Lieblingsmilch

Bei mir dreht sich im Moment alles darum, meine Terrorkrümel wieder auf “nett” zu trimmen. Beleidigen und Handgreiflichkeiten sollen der Vergangenheit angehören. So ermutigen wir die Kinder zum Beispiel immer wieder dazu, auch “positive” Post in den Klassenbriefkasten zu werfen und nicht nur Meckerbriefe. 

Umso schöner ist es, wenn dann aus heiterem Himmel etwas passiert, wobei die ganze Klasse gemeinsam augelassen lachen kann.

“Aaaaaany more questions?”

Lara: “Also, hab ich das jetzt richtig verstanden? Wir sollen in den Korb das Obst und in das Trinkpäckchen Juice oder Milk schreiben?”

“Ja, mit dem Obst. Dan!”

Dan: “Achso in das Trinkpäckchen das Obst und in den Korb die Getränke? Hä?”

“Nooo! Andersherum! Stella!”

Stella: “Ah okay, und was schreib ich dann in das Trinkpäckchen?”

“Soooo, noch mal für alle zum Mitschreiben…”

Hugo: “Wir haben aber gar keinen Stift!”

“In den Korb schreibst du das Obst. Das findest du in der Box. In das Trinkpäckchen schreibst du die Obstsorte kombiniert mit MILK oder JUICE. Zum Beispiel BANANA MILK oder APPLE JUICE. Boris!”

Boris: “Ich hab da noch ‘ne Frage. Nee, nee, nicht die. Meine Lieblingsmilch ist ja laktosefreie Milch. Auf welche Linie schreib ich das jetzt?”

Ich liebe die lieben Lieben

Heute hatte ich einen genialeren meiner Einfälle (denn ich gebe ungeniert zu, dass auch meine Ideen und Gedanken häufig eher denen eines bananenpulenden Pudels ähneln). Als wir heute im Klassenrat Vorschläge für unsere “Positive Runde” gesammelt haben, hat Lara -ein ganz tolles, empathisches, sensibles Mädchen- vorgeschlagen, dass jeder einem neuen Schüler seiner Wahl, sagt, was er an ihm oder ihr mag. Weil ich fand, dass alle so etwas verdient haben und ja die Gefahr bestand, dass so einer der neuen vielleicht gar kein Kompliment bekommt, habe ich vorgeschlagen, dass jeder seinem rechten Sitznachbarn etwas Nettes sagt. Als dann mein Vorschlag angenommen wurde und Sven-Leon realisierte, wer rechts neben ihm saß, rief er laut: “Ihhhhh!”, und rutschte theatralisch zur Seite. Ich dann, fuchsteufelswild: “So, Sven-Leon, du meinst, dir fällt zu Tabita nichts ein? Ha! Hier, hast du ‘nen Zettel und ‘nen Stift. Du schreibst jetzt über jeden deiner 25 Mitschüler einen unterschiedlichen NETTEN SATZ auf. Und: zu deinen drei Klassenlehrern auch. Und vorher brauchst du gar nicht wiederkommen…!”

Sven-Leon also raus aus der Klasse. Wir also losgelegt mit netten Worten. Hach, war das schön! Klassenkasper Moritz hatte sogar Tränen in den Augen und die Schülerin, die rechts von mir saß, hat ganz stolz geguckt. Ich wurde gelobt, weil ich fast nie wegrenne, wenn die Mädels kuscheln wollen, ich voll nett bin und die beste Lehrerin der Welt (mit Frau Radischen).” Leider habe ich das Ende der Stunde verpasst, aber Frau Radischen berichtete mir später, dass Sven-Leon sich echt Mühe gegeben hat und ihm am Ende die ganze Klasse applaudiert hat. Ich habe den Zettel gelesen. Da steht:

“Frau Radischen kann gut Deutsch.”

“Frau K. kann gut Englisch.”

Na, wenn das nix is! 

Da muss man wohl dabeigewesen sein! 

Da bin ich wieder: gestresst, glücklich, relaxed, wütend, müde, overexcited…alles auf einmal, eins nach dem anderen. (Übrigens gar nicht mal so ferienreif- es fühlt sich ein wenig so an, als gehöre ich zu den Glücklichen, die Osterferien hatten).

