feedback ernst nehmen. Das tun wir.

Um die Schüler erst einmal an eine Evaluation heranzuführen, haben wir uns auf vier Hauptfächer beschränkt und auf sechs Bewertungskriterien geeinigt*, die für die Drittklässler verständlich sind. Bewerten sollten die Schüler anhand von Smileys, die sie von Tests und ihren Zeugnissen kennen. Außerdem hatten sie die Möglichkeit uns zu schreiben, was ihnen besonders gut gefällt und was der Lehrer verbessern kann. Ob sie ihren Namen raufschreiben wollten oder nicht, durften die Kiddies sich aussuchen. Den Kindern hat es großen Spaß gemacht und manchmal war es anscheinend gar nicht so einfach.

“Ich kam mir vor wir ein Lehrer-Lehrer. Manchmal konnte ich mich gar nicht zwischen zwei Smileys entscheiden.”

“Bei mir hängt das auch manchmal von meiner Laune ab, ob ich Lust auf Mathe hab. Ich habe Angst, dass du dann traurig oder sauer bist, wenn ich nicht den besten Smiley ankreuze.”

“Ich mag Deutsch einfach nicht, das liegt aber nicht am Lehrer. Das habe ich dann dazu geschrieben.”

“Ich finde, das einzige, was du verbessern musst, ist, dass Tarik nicht so viel stört.”

Tatsächlich werden die vier großen Fächer in unserer Klasse von vier verschiedenen Lehrern unterrichtet und ich hoffe, dass die anderen Lehrer das Feedback ernstnehmen, aber Tipps wie mehr Filme gucken nicht. Deutlich wurde auch: Wenn die Schüler-Lehrer-Beziehung insgesamt stimmt, die Schüler sich geschätzt und ernstgenommen fühlen, ist auch das Feedback besser. Ehrlich, Leute, wir haben viel gekämpft dieses Schuljahr und die Klasse ist wahrlich nicht immer einfach, aber dieses viele Lob und die wenige Kritik sind alle Anstrengung wert. 
*Quelle: Die Bewertungskriterien habe ich auf dem Instagram-Account von @grundschullehrer_pete gefunden.

Nach müde kommt doof

An unserer Schule pflegen wir die wundervolle Kultur, unseren Kollegen mitzuteilen, was sie im Unterricht machen sollen, sollten wir vertreten werden müssen. Melde ich mich krank, schreibe ich in eine E-Mail was ich geplant habe und wo die Materialien zu finden sind (da wir uns alle ausschließlich in der Schule vorbereiten, ist das auch kein Problem). Dies bedeutet zwar, dass man immer ein wenig vorausplanen muss -Kranksein kann man ja nicht planen-, aber erleichtert allen im Ernstfall die Arbeit. Okay, klar, es gibt Kollegen, die nehmen es nicht ganz so Ernst…aber die sind die Ausnahme. 

Letzte Woche habe ich dann, zwischen Zeugnisseschreiben und Elterngesprächen, eine Stunde vorbereitet, von der ich wusste, ich werde dort vertreten werden, weil ich auf eine Fortbildung musste. Ich scheine dabei irgendwie…hmm…woanders gewesen zu sein. Denn als ich in der Fortbildung saß,  schrieb mir Frau Radieschen eine Nachricht: “Ich weiß, mein Englisch ist nicht wirklich gut und ich musste die Aussprache googlen, aber ich bin ziemlich sicher, das hier etwas nicht stimmt:”

…und anbei folgende Fotos: 

Zwar habe ich mich halbtot gelacht, aber ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Vermutlich war ich sehr, sehr müde. Zum Glück habe ich nun ein arbeitsfreies Wochenende vor mir. Die Kinder werden es mir am Montag danken. Oder? 

Lieblingsmilch

Bei mir dreht sich im Moment alles darum, meine Terrorkrümel wieder auf “nett” zu trimmen. Beleidigen und Handgreiflichkeiten sollen der Vergangenheit angehören. So ermutigen wir die Kinder zum Beispiel immer wieder dazu, auch “positive” Post in den Klassenbriefkasten zu werfen und nicht nur Meckerbriefe. 

