Liebe Eltern…

…ihr könnt doch nicht um 7:00Uhr euer Kind in der Schule abgeben und bis 17:00Uhr in der Betreuung lassen und euch dann beschweren, dass es sich langweilt.

Ihr könnt es doch nicht am Nachmittag und Wochenende vorm Fernseher oder iPad parken und euch dann in der Schule beschweren, dass man dem Kind das Lesen nicht beigebracht hat.

Ihr könnt doch nicht fremden Kindern drohen, weil es euer Kind geärgert hat und dann behaupten, die Schule mache euer Kind aggressiv.

Ihr könnt doch nicht Lehrer beleidigen und dann in aller Seelenruhe nach Hause fahren- Lehrer nehmen Kritik in der Regel ernst und “Probleme” durchaus mit in den Feierabend und manchmal auch ins Bett. 

Ihr könnt doch nicht eurem Kind als Frühstück eine Tüte Croissants mitgeben und dann behaupten, es liege am langweiligen Unterricht, dass es sich nicht konzentrieren kann.

Ihr könnt doch nicht zu Hause über die Lehrer eures Kindes lästern und damit begünstigen, dass euer Kind seinen Lehrern gegenüber respektlos ist und dann “Scheiß Schule!” schreien.

Ihr könnt doch nicht eurem Kind sagen: “Wenn du gehauen wirst, hau sofort zurück!”, und dann behaupten, die Schule habe ein Aggressionsproblem.

Ich bin manchmal erschüttert, wenn ich Berichte in Zeitungen lese oder Geschichten meiner Kollegen lausche. 

Liebe Eltern, 

danke, dass ihr eurem Kind ein gesundes Frühstück mitgebt.

Danke, dass ihr die Schule ernst nehmt und euer Kind beim Lesenlernen und dem Einmaleins unterstützt. 

Danke, dass ihr euer Kind ermutig, sich mit Problemen dem Lehrer anzuvertrauen.

Danke, dass ihr eurem Kind zutraut, einen Streit alleine zu klären.

Danke, dass für euch nicht jede Streiterei gleich Mobbing ist.

Danke, dass ihr den Lehrern eures Kindes vertraut und ihnen zwischendurch mal für die harte Arbeit dankt, die sie jeden Tag leisten.

Danke, dass ihr uns helft, immer wieder gerne zur Arbeit zu gehen und nicht aufzugeben! 

…and other Stories.

Es gibt ja nicht nur mein Klassenzimmer. Es gibt ja auch noch das von Frau W., dass von Herr Z. und das von Frau H. 

Es gibt ja auch nicht nur meine Schule. Es gibt da noch eine im Süden der Stadt, eine auf der anderen Straßenseite und eine neben dem großen Rewe-Markt.

 Schule besteht ja auch nicht nur aus Klassenzimmern. Da gibt es noch die Mensa, die Turnhalle, das Lehrerzimmer und das Referendariat. So ein Lehrerleben besteht ja auch nicht nur aus unterrichten, trösten und schlichten.

Nein, dazu gehört auch ein Privatleben, in dem wir, geben wir es zu, zu 80% über die Arbeit reden. Besonders, wenn man mit Lehrerfreunden zusammentrifft. Ich mag das. Denn da lernt man auch Geschichten aus fremden Klassenzimmern kennen- oder eben aus Turnhallen, wie in dieser kurzen Geschichte meiner Freundin Frau H. von der Schule neben dem großen Rewe-Markt: 

Im Sportunterricht der 2.Klasse rennt Samira auf Frau H. zu. In den Händen hält sie auf Brusthöhe zwei gelbe Gymnastikbälle und ruft:   “Frau H., die Jungs wollen immer mit denen spielen. Aber das geht doch nicht, die sind doch voll hart.” 

Danke Frau H., your story made my day! 

Familienstreit und Versöhnung

Wie schon einmal erwähnt, ist meine dritte Klasse nicht einfach. Wir haben sehr viele auffällige Schüler, dazu diesen riesen Klassenraum, einen Achtstundentag da Ganztagsschule und ja: insgesamt haben wir es wirklich nicht leicht. 