Während ich dank der Kinder meine Liebe zum Kunstunterricht entdecke, werde ich mir auch immer klarer darüber, warum die Terrorkrümel meinen Matheunterricht gar nicht sooooo schei… doof finden, wie in den letzten Sommerferien noch befürchtet: Ich erkläre es einfach für Doofe. Naja, den 50% die es eh können, erkläre ich es gar nicht. Aber der kleineren Hälfte (hahaha, verstehste?!?!?), die echt Probleme hat, erkläre ich das so, wie es mir damals mal jemand hätte erklären sollen. 

Und Kunst: Wow! Die Kinder lieben es! Also wirklich. Fällt es aus, maulen sie. Wissen sie, eine Vertretung wird kommen, sind sie besorgt, ob die auch Kunst machen wird. Ist die Stunde vorbei, fluchen sie. Und als ich ihnen letzte Woche unterbreitete, dass wir ihre Belohnung (Filmguck-Kuschelstunde) in der Kunststunde einlösen werden, waren sie sich nicht so sicher, ob sie das wirklich gut finden sollen (so toll finden sie Mathe dann auch nicht, als dass sie die Stunden nicht für einen Film opfern würden…). 

Vielleicht lag das auch daran, dass sie unseren Klassenlachflash noch verarbeiten mussten. Es ist nämlich so, dass den wirklich coolen Jungs der Klasse manchmal plötzlich einfällt, dass sie mich eigentlich ganz nett finden, obwohl sie mich blöd finden wollen. Und dann nach zu viel Spaß, wieder irgendetwas zum Meckern finden müssen:

– “Okay, und bevor wir uns verabschieden, …”

In dem Moment fliegt die Tür auf, Aaron und Ron kommen nach einer Streitklärung hereingepoltert. 

Aaron ruft: “Streit geklärt.”

Ron wirft die Arme in die Luft und brüllt: “Überhaupt nicht.”

Ich (hasse es, wenn Schüler laut in die Klasse kommen und meinen Unterricht stören- und das wissen sie ganz genau) fauche laut meckernd: “Sofort raus! Und kommt leise wieder rein! Aaaaalso: Bevor wir uns verabschieden machen wir den Abschlusskreis. Was hat dir heute am besten gefallen? Rina!”

In dem Moment geht die Tür leise auf und Aaron und Ron kommen durch die Tür, schleichend wie Indianer und walisch flüsternd wie Dori von “Findet Nemo”.

Aaron: “Wiaaaaa haaaa-aaaaaben den Straaaaaa-iiiiiiiiiit geeeeeeklääaaaaaaat.”

Ron: “Üübeeeeeeerhaaaaaaaaaaupt niiiiiiiiicht.”

Ich glaube, man muss dabei gewesen sein, aber Ich hab mich nicht mehr eingekriegt. Die Abschlussrunde war gelaufen, weil die Kiddos und ich uns vor Lachen gekringelt haben. 

Mich plagt der Gedanke, ob sie das draußen abgesprochen haben. Aber eigentlich ist es auch egal…

Aaaaaaabeeeeer guuuuuuckt maaaa-aaaal: Uuuuuunsereeeee Kuuuuuunstweeeeerke! 

Unser Fasching

In welchem Job außerhalb der Karnevalhochburgen, kann man verkleidet zur Arbeit gehen? Richtig: Als Lehrerin und Erzieherin. Und wie haben Frau Radischen und co. darauf hingefiebert! Und dann war es soweit: Die Schule war eine fabelhafte (im wahrsten Sinne des Wortes) Fantasiewelt. Leider war aber eine Schülerin aus der 1.Klasse krank und weil sie nicht mit ihrer Klasse zum Schwimmen durfte, war sie bei uns in der Dritten und fragte:

“Ich war ja bei Fasching nicht da, kann mir  jemand nicht mal die Hochpunkte verraten?”

Kiara-Belle meldet sich. 

“Ja, Karamell!”

“Mir hat bei Fasching am besten gefallen, dass wir mit allen Kindern und Lehrern die Bolognese durchs Schulgebäude gemacht haben.”


An dieser Stelle geht ein riesen Dank an die Eltern der ersten Klasse, die mit sehr viel Liebe, Mühe und Zeit unser Schulgebäude dekoriert haben.

Liebe Eltern…

…ihr könnt doch nicht um 7:00Uhr euer Kind in der Schule abgeben und bis 17:00Uhr in der Betreuung lassen und euch dann beschweren, dass es sich langweilt.