Umso schöner ist es, wenn dann aus heiterem Himmel etwas passiert, wobei die ganze Klasse gemeinsam augelassen lachen kann.

“Aaaaaany more questions?”

Lara: “Also, hab ich das jetzt richtig verstanden? Wir sollen in den Korb das Obst und in das Trinkpäckchen Juice oder Milk schreiben?”

“Ja, mit dem Obst. Dan!”

Dan: “Achso in das Trinkpäckchen das Obst und in den Korb die Getränke? Hä?”

“Nooo! Andersherum! Stella!”

Stella: “Ah okay, und was schreib ich dann in das Trinkpäckchen?”

“Soooo, noch mal für alle zum Mitschreiben…”

Hugo: “Wir haben aber gar keinen Stift!”

“In den Korb schreibst du das Obst. Das findest du in der Box. In das Trinkpäckchen schreibst du die Obstsorte kombiniert mit MILK oder JUICE. Zum Beispiel BANANA MILK oder APPLE JUICE. Boris!”

Boris: “Ich hab da noch ‘ne Frage. Nee, nee, nicht die. Meine Lieblingsmilch ist ja laktosefreie Milch. Auf welche Linie schreib ich das jetzt?”

Ich liebe die lieben Lieben

Heute hatte ich einen genialeren meiner Einfälle (denn ich gebe ungeniert zu, dass auch meine Ideen und Gedanken häufig eher denen eines bananenpulenden Pudels ähneln). Als wir heute im Klassenrat Vorschläge für unsere “Positive Runde” gesammelt haben, hat Lara -ein ganz tolles, empathisches, sensibles Mädchen- vorgeschlagen, dass jeder einem neuen Schüler seiner Wahl, sagt, was er an ihm oder ihr mag. Weil ich fand, dass alle so etwas verdient haben und ja die Gefahr bestand, dass so einer der neuen vielleicht gar kein Kompliment bekommt, habe ich vorgeschlagen, dass jeder seinem rechten Sitznachbarn etwas Nettes sagt. Als dann mein Vorschlag angenommen wurde und Sven-Leon realisierte, wer rechts neben ihm saß, rief er laut: “Ihhhhh!”, und rutschte theatralisch zur Seite. Ich dann, fuchsteufelswild: “So, Sven-Leon, du meinst, dir fällt zu Tabita nichts ein? Ha! Hier, hast du ‘nen Zettel und ‘nen Stift. Du schreibst jetzt über jeden deiner 25 Mitschüler einen unterschiedlichen NETTEN SATZ auf. Und: zu deinen drei Klassenlehrern auch. Und vorher brauchst du gar nicht wiederkommen…!”

Sven-Leon also raus aus der Klasse. Wir also losgelegt mit netten Worten. Hach, war das schön! Klassenkasper Moritz hatte sogar Tränen in den Augen und die Schülerin, die rechts von mir saß, hat ganz stolz geguckt. Ich wurde gelobt, weil ich fast nie wegrenne, wenn die Mädels kuscheln wollen, ich voll nett bin und die beste Lehrerin der Welt (mit Frau Radischen).” Leider habe ich das Ende der Stunde verpasst, aber Frau Radischen berichtete mir später, dass Sven-Leon sich echt Mühe gegeben hat und ihm am Ende die ganze Klasse applaudiert hat. Ich habe den Zettel gelesen. Da steht:

“Frau Radischen kann gut Deutsch.”

“Frau K. kann gut Englisch.”

Na, wenn das nix is! 

Da muss man wohl dabeigewesen sein! 

Da bin ich wieder: gestresst, glücklich, relaxed, wütend, müde, overexcited…alles auf einmal, eins nach dem anderen. (Übrigens gar nicht mal so ferienreif- es fühlt sich ein wenig so an, als gehöre ich zu den Glücklichen, die Osterferien hatten).