In der Klasse kommt es immer wieder zu massiven Konflikten und Grenzüberschreitungen, obwohl die Kinder sich eigentlich alle mögen und ich schwöre: Jedes einzelne Kind ist auf seine Art und Weise ganz wundervoll, liebenswürdig, klug und witzig. Aaaaber auch heute: Riesenstreit! Und das, weil alle zusammenspielen wollen (ja, da sind sie sich einig) und, ich zitiere an dieser Stelle, “es ihnen alles über den Kopf wächst.” Nach gefühlten zwei Stunden Streitschlichtung kam meinem Klassenteam und mir dann am Schulschluss unser nachtregliges Valentinsgeschenk gerade Recht. Die Lilly hat sich da aber auch Mühe gegeben und wie Kinder so sind uns allen einmal so richtig die Meinung gegeigt. Gut, dass Frau Radischen so humorvoll ist und wir uns dann gemeinsam in den Feierabend hineinlachen konnten (für die Faulen unter euch, habe ich den relevanten Brief extra einmal markiert): 

Valentine’s Day

Heute ist er da: Der Tag der Liebenden, der Turteltäubchen, der Küsse und der frustrierten Singles. Und der Tag, an dem alle Drittklässler-Jungs im Chor einmal ganz laut “Ihhhh” und “Urghs” rufen dürfen, bevor sie sich schütteln und sich dann wieder zusammenreißen, um sich mit voller Kraft auf den Englischunterricht zu konzentrieren. 


Zu Beginn der Stunde legte ich also als stummen Impuls (Ha! Doch was gelernt im Ref.) kitschige Bilder auf rotem Untergrund in die Kreismitte. Die Jungs reagierten wie vorausgesagt; die Mädchen, ganz motiviert bei der Sache, schnippten aufgeregt und ließen im Takt ihres Armfuchtelns Stöhnlaute aus. Alle Begriffe wurden auf Englisch benannt (Gar nicht so schlecht, deine Klasse, Frau K.!) und anschließend haben die Kinder ihnen die Wortkarten zugeordnet- jaja, auch das Lesen wird immer besser. Dann haben wir einen vierminütigen faszinierenden Film darüber geschaut, wie dieser Tag entstanden ist (Ich bin ja bekennender Youtube-Fan und ich kann euch sagen: Von Soldaten, Liebe und Todesstrafe war die Rede- da wurden sogar die Jungs hellhörig) und den Film im Anschluss besprochen, bevor es in die Arbeitsphase ging. Diese war, unserem Lehrwerk entsprechend, recht einfach und bestand aus einem Gitterrätsel mit den vorher eingeführten Begriffen. 

Die schnellen Kinder treffen sich bei mir immer am “Bus Stop”, wo sie eine Partneraufgabe bekommen. Mal besteht sie aus “Ergebnisse vergleichen”, mal aus einem Sprechanlass zur Festigung…ach, papperlapapp. Lassen wir das! Heute sollten sie sich zu zweit mithilfe von vorgegebener Reime einen neuen Reim entwickeln und diesen auf eine Valentinstagskarte schreiben. So weit so gut. Die Arbeitsphase war entspannt und ruhig, bis auf einmal: 

Tanja: “Pssst, du Frau K., komm mal.”

Ich schlich zum Tische von Tanja, Ronja, Timo und Anna.

Ich: “Pssst. What’s up?”

Tanja: “Timo hat ‘ne Valentinstagskarte von Lilly bekommen.”

Ich: “That’s nice. Do you like it?”

Timo: “Ja, aber ich sag nicht was drin steht. Obwohl ich nicht in Lilly verliebt bin.”

Ich: “You don’t have to tell. Remember: Valentine’s Day is also about secrets.”

Tanja: “Aber Frau K., ich hab Timo erstmal erklärt, dass es nicht nett ist, einem Mädchen zu sagen, dass man es nicht liebt. Und jetzt behauptet Timo, ich liebe ihn.”

Ich: “And do you?”

Tanja (steht theatralisch auf und flüstert): “Jetzt mal unter Frauen. Ich muss mich ja schon übergeben, wenn ich nur ans Küssen denke!”

Highlight des Tages

Heute, 6. Stunde Englisch in der 1c.

Ich: “Repeat the words! Windy.”

Klasse: “Windy.”

Ich: “Rainy.”

Klasse: “Rainy.”

Ich: “Cloudy.”

Klasse: “Cloudy.”

Ich: “Sunny.”

Klasse: “Sunny.”

Ich: “Snowy.”

Klasse: “Snowy.”

Ich: “Ooookay. Very good.”

Klasse: “Ooookay. Very good.”

Ich: “Okay. Stop!”

Klasse: “Okay. Stop!”

Ich:  

Ein Award für versatiles Bloggen

Da heute zeugnisfreier Montag ist, habe ich genug Zeit mich auch um schöne Dinge zu kümmern. Die liebe Tagebuch einer Sprachenlehrerin hat mich für den VBA (The versatile Blogger Award) nominiert und die Nominierung nehme ich dankend an. 

Die Regeln für die Teilnahme lauten: 

 – Danke der Person, die dich nominiert hat (hab ich schon!)