Ihr könnt es doch nicht am Nachmittag und Wochenende vorm Fernseher oder iPad parken und euch dann in der Schule beschweren, dass man dem Kind das Lesen nicht beigebracht hat.

Ihr könnt doch nicht fremden Kindern drohen, weil es euer Kind geärgert hat und dann behaupten, die Schule mache euer Kind aggressiv.

Ihr könnt doch nicht Lehrer beleidigen und dann in aller Seelenruhe nach Hause fahren- Lehrer nehmen Kritik in der Regel ernst und “Probleme” durchaus mit in den Feierabend und manchmal auch ins Bett. 

Ihr könnt doch nicht eurem Kind als Frühstück eine Tüte Croissants mitgeben und dann behaupten, es liege am langweiligen Unterricht, dass es sich nicht konzentrieren kann.

Ihr könnt doch nicht zu Hause über die Lehrer eures Kindes lästern und damit begünstigen, dass euer Kind seinen Lehrern gegenüber respektlos ist und dann “Scheiß Schule!” schreien.

Ihr könnt doch nicht eurem Kind sagen: “Wenn du gehauen wirst, hau sofort zurück!”, und dann behaupten, die Schule habe ein Aggressionsproblem.

Ich bin manchmal erschüttert, wenn ich Berichte in Zeitungen lese oder Geschichten meiner Kollegen lausche. 

Liebe Eltern, 

danke, dass ihr eurem Kind ein gesundes Frühstück mitgebt.

Danke, dass ihr die Schule ernst nehmt und euer Kind beim Lesenlernen und dem Einmaleins unterstützt. 

Danke, dass ihr euer Kind ermutig, sich mit Problemen dem Lehrer anzuvertrauen.

Danke, dass ihr eurem Kind zutraut, einen Streit alleine zu klären.

Danke, dass für euch nicht jede Streiterei gleich Mobbing ist.

Danke, dass ihr den Lehrern eures Kindes vertraut und ihnen zwischendurch mal für die harte Arbeit dankt, die sie jeden Tag leisten.

Danke, dass ihr uns helft, immer wieder gerne zur Arbeit zu gehen und nicht aufzugeben! 

…and other Stories.

Es gibt ja nicht nur mein Klassenzimmer. Es gibt ja auch noch das von Frau W., dass von Herr Z. und das von Frau H. 

Es gibt ja auch nicht nur meine Schule. Es gibt da noch eine im Süden der Stadt, eine auf der anderen Straßenseite und eine neben dem großen Rewe-Markt.

 Schule besteht ja auch nicht nur aus Klassenzimmern. Da gibt es noch die Mensa, die Turnhalle, das Lehrerzimmer und das Referendariat. So ein Lehrerleben besteht ja auch nicht nur aus unterrichten, trösten und schlichten.

Nein, dazu gehört auch ein Privatleben, in dem wir, geben wir es zu, zu 80% über die Arbeit reden. Besonders, wenn man mit Lehrerfreunden zusammentrifft. Ich mag das. Denn da lernt man auch Geschichten aus fremden Klassenzimmern kennen- oder eben aus Turnhallen, wie in dieser kurzen Geschichte meiner Freundin Frau H. von der Schule neben dem großen Rewe-Markt: 

Im Sportunterricht der 2.Klasse rennt Samira auf Frau H. zu. In den Händen hält sie auf Brusthöhe zwei gelbe Gymnastikbälle und ruft:   “Frau H., die Jungs wollen immer mit denen spielen. Aber das geht doch nicht, die sind doch voll hart.” 

Danke Frau H., your story made my day! 

Familienstreit und Versöhnung

Wie schon einmal erwähnt, ist meine dritte Klasse nicht einfach. Wir haben sehr viele auffällige Schüler, dazu diesen riesen Klassenraum, einen Achtstundentag da Ganztagsschule und ja: insgesamt haben wir es wirklich nicht leicht. 