Während ich dank der Kinder meine Liebe zum Kunstunterricht entdecke, werde ich mir auch immer klarer darüber, warum die Terrorkrümel meinen Matheunterricht gar nicht sooooo schei… doof finden, wie in den letzten Sommerferien noch befürchtet: Ich erkläre es einfach für Doofe. Naja, den 50% die es eh können, erkläre ich es gar nicht. Aber der kleineren Hälfte (hahaha, verstehste?!?!?), die echt Probleme hat, erkläre ich das so, wie es mir damals mal jemand hätte erklären sollen. 

Und Kunst: Wow! Die Kinder lieben es! Also wirklich. Fällt es aus, maulen sie. Wissen sie, eine Vertretung wird kommen, sind sie besorgt, ob die auch Kunst machen wird. Ist die Stunde vorbei, fluchen sie. Und als ich ihnen letzte Woche unterbreitete, dass wir ihre Belohnung (Filmguck-Kuschelstunde) in der Kunststunde einlösen werden, waren sie sich nicht so sicher, ob sie das wirklich gut finden sollen (so toll finden sie Mathe dann auch nicht, als dass sie die Stunden nicht für einen Film opfern würden…). 

Vielleicht lag das auch daran, dass sie unseren Klassenlachflash noch verarbeiten mussten. Es ist nämlich so, dass den wirklich coolen Jungs der Klasse manchmal plötzlich einfällt, dass sie mich eigentlich ganz nett finden, obwohl sie mich blöd finden wollen. Und dann nach zu viel Spaß, wieder irgendetwas zum Meckern finden müssen:

– “Okay, und bevor wir uns verabschieden, …”

In dem Moment fliegt die Tür auf, Aaron und Ron kommen nach einer Streitklärung hereingepoltert. 

Aaron ruft: “Streit geklärt.”

Ron wirft die Arme in die Luft und brüllt: “Überhaupt nicht.”

Ich (hasse es, wenn Schüler laut in die Klasse kommen und meinen Unterricht stören- und das wissen sie ganz genau) fauche laut meckernd: “Sofort raus! Und kommt leise wieder rein! Aaaaalso: Bevor wir uns verabschieden machen wir den Abschlusskreis. Was hat dir heute am besten gefallen? Rina!”

In dem Moment geht die Tür leise auf und Aaron und Ron kommen durch die Tür, schleichend wie Indianer und walisch flüsternd wie Dori von “Findet Nemo”.

Aaron: “Wiaaaaa haaaa-aaaaaben den Straaaaaa-iiiiiiiiiit geeeeeeklääaaaaaaat.”

Ron: “Üübeeeeeeerhaaaaaaaaaaupt niiiiiiiiicht.”

Ich glaube, man muss dabei gewesen sein, aber Ich hab mich nicht mehr eingekriegt. Die Abschlussrunde war gelaufen, weil die Kiddos und ich uns vor Lachen gekringelt haben. 

Mich plagt der Gedanke, ob sie das draußen abgesprochen haben. Aber eigentlich ist es auch egal…

Aaaaaaabeeeeer guuuuuuckt maaaa-aaaal: Uuuuuunsereeeee Kuuuuuunstweeeeerke! 

Unser Fasching

In welchem Job außerhalb der Karnevalhochburgen, kann man verkleidet zur Arbeit gehen? Richtig: Als Lehrerin und Erzieherin. Und wie haben Frau Radischen und co. darauf hingefiebert! Und dann war es soweit: Die Schule war eine fabelhafte (im wahrsten Sinne des Wortes) Fantasiewelt. Leider war aber eine Schülerin aus der 1.Klasse krank und weil sie nicht mit ihrer Klasse zum Schwimmen durfte, war sie bei uns in der Dritten und fragte:

“Ich war ja bei Fasching nicht da, kann mir  jemand nicht mal die Hochpunkte verraten?”

Kiara-Belle meldet sich. 

“Ja, Karamell!”

“Mir hat bei Fasching am besten gefallen, dass wir mit allen Kindern und Lehrern die Bolognese durchs Schulgebäude gemacht haben.”


An dieser Stelle geht ein riesen Dank an die Eltern der ersten Klasse, die mit sehr viel Liebe, Mühe und Zeit unser Schulgebäude dekoriert haben.