– Wähle 15 Blogger aus, um sie deinerseits für den VBA zu nominieren.

– Erzähle 7 Dinge über dich. 

Ich werde es trotz reiflicher Überlegung wohl nicht auf 15 Blogger schaffen, aber ein paar werden mir sicher einfallen. Aber beginnen wir mit 7 mehr oder weniger unbekannten Fakten über mich: 

1) Ich besitze über 90Paar Schuhe- und ja, tatsächlich sind sich einige sehr ähnlich und tatsächlich trage ich auch nicht alle. 

2) Ich arbeite an einem Roman, der nichts mit meinem Blog zu tun hat. 

3) Mein MacBook ist seit Oktober kaputt, weshalb ich jeden Blogbeitrag im Moment am Handy verfasse.

4) Ich habe zuhause weder ein Arbeitszimmer, noch einen Schreibtisch. 

5) Manchmal esse ich Chips zum Frühstück. 

6) Ich wohne mit fast 30 Jahren in einer WG und liebe es. 

7) Ich bin Vegetatier. 

Ich bin mir nicht sicher, wie interessant das hier alles war, aber ich habe mein Bestes gegeben. Ich nominiere: 

Abgebrochener Bleistift

Lehrercafe

Altenheimblogger

Tinatainmentia
Pimalrquadrat (Der hat aber schon mitgemacht…)
Natürlich darf jeder, der möchte, bei dem Award mitmachen. Schaut doch mal bei den von mir nominierten Blogs vorbei. 

Stolz wie Oskar

Ich bin ja manchmal wirklich stolz auf die Monsterzwerge. Zum Beispiel neulich:

Für gutes Verhalten sammelt die Klasse in einem Glas Muscheln. Ist das Glas voll, entscheiden die Kinder im Klassenrat über eine Belohnung. Die einzige Bedingung ist, dass die Belohnung nichts kosten darf. Bisher haben sich die Kinder meist für “Filmgucken” oder eine Spielzeugstunde entschieden. Dieses Mal hat Frederike vorgeschlagen, dass wir, ähnlich wie beim Wichteln, jeder einen Namen ziehen und dem Kind dann ein Geschenk kaufen. Auf meinen Einwand hin, dass die Belohnung nichts kosten dürfe, haben wir uns auf “etwas basteln und einen netten Brief schreiben” geeinigt. Und beim Abstimmen hat dann tatsächlich mehr als die Hälfte der Klasse auch für diese Belohnung gestimmt.

Also zogen wir am vergangenen Freitag die Namen. Von “Yeah!” über “Ohhhh nein!”, war alles dabei. Und natürlich konnten nicht alle Kinder für sich behalten, wen sie gezogen haben. 

Ich habe aus pädagogischen und emptionalen Gründen absichtlich einen Schüler gezogen, der mich grundsätzlich gemein findet und sich häufig ungerecht behandelt fühlt. Immer mag ich alle anderen viel lieber als ihn. Und natürlich glaube ich auch immer allen anderen und nie ihm (na, wer weiß, von welchem Schüler ich spreche??).

Ich habe mir lange Gedanken gemacht, und mich dann dazu entschieden, ihm ein Armband mit den “Perlen des Glaubens” (https://www.perlen-des-glaubens.de/) zu schenken, weil ich für mich selbst schon oft diese Armbänder gebastelt habe und er auch sehr christlich erzogen wird. 

Es war sehr schön zu sehen, wie gerührt er war (bis auf Wut und Schadenfreude zeigt er nicht sehr häufig Emotionen), er konnte nicht aufhören, sein Armband anzufassen und meinen Bief durchzulesen. Das hat dann auch mein kaltes Herzchen erwärmt. 

Aber auch die anderen Kinder haben sich sehr viel Mühe gegeben. Von Freundschaftsarmbändern und  dreidimensionalen Autos über Portraits auf Leinwänden bis hin zu selbstgenähten Federmäppchen in Lieblingstierform war alles dabei.


Das Überreichen war immer sehr spannend, auch für die Kinder, die ihr Geschenk schon bekommen oder gegeben haben. Und das, obwohl sie allesamt schon ganz hibbelig waren, wegen der Zeugnisse die im Anschluss auch noch verliehen wurden.

Auch ich habe estwas Schönes bekommen. Mein Name wurde von Amanda gezogen, die erst seit dem Sommer bei uns in der Klasse ist. Wie so viele ist sie mit einer Schulfrustration auf unsere Schule gewechselt. 


Ja, heute strahlt mein Lehrerinnenherz und ich bin stolz wie Oskar auf meine Klasse, die wahrlich keine einfache Klasse ist. 

Anmerkung zum Thema Stolz: Vor fünf Minuten kam eine Mutter in mein Büro: 

“Frau K., Anton hat sein Zeugnis verloren. Können Sie es vielleicht noch einmal ausdrucken?”

…wohlbemerkt gerade einmal 1,5Stunden nach der Zeugnisvergabe. Hach, bin ich stolz!

Meine Woche in Bildern

Erstmal so viel: Mir geht es grad trotz Zeugniszeit und Müdigkeit sehr gut. Ich habe ein Hoch! Meine Klasse hat ein Hoch! Ich habe keine neuen Geschichten, nur viele tolle Eindrücke meiner Terror-Zwerge, die sich immer noch streiten, manchmal prügeln, aber auch manchmal einfach wirklich, wirklich toll sind.


In Mathe besprechen wir gerade 3D-shapes. Dafür haben wir von zu Hause welche mitgebracht (man beachte die vielen Dosen und den Labello in Zylinder-Form und den tollen selbstgebauten Riesenwürfel) und auf deren Merkmale hin untersucht. Außerdem stellten wir fest: So viele Pyramiden und Kegel gibt es nicht in deutschen Haushalten.

By the way: Mathe in Englisch- Great Fun!


In Kunst haben wir uns in den letzten Stunden mit dem Künstler Henri Matisse beschäftigt, der, wie wir nun alle wissen, das “Zeichnen mit der Schere” erfunden hat. (“Boahhhh, Frau K., so eine doofe Kunststunde hatten wir noch nie, wir haben nur gelabert und kein bisschen selbst Kunst gemacht.”) Diese Woche war es also so weit, die Kinder kreierten mit der Schere angelehnt an seine Kunstwerke zur Überschrift “Bestien des Meeres” ihre ganz eigenen Werke.


Außerdem habe ich es endlich, nach tausendfacher Erinnerung, geschafft, einen Schneckendienst einzusetzen- natürlich nur welche, die sich im Sachunterricht den Schneckenpass erarbeitet haben. Juhuu, endlich stehen mir zwei Schüler bei der Schneckenpflege im Weg rum (Kleiner Scherz am Rande!!!). Aber Rowdie Kerrem hat sich die ruhige Finnja als Partnerin gewählt. Super, Kerrem! Weiter so!


Und zu guter Letzt: (Fast) Alles was ich für die Woche in meiner Klasse brauche auf einem Tisch: “Psst-Karten” für den Sitzkreis (Wer drei hat, fliegt!), das “Mood-Wheel” mit den Steinen, mit dem wir jeden Tag starten, die Klangschale für “Ruhe im Karton” (ja, funktioniert sogar manchmal) und das Muschelglas*, in das die Kiddies am Freitag eine Muschel hineinwerfen dürfen. Irgendwann ist das Muschelglas dann voll und wir beschließen im Klassenrat eine Belohnung. Dieses Mal haben sich die Kinder eine super-duper-ichbinsostolzaufsie-Belohnung ausgesucht. Aber das, meine lieben Freunde, ist eine andere Geschichte!

*Nicht im Bild: “Dong” als “Kreiszeichen, “Regenstab” für “Armpaket, Kugelfisch” (Arme verschränken, Backen aufpusten, Mund zu, Augen zum Lehrer! Auf KEINEN Fall wird jetzt noch geschrieben, gemalt, gelesen, geschnitten, geklebt, gelesen…!), sowie grüne, gelbe, und rote Karten.

Von Ohrwürmern und Augenärger

Mit den Erstis spreche ich im Englischunterricht im Moment über Körperteile und ergänzend dazu über Gefühle. Während sie die Körperteile mittlerweile fast alle im Schlaf beherrschen, taten sie sich bei den Gefühlen lange schwerer. Nachdem diese aber in der letzten Stunde dann doch so gut geklappt haben, sollten die Kinder heute zunächst in Partnerarbeit, dann in der Großgruppe, Quatschsätze bilden, indem sie von zwei Stapeln Karten jeweils ein Körperteil und ein Gefühl ziehen. Unter großen Gelächter wurden also Sätze erfunden: 

“The mouth is tired.”

“The nose is angry.”

“The tooth is happy.”

Nur die Karte “curious” schien den Kindern nach wie vor Probleme zu bereiten (nicht verwunderlich, mit Kollegen habe ich lange gerätselt, ob wir das vom Lehrwerk vorgeschlagene Wort oder ein anderes nehmen sollen…):

Quelle: s.unten

Michel, der die Karten “Finger” und “neugierig” zieht, sagt: “The finger ist komisch, weil Mr Mole sich über seinen Apfel wundert.”

Und wenig später sagt Nils bei den Karten “Ohr” und “neugierig”: “The ear has worms. Earworms.”

Bildquelle: Sunshine Book 1, Activity Book

Eine Weihnachtsgeschichte

Seit Monaten ist mein MacBook kaputt und das ist auch der einzige Grund, warum ich seit Ewigkeiten keinen einzigen Beitrag mehr veröffentlicht habe. Die Kinder schlafen nämlich nicht und genausowenig tun es die Klassenzimmergeschichten. Ich möchte euch heute eine Geschichte erzählen, die kurz nach den Herbstferien begann und ihr vorläufiges Ende am letzten Tag vor den Weihnachtsferien fand.

Ich habe über einige Monate hinweg mit einem Schüler meiner Klasse massive Probleme gehabt. Tims Verhalten war schon immer durch ein hohes Maß an Wut und Aggressivität gekennzeichnet. Wegen Kleinigkeiten geht er an die Decke, baut sich vor Lehrern und seinen Mitschülern auf. Nun ist Tim zusätzlich auch noch groß und kampfsporterprobt. Er macht sogar mir Angst. Außerdem kann Tim gut beleidigen. “Du scheiß Lehrerin.” “Ich muss nicht auf dich hören, du bist nicht meine Mutter.” “Du hast noch nie in der Bibel gelesen. Du dumme Lehrerin kommst in die Hölle!” “Urghs, fass mich nicht an. ICH WILL NICHT, DASS DU MICH BERÜHRST. IHHH.”  Nach ein paar Wochen dünkte mir: Der hat nicht einfach nur ein Problem mit sich selbst oder mit der Schule, nein! Wir, er und ich, haben ein Problem miteinander, denn: Ruhig und besonnen habe ich auf sein Verhalten auch schon lange nicht mehr reagiert. Wir haben geschrien, einander nachgeäfft, Türen geknallt, gedroht. (Sehr professionell, ich weiß!) Und zwischen all dem, die äußerst angebrachte Frage eines Kollegen: “Frau K., magst du Tim denn überhaupt?” Puuuh. Ja! Ohne zu zögern. Und es trifft mich, dass er mich eklig findet und es trifft mich, dass er angewidert wegrutscht, wenn ich mich im Sitzkreis neben ihn setze. Aber ja, ich mag ihn. Er ist wahnsinnig klug. Er ist witzig. Er ist sehr reif für sein Alter- in vielerlei, nicht in aller Hinsicht. Er ist hilfsbereit. Er ist freundlich, wenn er nicht gerade auf sich oder sonst wen wütend ist. Ja! Ich mag ihn. 

Aber die Probleme blieben, auch nach diversen Elterngesprächen, in denen er, die Eltern und ich Besserung gelobten, in denen aber auch Aussagen fielen wie: “Mein Sohn kann nichts dafür, dass er schwarz ist.” (Ehrlich? Das beleidigt mich jetzt noch mehr, als wenn er im Sitzkreis wegrutscht und IHHHH ruft.) 

Ich bin die gemeinste Lehrerin der Welt. Und unfair. Und nieeeee, wirklich nieeeee auf seiner Seite! 

Am letzten Tag vor den Weihnachtsferien kam dann meine Chance. Die Kinder hatten sich eine Belohnung erarbeitet (gut, Tim hätte eigentlich nicht dabei sein dürfen, aber es war ja Weihnachten und die Klasse hat sich für ihn stark gemacht) und so durften sie mit Kuschelkissen und -decken bewaffnet einen Film gucken. Da ich entschied, welchen, fiel die Wahl auf meinen Lieblingsfilm Matilda. Und man konnte Tim ansehen, wie schockiert er von dem Verhalten von Fräulein Knüppelkuh war und man konnte seine Freunde flüstern hören: “Zum Glück ist Frau K. nicht so streng.” “Ja, manchmal muss sie ja auch gemein sein, wenn wir uns nicht benehmen.” “Ja, das musst du zugeben, Tim.”


Und am Ende des Tages, als der Film geguckt und reflektiert war und ich im Begriff das Schulgelände zu verlassen, rief mir Tim hinterher:

 “Tschüss, Frau K., schöne Weihnachten und entschuldigung.”

– “Wofür denn?”

“Ach, ich weiß auch nicht. Für alles irgendwie.”

– “Von mir auch entschuldigung. Und schöne Ferien!”

Foto von: http://www.writeups.org/wp-content/uploads/Trunchbull-Matilda-movie-Pam-Ferris-a.jpg