In der Klasse kommt es immer wieder zu massiven Konflikten und Grenzüberschreitungen, obwohl die Kinder sich eigentlich alle mögen und ich schwöre: Jedes einzelne Kind ist auf seine Art und Weise ganz wundervoll, liebenswürdig, klug und witzig. Aaaaber auch heute: Riesenstreit! Und das, weil alle zusammenspielen wollen (ja, da sind sie sich einig) und, ich zitiere an dieser Stelle, “es ihnen alles über den Kopf wächst.” Nach gefühlten zwei Stunden Streitschlichtung kam meinem Klassenteam und mir dann am Schulschluss unser nachtregliges Valentinsgeschenk gerade Recht. Die Lilly hat sich da aber auch Mühe gegeben und wie Kinder so sind uns allen einmal so richtig die Meinung gegeigt. Gut, dass Frau Radischen so humorvoll ist und wir uns dann gemeinsam in den Feierabend hineinlachen konnten (für die Faulen unter euch, habe ich den relevanten Brief extra einmal markiert): 

Valentine’s Day

Heute ist er da: Der Tag der Liebenden, der Turteltäubchen, der Küsse und der frustrierten Singles. Und der Tag, an dem alle Drittklässler-Jungs im Chor einmal ganz laut “Ihhhh” und “Urghs” rufen dürfen, bevor sie sich schütteln und sich dann wieder zusammenreißen, um sich mit voller Kraft auf den Englischunterricht zu konzentrieren. 


Zu Beginn der Stunde legte ich also als stummen Impuls (Ha! Doch was gelernt im Ref.) kitschige Bilder auf rotem Untergrund in die Kreismitte. Die Jungs reagierten wie vorausgesagt; die Mädchen, ganz motiviert bei der Sache, schnippten aufgeregt und ließen im Takt ihres Armfuchtelns Stöhnlaute aus. Alle Begriffe wurden auf Englisch benannt (Gar nicht so schlecht, deine Klasse, Frau K.!) und anschließend haben die Kinder ihnen die Wortkarten zugeordnet- jaja, auch das Lesen wird immer besser. Dann haben wir einen vierminütigen faszinierenden Film darüber geschaut, wie dieser Tag entstanden ist (Ich bin ja bekennender Youtube-Fan und ich kann euch sagen: Von Soldaten, Liebe und Todesstrafe war die Rede- da wurden sogar die Jungs hellhörig) und den Film im Anschluss besprochen, bevor es in die Arbeitsphase ging. Diese war, unserem Lehrwerk entsprechend, recht einfach und bestand aus einem Gitterrätsel mit den vorher eingeführten Begriffen. 

Die schnellen Kinder treffen sich bei mir immer am “Bus Stop”, wo sie eine Partneraufgabe bekommen. Mal besteht sie aus “Ergebnisse vergleichen”, mal aus einem Sprechanlass zur Festigung…ach, papperlapapp. Lassen wir das! Heute sollten sie sich zu zweit mithilfe von vorgegebener Reime einen neuen Reim entwickeln und diesen auf eine Valentinstagskarte schreiben. So weit so gut. Die Arbeitsphase war entspannt und ruhig, bis auf einmal: 

Tanja: “Pssst, du Frau K., komm mal.”

Ich schlich zum Tische von Tanja, Ronja, Timo und Anna.

Ich: “Pssst. What’s up?”

Tanja: “Timo hat ‘ne Valentinstagskarte von Lilly bekommen.”

Ich: “That’s nice. Do you like it?”

Timo: “Ja, aber ich sag nicht was drin steht. Obwohl ich nicht in Lilly verliebt bin.”

Ich: “You don’t have to tell. Remember: Valentine’s Day is also about secrets.”

Tanja: “Aber Frau K., ich hab Timo erstmal erklärt, dass es nicht nett ist, einem Mädchen zu sagen, dass man es nicht liebt. Und jetzt behauptet Timo, ich liebe ihn.”

Ich: “And do you?”

Tanja (steht theatralisch auf und flüstert): “Jetzt mal unter Frauen. Ich muss mich ja schon übergeben, wenn ich nur ans Küssen denke!”

Highlight des Tages

Heute, 6. Stunde Englisch in der 1c.

Ich: “Repeat the words! Windy.”

Klasse: “Windy.”

Ich: “Rainy.”

Klasse: “Rainy.”

Ich: “Cloudy.”

Klasse: “Cloudy.”

Ich: “Sunny.”

Klasse: “Sunny.”

Ich: “Snowy.”

Klasse: “Snowy.”

Ich: “Ooookay. Very good.”

Klasse: “Ooookay. Very good.”

Ich: “Okay. Stop!”

Klasse: “Okay. Stop!”

Ich: