Was Lehrer und Eltern verstehen müssen…

…ist, dass beide Seiten immer und zu jeder Zeit das Beste geben, was sie gerade geben können. In der Gewaltfreien Kommunikation nennt man das KPU: konstante positive Unterstellung.

Was Lehrer und Eltern verstehen müssen ist, dass beide Seiten Menschen sind und Fehler machen.

Was Lehrer und Eltern verstehen müssen ist, dass das nun mal so ist.

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Ich muss zugeben, dass mich bei meiner Arbeit meist nichts mehr anstrengt, als die Eltern. Unkooperativ, bestimmend, ausweichend, überfürsorglich, vergesslich, unzuverlässlich, karrieregeil. Alles Adjektive, die mir durchaus in den Sinn kommen, wenn ich an bestimmte Eltern denke. „Die haben ihre Kinder auch nur als Accessoire!“, und „Immer schön über die anderen Kinder beschweren, aber wehe, das eigene baut mal Mist, dann ist das plötzlich gar nicht so schlimm.“- auch das sind meine Gedanken. Vielleicht ist das an einer Privatschule auch noch mal intensiver? Hier zahlen die Eltern schließlich. Mit der Absicht, die bestmöglichen Bildungschancen für ihr Kind zu kaufen. Aber manchmal läuft das eben nicht wie geplant.

Dann fällt dem Kind das Lesenlernen nicht so leicht und Mama hat keine Zeit, sich mit Liselotte nachmittags hinzusetzen und zu üben, weil sie so viel arbeitet. Die Lehrerin allerdings, mit 21 anderen Kindern in der Klasse, auch nicht. Liselotte kann nichts dafür, dass ihr das Lesen so schwer fällt. Und irgendwer muss daran Schuld sein. Und man selbst ist es bekanntlich nicht.

HALT STOPP!!!

Oder Frau M., die schon ein Kind, nennen wir es Fabian, in der 4. Klasse hat. Da gibt es ein Kind in der Klasse, das schlägt und tritt. Frau M. steht häufig in der ersten Reihe, wenn es um Beschweren geht. Vor allem, wenn der kleine Fabi getroffen wurde. Wieso wir an einer Privatschule solche Kinder nur aufnehmen? Das würden die Eltern ja nun gar nicht verstehen. Gar nicht verstehen tun wir Lehrer, wie ausgerechnet Frau M. so etwas von sich geben kann. Ihr zweites Kind, Moni, schlägt und tritt Kinder und beschimpft Lehrer. Keine Eltern beschweren sich bisher darüber. Alle sind sehr verständnisvoll. Frau M. und die Lehrer stehen in engem Kontakt. Es wirkt bisher nicht so, als habe die Frau bisher irgendwelche Parallelen ziehen können, die zu mehr Verständnis ihrerseits führen würden. Aber Verständnis für ihre Tochter sollen wir aufbringen.

HALT STOPP!!!

Bestimmt habt ihr auch einen Herrn F. an der Schule. Der bringt den kleinen Anton auch in der 3. Klasse immer noch zur Klassenzimmertür und holt ihn dort auch wieder ab, obwohl er sogar von der Schulleitung gebeten wurde, das nicht mehr zu tun. Neulich hat er außerdem einfach Toni angesprochen, weil er Anton in der Pause seine Gummibärchentüte geklaut hat. Es kam zu einem Streit und die Jungs prügelten sich. Wenn so etwas noch mal passiert, werde er Toni persönlich die Ohren langziehen. Das sagte er sowohl zu Toni, als auch zum Klassenlehrer. Wieso wir nicht unserer Aufsichtspflicht nachkommen würden, fragt er noch. Das kann ja wohl nicht wahr sein, denken wir Lehrer.

HALT STOPP!!!

Kennt ihr vielleicht Frau B.? Ich auch nicht. Denn sie kommt zu keinem Elternabend und telefonisch ist sie schwer zu erreichen. Ihr Kind kommt regelmäßig ohne Pausenbrot in die Schule. Die Hefte vergisst es auch häufig. Und dass, obwohl das Kind jede Sekunde des Unterrichts zum Arbeiten nutzen sollte, weil es echt hinterherhängt. Immerhin arbeiten sie die verpassten Seiten zu Hause nach. Der Lehrer ist allerdings ziemlich sicher, dass die großen Schwestern die Aufgaben im Heft erledigen. Würde sonst auch viel zu lange dauern. Kein Wunder also, dass die Kleine keine Fortschritte macht.

HALT STOPP!!!

Klar, sind das alles Faktoren, die uns Lehrern das Leben täglich erschweren. Wie schön wäre es, wenn die Eltern einfach das täten, was sie sollten: erziehen und unterstützen-  bitte perfekt fehlerfrei (absichtlich doppeltgemoppelt). Aber so funktioniert das Leben nicht.

Die Mama von Liselotte zum Beispiel steht jeden Morgen um 5:00Uhr auf und fährt ihre Kinder 20 Kilometer zur Schule. Sicher hat sie sich das damals einfacher vorgestellt und sie würde ihrer Tochter sicher gerne helfen beim Lesenlernen. Allerdings muss sie ja abends, wenn sie die Kinder aus der Schule geholt hat, noch einiges anderes machen: kochen, Wäsche waschen, etwas spielen und bestimmt auch mal einen Streit klären. Dann muss sie darauf achten, dass die Kinder sich die Zähne putzen. An manchen Tagen fährt sie die Kinder zum Sport. Das ist auch wichtig. Sie versucht es manchmal, sich von ihrer Tochter was vorlesen zu lesen. Aber das ist wahnsinnig anstrengend. Das Handy in der Hand zeigt Liselotte, dass Mama gar nicht richtig zuhört. Das ist frustrierend. Natürlich vergeht ihr die Lust. Dabei hat Mama gerade nur im Kalender geguckt, ob Liselottes Ausflug morgen oder übermorgen ist.

Frau M. wurde als Kind in der Schule sehr geärgert. Ihre größte Angst ist, dass ihre Kinder genauso leiden müssen. Sie weiß irgendwie, dass Streits in der Schule immer geklärt werden, aber dennoch ist sie diejenige, die sich abends die Geschichten aus der Schule anhören muss. Wenn Fabi dann auch noch Tränen in den Augen hat, bricht ihr das Herz. Natürlich weiß sie auch, dass Moni kein einfaches Kind ist. Sie arbeitet aber schließlich daran, geht zum Psychologen usw. Ob die Eltern des Kindes aus Fabis Klasse das auch machen, weiß sie nicht. Wahrscheinlich nicht, so wie Fabi berichtet. Sie will doch nur das Beste für ihre Kinder.

Herr F. hat wahnsinnige Angst, das Vertrauen zwischen ihm und seinem Sohn zu zerstören. Seine Eltern waren nie so richtig für ihn da. Das nimmt er ihnen immer noch übel. Er möchte alles anders machen. Besser. Und Anton soll einfach nicht das Gefühl haben, allein dazustehen. Er soll wissen, dass sein Vater ihm hilft.

Und Frau B., die hat es auch nicht leicht. Drei Kinder, die alle nicht gerade selbständig sind. Sie fragt ihre Kinder ja immer, ob sie ihre Hefte eingesteckt haben. Sie sagen immer ja. Zum Elternabend kommt sie nicht, weil sie auf die Kinder aufpassen muss. Nicht also, weil sie sich für das eine Kind nicht interessiert, sondern weil sie sich um alle drei Kinder kümmern muss. Sie gibt den Kindern jeden Morgen Geld mit für den Bäcker. Was sie sich dort kaufen, essen die Kids meist schon vor der Schule, weil sie wissen dass Schokocroissants und Co. in der Schule verboten sind.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob das die Gründe für das Verhalten der vier Beispieleltern sind. Aber: irgendwelche für sie gute Gründe werden sie haben, sich so zu verhalten, wie sie es tun. Und ich bin sicher, dass sie in 95% der Fälle auch der Meinung sind, im Interesse der eigenen Kinder zu handeln.

Wir Lehrer haben aber 20 Kinder (der Einfachheit halber), deren Wohl wir im Blick haben. Und ja, da kommt es vor, dass wir mal jemanden fälschlich beschuldigen, dass wir einen Streit nicht abschließend klären, dass wir mit einem Kind meckern und uns gaaaanz vielleicht mal im Ton vergreifen. Es kann vorkommen, dass ein Kind für ein Verhalten bestraft wird, wofür ein anderes Kind nur einen bösen Blick erntet (und manchmal ist das pädagogisch auch vertretbar). Es kommt vor, dass wir es mal satt haben und auf das „Dann geh ich jetzt nach Hause“ eines Drittklässlers mit „Dann Tschüss!“ reagieren. Wir verzählen uns mal bei den Punkten einer Klassenarbeit und geben dann eine falsche Note. Wir nehmen alle Kinder dran, „nur das eine nicht, obwohl es sich immer meldet.“ Wir lassen nur einzelne Kinder nachsitzen und andere gar nicht. Manchmal geben wir Schülern nur negatives Feedback. Unser Unterricht ist nicht gut, die Schüler im Stoff nicht weit genug. Wir achten nicht darauf, dass die Kinder Schreibschrift lernen und gehen nicht darauf ein, dass ein Kind als Linkshänder links keinen Sitznachbarn haben sollte.

Das alles kommt bestimmt mal vor. Und manchmal sind es einfach nur Annahmen. Genauso, wie wir manchmal eben nur annehmen, die Eltern „würden nicht wollen“. Das gegenseitige „Die Eltern müssen“ und „Die Lehrer sollen“ bringt uns aber nun mal, und das steht fest, überhaupt nicht weiter.

Hinter jeder Handlung, egal auf welcher Seite steht der Wunsch, sich Bedürfnisse zu erfüllen- manchmal auch, die Bedürfnisse* von anderen, zum Beispiel die des Kindes. Auf Lehrerseite könnte das zum Beispiel das Bedürfnis nach Ruhe, nach Effektivität, nach Verständnis sein. An manchen Tagen vielleicht auch nach Aufmerksamkeit, Verbindlichkeit oder Wertschätzung. Auf Elternseite könnten das z.B. die Bedürfnisse sein, bereichernd beitragen zu wollen, zu unterstützen, Gerechtigkeit zu erfahren usw. Jeder, Lehrer, Eltern und Schüler, strebt jede Minute des Tages danach, sich seine Bedürfnisse zu erfüllen und dabei ist ganz wichtig zu wissen: Wir haben alle die gleichen Bedürfnisse, nur die Strategie zur Erfüllung unterscheidet sich.

Wenn wir uns fragen, warum der andere wohl handelt, wie er handelt, erleichtert es uns das Leben. Wenn wir es dann auch noch schaffen, dem anderen eine positive Absicht zu unterstellen, dann ist das nicht naiv sondern entlastend. Man findet vielleicht sogar einen Ansatzpunkt, an dem man anknüpfen kann, um gemeinsam zu sehen, wie man dem Kind helfen kann. Denn das würde den Raum für Aufrichtigkeit öffnen und somit Vertrauen schaffen. Ich selbst befreie mich davon, mich aufregen zu müssen. Stattdessen kann ich mir die Frage stellen: „Was treibt xxx wohl dazu, sich so zu verhalten? Was hat er durchgemacht?“ und dann: „Was müsste sich vielleicht ändern, damit sie mit ihrem Kind abends lesen übt?/ Damit er Anton alleine zum Klassenraum gehen und seine Streits hier selbst klären lässt?/ Damit sie sich nicht mehr über andere Kinder beschwert?/ Damit sie zu den Elternabenden kommen und dafür sorgen kann, dass alle Hefte in der Schule sind?“ und im nächsten Schritt: „Was könnte ich ändern, um dem Elternteil das zu ermöglichen?“ (Was nicht heißt, dass wir verpflichtet sind, jetzt auch noch jedes Elternteil zu unterstützen, aber manchmal braucht es ja nur eine Kleinigkeit, wie zum Beispiel aufrichtiges Verständnis im Elterngespräch usw.).

Andersrum funktioniert das auch. Dem Lehrer eine positive Absicht unterstellen, auch wenn der es gerade gehörig verbockt hat. Ich verspreche, dass die meisten Lehrer keine bösartigen Monster sind, genau so wenig, wie es die Eltern sind. Manche “Fehler” sehen wir auch gar nicht, wenn wir nicht darauf hin gewiesen werden (und mit “wir” meine ich uns alle).

Was Lehrer und Eltern verstehen müssen ist, dass wir alle Menschen sind, wir alle Fehler machen und wir alle versuchen jederzeit das Beste zu geben, das wir geben können.

Was Lehrer und Eltern verstehen müssen ist, dass das manchmal eben für den anderen einfach subjektiv nicht gut genug ist.

*Eine Auflistung weiterer Bedürfnisse findet ihr z.B. unter http://www.gewaltfreie-kommunikation-seminare.com/wp-content/uploads/Gef%C3%BChls-und-Bed%C3%BCrfnislisten-GFK.pdf

 

 

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Wieso ich meinen Unterricht kaum noch vorbereiten muss…

Ich habe für mich einen Weg gefunden, der es mir ermöglicht, “erfolgreich” zu unterrichten und gleichzeitig Vor- aber auch Nachbereitungszeit, bzw. Korrekturzeit zu sparen. Und: Ich greife trotzdem sehr selten auf Lehrermarktplatz, das Zaubereinmaleins und Co. zurück.

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Zunächst möchte ich einmal kurz meine Ausgangssituation schildern: Ich bin nun seit vier Jahren an einer kleinen privaten Grundschule (derzeit sind wir einzügig) angestellt, an welche sich ein Gymnasium anschließt. Seit 3,5 Jahren bin ich zudem die pädagogische Leitung des Grundschulbereiches; derzeit mit einer Partnerin. Unsere Schülerschaft ist sehr heterogen. Wir haben Schüler aus allen möglichen Herkunftsländern und aus allen sozialen Schichten. Unser großes Ziel im Unterricht ist es, wie an anderen Schulen auch, individualisiert und differenziert zu unterrichten.  Derzeit unterrichte ich in zwei Klassen Deutsch und in einer Klasse Sachunterricht, sowie Lernen lernen. Zusätzlich habe ich im Januar eine weitere Deutsch-Klasse übernommen. Dort werde ich aber von einer Kollegin unterstützt, die seit dieser Woche auch die Planung übernommen hat. An unserer Schule hat jeder Lehrer einen Arbeitsplatz mit eigenem PC und Telefon in Kleingruppenbüros. Wir haben in der Schule Zugang zu Laminierfolie, buntem Papier und können auch mal was in Farbe drucken- wobei sich das meist auf den Schuljahresanfang beschränkt, wenn wir zum Beispiel Stundenpläne usw. drucken. Außerdem haben alle Lehrer eine Anwesenheitspflicht von 7:30-15:00Uhr. Zum einen, damit uns die Eltern zuverlässig und verbindlich erreichen können. Zum anderen, damit wir die Freistunden zum Vorbereiten nutzen können. Es soll uns davon entlasten, wie an den meisten anderen Schulen üblich, nachmittags, am Wochenende und in den Ferien arbeiten zu müssen. Das gelingt nicht immer allen Kollegen, je nach Fach und Klassenstufe.

Die gewonnene Zeit nutze ich dann z.B. für Gespräche mit den Schülern, Lehrer-Eltern-Kommunikation, organisatorische Aufgaben bzgl. meiner Leitungsfunktion, wie Hospitationen, Mitarbeitergespräche usw..

Hier sind meine Tipps, um die Vor- und Nachbereitungszeit auf ein Minimum zu reduzieren.

1)Routinen schaffen

Ich habe für jede Stunde den gleichen Ablauf: Wir starten im Sitzkreis. Dort schildere ich den Ablauf der Stunde. Manchmal machen wir eine gemeinsame Einführung. Dann geht es in die Arbeitsphase an den Platz (oder im Raum verteilt). Zum Abschluss treffen wir uns wieder im Sitzkreis. Hier können Ergebnisse vorgestellt werden und wir reflektieren die Stunde und das Arbeitsverhalten. Dies erspart mir “Nachdenkzeit” und  reduziert zudem meinen Sprechanteil im Unterricht.

Des Weiteren sind für jede Stunde bestimmte Inhalte vorgesehen. Als Beispiel möchte ich die Deutschstunden in der 2. Klassen anführen, in der ich nur Fachlehrerin bin:

Montag: Die Kinder schreiben einen Lernwörtertest und erhalten danach die neuen Lernwörter für die Woche.

Dienstags: Hier lesen wir immer. Hierbei gehe ich in der Regel chronologisch im Lesebuch vor.

Mittwoch: Themenstunde, orientiert am Arbeitsheft (z.B. Wörterbucharbeit, doppelte Mitlaute, Beschreibungen usw.)

Donnerstag: s. Mittwoch

Freitag (Doppelstunde, wobei eine eine Deutsch-Lernzeit ist): Lesespurgeschichte, Lücken im Arbeitsheft füllen oder Lernwörter üben, die letzten 15 Minuten philosophieren wir zu einem Thema.

So ähnlich handhabe ich das in all meinen “Hauptfachklassen”; je nach Stundenplan.

2) Gute Lehrwerke und Materialien anschaffen (lassen)

Ich arbeiten fast ausschließlich mit Arbeitsheften und kopiere sehr, sehr, sehr selten. Je nach Lehrwerk habe ich hier alles, was ich benötige. Hier arbeite ich meist mit Pflicht- und Sternchenaufgaben, sodass ich zur Differenzierung hier auch nicht zusätzlich kopieren muss. Wenn ich doch mal “Extra-Futter” benötige, versuche ich das Arbeitsblatt ans Smartboard zu werfen. Die Kinder können die Aufgabe dann abschreiben. Das schult sie und spart Papier und Stress im Kopierraum.

Ich setze zur Differenzierung auch zusätzliche Materialien ein. So habe ich zum Beispiel die geheimnisvolle Geschichtenbox aus dem Zaubereinmaleins nachgebastelt. Auch ein paar Lesegeschichten habe ich kopiert und laminiert. Die befinden sich aber schon das ganze Schuljahr in der Klasse und ich nutze sie im nächsten Jahr für meine Kiddies. Wenn ein Schüler zusätzliches Material benötigt, zum Beispiel zur Leseförderung, schaffe ich meist nach Rücksprache mit dem Klassenlehrer das Material an (das wird bei uns aus der Klassenkasse bezahlt); in dem Fall zum Beispiel die LiesMal-Hefte vom Jandorfverlag. Das gleiche gilt für Materialien zum Schreibenüben.

Für die Lernzeiten habe ich viele Materialien gekauft (vieles bei TimeTex oder Betzold). Ich habe das Glück, auch diese aus der Klassenkasse bezahlen zu können, wahrscheinlich hätte ich aber auch privat in diese investiert. Denn, ob ich nun zu Hause arbeite und diese Zeit “nicht bezahlt” bekomm, oder einmal Geld ausgebe, kommt aufs Gleiche hinaus.

Die Ideen für meine Forscherstunde, die ich bis zu den Zeugnissen immer in der Lernzeit am Mittwoch hatte, habe ich alle aus “Das Haus der kleinen Forscher” (auch hier galt: jede Stunde lief gleich ab: Experiment vorstellen, Vermutungen äußern, durchführen, besprechen). Die meisten Materialien dafür hat man zu Hause oder bekommt diese im Supermarkt.

Derzeit lese ich in der Stunde immer ca. 20 Minuten vor und danach sprechen wir über das Gehörte, wobei die Kinder sagen können, was sie möchten. Zusätzlich indem ich immer ein Kind ein Buch mitbringen lasse.

3) Ein Repertoire an Warm-Ups, Fresh-Ups und “Hinführungen zum Thema” aneignen

Natürlich wollen und sollen sich die Schüler nicht langweilen. Aber ich denke, dass die Wichtigkeit von Regelmäßigkeiten und Routinen für Schüler nicht unterschätzt werden darf. Ich mache in der Hinführungsphase immer wieder die gleichen Dinge mit den Kindern und orientiere mich dabei an den Formaten aus dem Arbeitsheft. Das hat mehrere Vorteile:

Es schafft Orientierung, wovon besonders schwache Schüler profitieren.

Es minimiert meinen Redeanteil. Wenn ich in der ersten Klasse zu Beginn (fast jeder Stunde) eine kleine Leseübung mache, muss ich nur auf das jeweilige Wort zeigen und die Kids wissen, was ich will.

Die schwachen Kindern können auf den Stundenanfang zurückgreifen.

Auch bei Warm-Ups und Fresh-Up (die setze ich zum Beispiel nach langen Gesprächs- oder Arbeitsphasen ein), greife ich immer auf die Gleichen zurück. Ich nutze “Spiele” bei denen ICH mich sicher fühle und die ich mir leicht merken kann. Durch Fortbildungen und Hospitationen verändert sich das Repertoire natürlich, sodass trotzdem immer eine Abwechslung da ist.

4) Direkt im Unterricht korrigieren

Ich weiß, dass ist nicht für jeden etwas, aber ich kontrolliere in der Stunde direkt, ob und wie ein Schüler gearbeitet hat. Sobald ein Schüler fertig mit der Pflichtaufgabe ist, meldet er sich. Ich gehe hin und überprüfe, ggf. markiere ich Fehler, die er dann direkt korrigieren muss, bevor er einen Stempel bekommt. Das habe ich in Mathe in der 4. Klasse letztes Jahr ebenso gehandhabt. Schwierig wird es, das gebe ich zu, wenn die Kinder längere Texte schreiben. Da bleibt auch mir nichts anderes übrig, als auch mal außerhalb des Unterrichts zu korrigieren.

Sogar bei Lernwörtertests kann man in höheren Klassen die Partner kontrollieren lassen. Man selbst muDie ss sich das Ergebnis dann nur noch notieren. Jeder kennt ja seine Pappenheimer, sodass man weiß, da sollte man doch noch mal nachprüfen.

5) Weniger ist mehr

Ich habe schon wiederholt betont, dass ich es nicht für nötig halte, alles im Klassenraum zu beschriften oder mit Bildchen zu verschönern. Das Gleiche gilt für Arbeitsblätter und Tafelbilder.

Da ich die Stunde immer im Sitzkreis beginne, nutze ich den Boden als Tafel. Dafür bereite ich häufig Wortkarten vor (z.B. beim Thema “nach Wortarten sortieren”). Dies tue ich handschriftlich. Auch hierbei orientiere ich mich in der Regel am Lehrwerk.

6) Raum geben

Mir ist es wichtig, dass die Kinder lernen, in dem sie erklären. Ich bin fest davon überzeugt, dass es bei Kindern eher Interesse weckt, wenn sie von jemandem unterrichtet werden, der für diese Sache brennt. Wann immer es ein Kind möchte, gebe ich Verantwortung ab. So werden z.B. ganz wundervolle Referate gehalten. Eine Kollegin von mir lässt einen Schüler im Rahmen des Sachunterrichts eine Forschergruppe leiten. Wie toll ist das bitte?! Er ist so kompetent in dem Bereich, dass sie nur begleiten muss, aber vorbereiten und leiten, tut der Junge. Das schafft ihr wieder Raum- das werde ich mir auf jeden Fall noch abgucken.

… was ich nicht verheimlichen möchte:

Natürlich habe auch ich manchmal Fächer, Themen oder Stunden, die mehr Vorbereitung benötigen- bei mir ist das eindeutig der Sachunterricht. Zum Einen unterrichte ich das zum ersten Mal, daher fehlt mir noch Routine.  Zum anderen haben wir hier kein Lehrwerk, welches wir nutzen. Hier bastle ich zur Anschauung auch schon mal etwas.

Derzeit behandeln wir, wie so ziemlich jeder, die Frühblüher. Hier habe ich mich aber bewusst für eine Stationenarbeit entschieden. Zum einen, weil ich wusste, dass ich die nächsten zwei Wochen zu viel zu tun habe, um mir das groß Gedanken zu machen und ich die Vorbereitung dafür in einem Rutsch erledigen konnte. Zum anderen hat meine Klasse diese Arbeitsform noch nicht kennengelernt.

Auch Klassenarbeiten und Tests muss ich natürlich auf die Lerngruppe abgestimmt konzipieren und dann auch außerhalb des Unterrichts korrigieren. Da führt kein Weg dran vorbei.

Mich stresst auch die Zeugniszeit weniger, obwohl ich für jedes Kind zwei Seiten Text verfassen muss. Dafür benötige ich ca. zwei Arbeitstage und dann noch einmal zwei zum Drüberschauen und Ändern. Dennoch ist das so ziemlich die einzige Zeit, in der ich zu Hause arbeite- meist in den Weihnachts- oder Maiferien.

Ich schätze, dass ich mit diesem Vorgehen pro Unterrichtstunde durchschnittlich maximal 10 Minuten an Vorbereitungszeit benötige.

 

 

 

 

 

 

Offener Unterricht?

Während des Referendariats habe ich folgende Prozentzahlen gehört: 20% der Schüler einer Klasse lernen, egal wie der Unterricht konzipiert ist. 60% lernen, je nachdem, wie der Unterricht konzipiert ist. 20% der Schüler lernen nicht oder wenig, egal wie der Unterricht konzipiert ist.

Da diese Werte Richtwerte sind, heißt das für mich: Ich muss, um möglichst viele Schüler zu erreichen (nämlich mindestens die oberen 80%) verschiedene Unterrichtsformen anwenden und eine Möglichkeit finden, um die hinteren 20% irgendwie zu erreichen.

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Zum Glück ist der Pool an Methoden, aus dem wir Lehrer schöpfen können, riesig. Besonders im Trend lag in den letzten Jahren der offene Unterricht. In der extremsten Form arbeiten die Kinder frei an dem, wonach ihnen der Sinn steht. In ihrem eigenen Tempo und teilweise fächerübergreifend.

Ich lehne dieses Konzept nicht grundsätzlich ab und bin auch der Überzeugung, dass Kinder am ehesten lernen, wenn sie lernen möchten. Einige Schulen und Lehrer sehen nun aber vor: Wenn ein Kind ein halbes Jahr ausschließlich an Geometrie-Aufgaben arbeiten möchte, soll es das tun. Unter Umständen ist es dann am Ende der 1. Klasse bereits beim Anforderungsniveau der 4. Klasse. Was soll daran falsch sein?

Andere Lerninhalte werden schlichtweg vernachlässigt, während das Kind in einem Bereich zum Experten wird.

Grundsätzlich ist es, meiner Meinung nach absolut richtig, dass die Kinder ihren Interessen folgen können und sich dort motiviert entfalten, wo ihr Herz liegt. Jeder Mensch arbeitet unterschiedlich und den Kindern –auch beim Lernen – die Zeit zu geben, die sie benötigen, ist da nur logisch. Allerdings passt diese Form des Unterrichts nicht in unser Schulsystem und auch nicht in unsere Gesellschaft. Spätestens am Ende der Grundschulzeit müssen alle Schüler gewisse Kompetenzen erreicht haben, um an der weiterführenden Schule zu bestehen. Diese Schulen fahren dann auch häufig keine offenen Konzepte mehr. Daher wird das Kind, das „nur“ auf seinen gewählten Gebieten Experte ist, spätestens an der weiterführenden Schule eine Menge Lernstoff aufzuholen haben.

Das Kind fliegt also unter Umständen zuerst einmal völlig auf die Fresse.

Das Kind benötigt Zeit, um sich im neuen System zurecht zu finden, Freunde zu finden, sich an die Lehrer zu gewöhnen- und um sich in eben noch anderen Unterrichtsformen zurechtzufinden. Der Umschwung, aus der ohnehin eher behüteten Grundschulzeit ist nicht zu unterschätzen.

Auch im weiteren Leben geht die Rechnung nicht auf. Im Arbeitsleben kann man in der Regel nicht einfach alles im eigenen Tempo machen. Mit fast jedem Job kommen auch Aufgaben, die einem weniger Spaß bereiten und Anstrengung erfordern.

Wer immer nur das tut, was er schon kann, bleibt immer nur das, was er schon ist. Henry Ford

An unserer Schule gab es ein Pilotprojekt, wo eine Klasse zwei Jahre lang überwiegend offen unterrichtet wurde. Davon ausgenommen waren die Fremdsprachen, der Sportunterricht und der Musikunterricht. In allen anderen Fächern haben die Kinder gearbeitet, woran sie wollten-fächerübergreifend. Daher eben aber auch manchmal nicht. Der Lehrer hat am Pult gesessen und stand für Fragen zur Verfügung. Es herrschte in der kleinen Klasse immer ein gewisser Lautstärkepegel vor, da die Kinder mit Partnern oder in Gruppen gearbeitet haben, wann immer sie wollten. Einige andere Schüler konnten sich so nur wenig konzentrieren. So gab es am Ende der 2. Klasse Schüler, die den Zahlenraum bis 100 noch nicht ansatzweise erschlossen hatten; von Multiplikation und Division mal ganz abgesehen. Diese Kinder waren dafür wahre Meister im Experimentieren und im Modelle bauen.

Zu Beginn der 3. Klasse musste die Klasse mit der Parallelklasse zusammengelegt werden. Hier wird nun nicht mehr konsequent offen gearbeitet, sondern teilweise mit Wochenplänen aber insgesamt sozialform- und methodengemischt. Es fielen bei den Schülern aus der Pilotklasse einige Aspekte positiv auf:

  • sie benötigen weniger Hilfe beim Bearbeiten der Aufgaben
  • sie zeigen in einigen Bereichen eine höhere intrinsische Motivation
  • die Klasse zeigte im sozialen Miteinander Stärken

Allerdings hatten diese Schüler in anderen Bereichen große Schwierigkeiten:

  • ruhig am Platz sitzen
  • dem Lehrer und den Mitschülern in Gesprächsphasen zuhören
  • an nicht interessanten Aufgaben arbeiten zu arbeiten- es gab teilweise laute Proteste
  • Ein Großteil konnte keine Schreibschrift
  • ein Großteil war im Zahlenraum bis 100 noch nicht sicher
  • sich auf Konsequenzen für Fehlverhalten einlassen fiel schwer (vorher gab es kaum Rahmen oder Strukturen, die ihnen Grenzen setzten)
  • Kinder reagierten sensibel auf Kontrolle: Tests, Arbeitsergebnisse vergleichen, …

Damit sind wir an einem ganz wichtigen Punkt: Kinder benötigen Strukturen zur Orientierung. Die Erwachsenen sind die, die den Kindern einen Rahmen setzen müssen, an dem sie sich orientieren können.

Lernen zu wollen, muss geübt sein.

Man kann von Kindern im Grundschulalter nicht erwarten, dass sie reflektieren können, welche Lerninhalte sie können müssen und welche nicht, ohne irgendwelche Form von Lenkung. Daher werden von vielen Lehrern auch pseudooffene Formen angewandt wie Wochenplanarbeit u.ä.. Diese geben den Schülern eine Grundorientierung vor.

Mittlerweile gibt es sogar Studien, die davon ausgehen, dass Lerngruppen, in denen überwiegend frontal unterrichtet wird, bessere Leistungen erzielen, als andere. (FAZ vom 15.12.2012)

Trotzdem ist meiner Meinung nach aber eine Mischung von allen Unterrichtsmethoden und -formen sinnvoll. Ich beginne in jeder Stunde im Sitzkreis- den gemeinsamen Einstieg kann man auch frontal machen, falls der Platz nicht reicht. Manchmal wiederholen wir, manchmal machen wir den Einstieg, selten besprechen wir einfach nur die Aufgabenstellung. In diesem Moment merkt ein professioneller Lehrer schon, welche Schüler noch Schwierigkeiten haben. Diese Schüler behalte ich bei mir, alle anderen können selbständig arbeiten oder sich bei Bedarf Hilfe bei den Experten-Kindern holen. Wenn Schüler eine Aufgabe beendet haben, erhalten sie von mir unmittelbar eine Rückmeldung; wer seine Pflichtaufgabe nicht erfüllt hat, bekommt einen Klebezettel um diese Aufgabe in der Lernzeit zu beenden. In dieser Arbeitsphase variieren Einzel, Partner- und Gruppenarbeit. Es variieren auch: Arbeit im Heft, Lerntheken, Stationsarbeit, freies Üben usw. Am Ende der Stunde versammeln wir uns wieder im Sitzkreis, reflektieren die Stunde oder spielen auch mal ein Spiel.

Diese festen und klaren Abläufe helfen allen Schülern, sich im Unterricht zu orientieren und zurechtzufinden. Die Erwartungen sind transparent und erfüllbar. Dieses Vorgehen ermöglicht mir als Lehrerin:

  • alle Schüler im Blick zu behalten
  • schwache Schüler zu begleiten und zu unterstützen
  • den Unterricht zu lenken
  • die Kommunikationsfähigkeit der Kinder zu schulen
  • zeitökonomisch zu planen

Wie bei allen Fragen gibt es hierzu aber natürlich auch verschiedene Meinungen. Genauso, wie es verschiedene Schüler und Lerntypen gibt, sind alle Lehrer unterschiedlich und der Unterricht auch immer typabhängig. Am wichtigsten bleibt Authentizität, weil der Lehrer dadurch motivieren kann und die Begeisterung für das Fach anstecken kann. Am Ende muss jeder seinen eigenen Weg finden und seine eigenen Strukturen schaffen.

Wortakrobatik a la erste Klasse

Es ist mittlerweile ein halbes Jahr vorbei in der ersten Klasse. In meiner. In meiner ersten. Und wir sind bereits zu einem richtig guten Team zusammengewachsen. Immer wieder kommt es natürlich auch bei uns wieder zu witzigen Momenten- mein Grund, warum ich diese Arbeit so liebe.

Neulich kam Mesut um 7:30Uhr zu mir ins Büro:

“Frau K., mir ist laaaaaangweilig.”

– “Oh, ist noch keiner da?”

“Nee, wollen wir was machen?”

– “Klar. Ich mach noch kurz den Vertretungsplan, dann komm ich.”

“Wer fehlt denn?”

– “Herr Hose, das weißt du doch. “

“Stimmt. Der hat bestimmt was Schlimmes. Lampenfieber oder so.”

Gut, Lampenfieber ist es nun nicht, aber zumindest ließ es mich gut gelaunt in den Tag starten. Er ging auch gut weiter.

Im Deutschunterricht arbeiten schnelle Kinder zusätzlich in einem Leseheft. Hier kam Akkin ganz aufgeregt zu mir.

“Frau K., Frau K., ich brauch Hilfe!”

– “Zeig mal her!”

“Was ist das? Sch-w-amm? Oder Ka-mm?”

– “Was glaubst du denn?”

“Hmm. Ich weiß es nicht. Ein Kwamm?”

Update: “Kwamm” war nicht die richtige Antwort.

Mobbing

…was wir Lehrer uns jetzt fragen müssen…

Der Tod nach einem Suizidversuch einer Elfjährigen in Berlin in der letzten Woche hat mich in den letzten Tagen aus verschiedenen Gründen beschäftigt.

Erstens: Ich selbst habe meine Grundschulzeit auf dieser Schule verbracht. Aus unserem Küchenfenster konnte ich quasi auf den Schulhof spucken. Ich habe eine äußerst positive Erinnerung an diese Schule, die Lehrer und meine Grundschulzeit im Allgemeinen.

Zweitens: Ich habe einen jüngeren Bruder, der es in seiner Schulzeit, einfach aufgrund seines Andersseins, nicht immer leicht hatte. Mein Herz war schon so oft kurz vorm Brechen, wenn ich davon gehört habe. Ich persönlich wurde –an der weiterführenden Schule- auch Opfer von Hänseleien, kann aber zum Glück sagen, dass das weit entfernt von Mobbing war.

Drittens: Die Schule und die Lehrer stehen nun in der Kritik. Ob zurecht oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Möchte man den Eltern der Schule glauben, waren aber sowohl die Lehrer als auch die Schulleitung über Mobbingvorfälle an der Schule informiert, eine Lehrerin angeblich sogar beteiligt. Da drängt sich die Frage auf, wie es sein kann, dass die Situation dennoch so eskalierte.

Über all meiner Trauer und meinem Unverständnis über die Situation schwebt die Frage: Kann mir das auch passieren? Kann ich Mobbing übersehen oder als „normale Streitigkeiten“ abtun, einfach weil ich es nicht besser weiß oder es nicht sehen will? Dieser Gedanke macht mir Angst und ich weiß, dass es anderen Lehrern da nicht anders geht.

Mobbing entwickelt sich in der Regel in fünf Eskalationsstufen (das Bild stammt aus der Mobbingbroschüre des LI):

Eskalationsstufen von MobbingDie erste Stufe, die Vorstufe, beschreibt einen Streit zwischen zwei Schülern. In der Schule kommt es täglich zu Streitigkeiten. Ich persönlich bin jeden Tag mit irgendeiner Form von Streitschlichtung beschäftigt. Es kommt auch immer wieder vor, dass einzelne Kinder gar keinen Draht zueinander finden, sich nicht vertragen können, mal miteinander spielen und sich dann ganz furchtbar streiten oder einander ignorieren. Das alles ist erst einmal nicht ungewöhnlich. Auch regelmäßige Streitigkeiten zwischen den gleichen Parteien, sogar, wenn sie stärker vom einen als vom anderen Schüler ausgehen, sind noch kein Mobbing. Ich würde fast behaupten: Solange die Lehrer in die Konfliktlösung noch involviert sind, handelt es sich um Streitigkeiten, die sich besprechen lassen, bei denen es einen auch objektiv nachvollziehbaren Grund für die Auseinandersetzung gibt. Diese Eskalationsstufe ist die, mit der wir Lehrer am häufigsten konfrontiert sind und mit der wir durch Erfahrung gelernt haben, umzugehen.

Mobbing aber läuft häufig viel subtiler ab und findet immer in einer Gruppe statt. Der Haupttäter (oder die Haupttäterin) hat hier immer eine Gruppe von Mitschülern um sich herum, die mitmachen, sie decken oder wegschauen; glücklich darüber, selbst nicht das Opfer zu sein. Diese Übergriffe finden häufig auch nicht vor den Augen der Lehrkräfte statt, schon gar nicht vor denen, von denen die Täter wissen, dass sie eingreifen würden. Häufig werden unbeobachtete Momente im Klassenraum, in den Pausen oder auf dem Schulweg genutzt, um das Opfer „fertig zu machen“. Auch die sozialen Netzwerke spielen dabei heute eine nicht unwesentliche Rolle (womit wir auch bei der Frage wären, wo der Einflussbereich und die Verantwortung der Schule endet). Wir als Lehrer sind darauf angewiesen, dass sich die Opfer uns oder den Eltern anvertrauen oder, wenn das nicht möglich ist, dass es Mitschüler tun.*

Um das Risiko von Mobbing, zumindest im eigenen Wirkungsbereich, gering zu halten, habe ich eine Liste von Tipps für Lehrkräfte erstellt:

  • Von vornherein an der Lehrer-Schüler-Beziehung arbeiten. Mobbing lebt davon, dass es lange unentdeckt bleibt. Wenn das Opfer jemanden hat, dem es sich anvertrauen kann, wird dem Täter die Kraft genommen. Außerdem erfährt so auch der potentielle Täter Anerkennung und die Position jedes einzelnen Schülers wird gestärkt und sie erhalten die Chance, sich angenommen zu fühlen.
  • Über die Pausen sprechen (denn: die Aufsicht kann nicht alles sehen): Von vornherein kann das Thema „Pause“ in den Unterricht integriert werden. Ich habe in meiner Klasse die Erfahrung gemacht, dass so auch Streitigkeiten auf den Tisch kommen, die von den Beteiligten gar nicht angesprochen werden würden.
  • Streitigkeiten immer ernst nehmen. Fast täglich kommt es in meinen Klassen vor, dass Kinder mir von einem Streit berichten. Ich frage dann immer: Kannst du den Streit alleine klären oder benötigst du meine Hilfe dabei? Bei 7 von 10 Fällen reicht es, den Kindern Raum und Zeit zu geben, diesen Konflikt zu lösen. Sind die Gemüter gerade erhitzt, kann man das selbe Prozedere später am Tag anwenden. Vor Schulschluss sollten Streitigkeiten so besprochen sein, dass die Kinder zu Hause sagen können: „…aber wir haben uns schon entschuldigt.“
  • Regelmäßiger Klassenrat. Dieser gibt Schülern einen Rahmen, Probleme anzusprechen.
  • Von Vornherein Grenzen setzen. Wenn Schüler von Vornherein merken, dass auf ein gewisses Verhalten eine gewisse Konsequenz folgt, werden sie die Grenzen diesbezüglich nicht weiter austesten müssen.
  • Sich hinter das Opfer stellen. Es soll merken, dass es nicht allein dasteht.
  • Die Mitläufer auf die eigene Seite ziehen. Lehrer haben, besonders im Anfangsstadium, noch Macht über die so genannten Mitläufer. Diese schließen sich dem Verhalten des Haupttäters meist an, um selbst Anerkennung zu erfahren und der Gefahr auszuweichen, selbst zum Opfer zu werden. Diese kann man durch Übungen zur Zivilcourage (z.B. Rollenspiele) oder Filme, in der Grundschule auch durch Bilderbücher wie „Irgendwie anders“, „The Invisible Boy“ usw. dazu kriegen, dass sie sich vom Täter distanzieren. Auch können diese Schüler direkt als Schutzengel eingesetzt werden. Das alles schwächt, wenn es gut läuft, das Standing des Täters in der Klasse.
  • Alle Warnsignale wahrnehmen. Hinweisen durch Eltern* , Mitschüler, andere Lehrkräfte und Beobachtungen unbedingt nachgehen. Lieber sollten wir einmal mehr nachfragen, als einmal zu wenig.
  • Beobachtungen notieren. Diese Notizen können a) Grundlage für kommende Gespräche sein und b) in die Schulakte abgelegt werden.
  • Eltern ins Boot holen bzw. alle pädagogischen Maßnahmen ausschöpfen. Es ist nicht so einfach, Eltern beizubringen, dass ihr Kind einen Mob anführt, der andere Kinder runterputzt und drangsaliert. Daher empfiehlt es sich, in solche Gespräche mit einer Begleitung (Sonderpädagogin, Psychologin, Schulleitung) zu gehen. Am Ende des Gespräches kann eine Vereinbarung stehen, die von den Eltern unterschrieben und in die Schulakte abgelegt wird. Auch die Eltern der Opfer müssen schon beim ersten Verdacht informiert werden- so können diese auch Ansprechpartner für den Schüler werden und mit den Lehrern und den Eltern steht es nun noch gestärkter da.
  • Kollegen (und Schulleitung) für das Thema sensibilisieren. Statt im Lehrerzimmer nur über „die ganzen Streits“ zu meckern, können Fortbildungen besucht oder gebucht werden. Im Kollegium sollte ein Handlungskatalog vorhanden (und bekannt!!!) sein. Die Hilflosigkeit, mit der Lehrer diesem Problem häufig gegenüberstehen, kann so an den Wurzeln gepackt werden.
  • Extern Hilfe holen. Trotz aller Präventionsmaßnahmen (und meine Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) kann es trotzdem vorkommen, dass es in der Schule zu Mobbing kommt, besonders, wenn dies außerhalb des Schulalltages beginnt. Dann gibt es für Schulen die Möglichkeit, sich externe Hilfe zu holen. In vielen Städten und Bundesländern gibt es Angebote von der Polizei, der Kirche und anderen Institutionen. Außerdem ist zu prüfen, ob die Schulbehörde informiert werden muss (auch wenn dieser Schritt erst einmal Überwindung kostet, schützt er im Zweifelsfall vor Vorwürfen).

Egal, was passiert: In jedem Fall muss der Opferschutz vor den Täterschutz gehen. 

Ja, es gibt Kinder, die ziehen Streit förmlich an. Es gibt Kinder, die provozieren die anderen („Provozierende Opfer“, dadurch entsteht ein Teufelskreis, den am Ende der Stärkere oder aber gar keiner „gewinnt“). Es gibt Kinder, denen es gelingt, absolut konfliktfrei durchs Schulleben zu gehen, die nicht geärgert werden, obwohl sie ruhig, dick, ausländisch oder behindert sind. Es gibt genauso aber auch Opfer, die werden ausgesucht, weil sie zu kleine oder billige Kleidung tragen, weil sie „so lustig ausrasten“ oder weil sie gerade „doof geguckt“ haben. Kein Kind hat es aber verdient, deshalb Ausgrenzung, körperliche oder seelische Gewalt zu erfahren und kein Kind hat das Recht dazu, diese Gewalt auszuüben. Die Lehrer müssen besser geschult werden oder zumindest die Zeit bekommen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Die Schulleitungen müssen dafür Raum und Zeit schaffen können, neben dem, was der Schulalltag sonst noch mit sich bringt. Und das Thema muss in der Gesellschaft die Schambehaftung verlieren, damit es für Lehrer und Schulleitungen leichter wird, sich Hilfe zu suchen, wenn diese benötigt wird.

*Besorgte Eltern überinterpretieren harmlose Streitigkeiten allerdings auch häufig übereilt als Mobbing oder „Gewaltproblem“, woraufhin diese Termini dann von den Schülern übernommen werden. Dies resultiert zum Einen aus der subjektiven Wahrnehmung des eigenen Kindes als Opfer. Solche negativen Erlebnisse wiegen schwerer und nehmen daher auch in der Wahrnehmung und Erinnerung mehr Platz ein, als positive Schilderungen. Zum Anderen resultiert dies natürlich auch aus dem normalen Bedürfnis heraus, sein eigenes Kind schützen und nicht leiden sehen zu wollen. Dennoch sind Hinweise der Eltern diesbezüglich ernst zunehmen und mit den eigenen Beobachtungen abzugleichen. Regelmäßige Infoveranstaltungen in den Schulen, zu denen auch Eltern eingeladen werden, können helfen, ein Verständnis und eine Sensibilität bei allen Beteiligten zu erreichen.

Zeugniszeit ist Notenzeit

…oder auch nicht (mehr).

Viele Schulen, vor allem Grund- und Gesamtschulen, sind ja mittlerweile zu alternativen Rückmeldemethoden übergegangen. Von verbalen Beurteilungen, über Lernentwicklungsgespräche bis hin zu Kompetenzrastern ist alles vertreten.

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An unserer Schule vergeben wir zum Halbjahr und zum Schuljahresende ein umfangreiches Zeugnis: die ersten beiden Seiten umfassen einen Text, bei dem es um die Beurteilung der Sozial- und Personalkompetenzen geht (Konflikt-, Interaktions-, Kommunikationsfähigkeit, um nur einige zu nennen). Darauf folgen viele weitere Seiten: eine für jedes Fach. Hier sind die im Fach zu erreichenden Kompetenzen aufgeführt. Das Erreichen (oder halt eben nicht) wird durch ankreuzbare Smileys angezeigt. (Übrigens bewerten wir auch Arbeiten/Tests notenfrei.)

Ich als Lehrerin finde, dass diese Form der Zeugnisse von mir ein viel größeres Maß an Aufmerksamkeit verlangt. Ich muss mir viel mehr Gedanken über die Fähigkeiten der Kinder machen. Eine Note aus allen schriftlichen Ergebnissen zu ermitteln, benötigt nicht annähernd die selbe Aufmerksamkeit. Schon deshalb sind Kompetenzzeugnisse, aus meiner Sicht, den Notenzeugnissen vorzuziehen- weil sie eine Auseinandersetzung mit dem Kind verstärken.

Auch die Eltern müssen sich mit diesen Zeugnissen viel mehr auseinandersetzen als mit einem Notenzeugnis. Das wäre schnell überblickt, der Durchschnitt schnell berechnet, aber gesagt ist mit solchen Zeugnissen am Ende doch äußerst wenig. Und trotzdem werden immer wieder Stimmen aus der Elternschaft laut, die nach Noten fragen. “Zur besseren Vergleichbarkeit”, so lautet ein Argument. “Sie seien Ansporn und Orientierungshilfe” (für die Eltern?), ein weiteres. Manchmal gehen die Eltern sogar soweit zu sagen, dass ihr Kind ohne diesen Maßstab gar nicht lernen kann. 

In Wahrheit stellen einzelne Noten aber gar nicht wirklich eine Vergleichbarkeit her. Sie bilden höchstens Leistungsdifferenzen innerhalb einer Klasse ab. Der Vergleichsmaßstab ist also die Leistung der Mitschüler. Aber schon über Klassen oder gar Schulen hinweg ist dies nicht mehr gegeben. Ein Schüler, der also in Mathematik eine 3 bekommt, dümpelt in der Regel im Durchschnitt der Klasse rum. Wie sich diese Note nun zusammensetzt, ob er im Addieren und Subtrahieren z.B. sicher, aber in der Multiplikation und Division noch sehr unsicher ist, können weder Eltern noch Schüler ablesen. Das können Kompetenzzeugnisse und verbale Zeugnisse aber leisten, ebenso Lernentwicklungsgespräche oder ähnliche Gesprächsrahmen.

Daraus folgt mein nächstes Argument: Noten belohnen nur die starken Schüler. Die wissen, dass sei vieles richtig machen. Sie werden dadurch motiviert am Ball zu bleiben, während schwache Schüler, egal wie sehr sie sich anstrengen und egal welche persönliche Entwicklung sie an den Tag legen, manchmal dennoch nicht über eine 3 hinauskommen. Sie werden gebremst und entmutigt. Neues zu lernen wird in deren Augen unter Umständen schnell zu einer sinnlosen Angelegenheit (s. dazu auch: Belohnungssysteme ). Im Idealfall  sollte Lernen aber doch ohnehin aus Interesse am Unterrichtsthema geschehen. Dieses Interesse wird aber doch bei den meisten Schülern gar nicht gefördert, wenn es am Ende doch nur um die “Ziffer” unter der Arbeit geht. Natürlich ist aber auch mir klar: Es werden sich nie alle gleichermaßen für eine Sache begeistern. Aber dieses “Interesse” durch Druck zu erzwingen, kann nicht zielführend sein.

Ich bin, wie man hier hoffentlich herausliest, nicht ganz gegen Beurteilungen. Denn Schüler benötigen Orientierung und Anhaltspunkte, anhand derer sie sich entwickeln können. Außerdem sind wir am Ende immer noch Schule und an deren Abschluss steht genau ein solcher: Ein Schulabschluss. Der qualifiziert. Der zeigt an, ob ein Schüler für eine Ausbildung geeignet ist. Daher braucht es eine Form der Rückmeldung. Aber viele Punkte sprechen aus meiner Sicht für eine Abschaffung der Notenzeugnisse, wenn sie durch eine aussagekräftigere Form der Beurteilung ersetzt werden.

 

 

 

Quellen u.a.:

Wie sinnvoll sind Schulnoten? – planet-wissen.de

Das Dilemma mit den Schulnoten – ntv

Wissenschaftler fordert Abschaffung der Schulnoten – mdr Kultur

 

 

 

 

„Aber wie machst du das denn ohne Belohnungssystem?“

…und kann das jeder?

Seit ich mehrfach geschrieben habe, dass ich mittlerweile ohne Belohnungs- und Bestrafungsystem arbeite, habe ich vermehrt Nachrichten nach dem “Wie?” bekommen. Die Frage nach dem “Warum?” stellt kaum einer mehr. Fast allen ist klar, dass diese Systeme die intrinsische Motivation hemmen. Des Weiteren sind es häufig Kollektivmaßnahmen, die unfair sind, weil alle Schüler unter diesem einen Kind leiden, welches es wieder nicht schafft, ruhig zu sein und somit die Chance auf die Gruppentisch- oder Klassenbelohnung verspielt. Genau dieses eine Kind wird Mal um mal bloßgestellt. Dabei zu behaupten, es möchte sich nicht an die Regeln halten, ist eine pure Unterstellung.

Viel mehr, als nur die Symptome, nämlich das Reinrufen, Herumlaufen, Hauen usw., zu unterdrücken, müssen wir nach der Ursache forschen und dem Kind Möglichkeiten aufzeigen, mit diesen Impulsen umzugehen. Dafür müssen wir uns aber mit dem Kind beschäftigen, mit ihm reden und ihm die Chance geben, sein Verhalten zu ändern. Dies kann und wird nicht über Nacht geschehen. Und vor allem: wir müssen auch mal akzeptieren, dass ein Kind eben mal nicht so ist, wie es für uns am einfachsten wäre.

Ich möchte euch einmal sagen, wie ich es in meiner ersten Klasse handhabe und sage ganz klar: Es kann jeder, der es will!

Im Moment sind in meiner Klasse 17 Kinder; sieben Mädchen und zehn Jungen. Fünf Kinder sind sehr leistungsstark, davon ist einer stark verhaltensauffällig (Jonas). Außerdem habe ich vier leistungsschwache Kinder in der Klasse, wovon einer auffälliges Verhalten zeigt (Dominik). Ein Mädchen beobachte ich derzeit genauer. Die restlichen Kinder befinden sich von der Leistung und dem Sozialverhalten im Durchschnitt. Natürlich haben auch die mal einen schlechten Tag oder einen Streit, der geklärt werden muss, aber das ist normaler Bestandteil der Entwicklung. Auch eine Rauferei treibt mich nicht in die Verzweiflung.

Dennoch gibt es Regeln und bei Regelverstößen Konsequenzen. Kippt ein Kind z.B. mit Absicht den Anspitzerinhalt auf den Boden, wird ggf. der Klassenboden in der Pause gefegt. Spielt das Kind im Klassenraum mit dem Ball, nehme ich ihn weg. Tut ein Kind einem anderen absichtlich weh, muss es dies wieder gutmachen, indem es z.B. Ein Bild malt, sein Regal aufräumt, seinen Aufräumdienst übernimmt, o.ä. Die Sanktion muss aber zu dem Regelverstoß passen.

Im Unterricht arbeite ich grundsätzlich so, dass die Kinder während der Arbeitsphase viel Lob von mir bekommen. So nenne ich meist laut zu Beginn der Arbeitsphase die Kinder, die schnell mit der Arbeit begonnen haben, gleiches gilt für Phasen, in denen sie sich im Sitzkreis sammeln oder an der Tür aufstellen sollen. Ist ein Kind dabei, dass es noch nicht so oft schnell schafft, lobe ich es aufrichtig, denn ich freue mich wirklich darüber: “Jonas, du warst ja heute richtig schnell. Super!” Das motiviert die anderen, sich zu beeilen und gibt Jonas, der häufig auch negatives Feedback bekommt, ein gutes Gefühl.

Während der Arbeitsphase gehe ich rum oder sitze am Pult. Das sage ich vorher an. Bei beiden Varianten bekommen die Kinder nach dem Beenden einer Seite einen Stempel. Dies gilt als Rückmeldung für sie und die Eltern. In beiden Varianten lobe ich verbal. Dabei versuche ich besonders auf die Kinder zu achten, die viel Lob benötigen. Außerdem ermöglicht diese Methode, dass auch die ruhigen Mädchen nicht vergessen werden und ich habe immer einen Überblick über den Lernstand. Das nächste Plus: besonders bei der Pultmethode* bekommen die Kinder ein wenig Bewegung, was besonders für die Zappelphilips ein großer Vorteil ist. (Dieses System funktioniert übrigens auch in größeren Klassen, selbst erprobt im letzten Durchgang mit 28Kindern).

Aber: es gibt Kinder, denen Lob nicht reicht. Zwei Beispiele:

Dominik: Dominik kann sich so gut wie gar nicht fokussieren. Wir hatten ihn daher zunächst an einen Einzeltisch gesetzt, der an der Wand steht, um visuelle Reize zu minimieren. Da hat sich die Situation aber verschlechtert, weil das ganze Geschehen nun hinter seinem Rücken stattfand und er nur noch damit beschäftigt war, nichts zu verpassen und sich deshalb umzudrehen (bei einem Mädchen meiner Klasse klappt diese Variante aber wunderbar.). Nach wie vor war es so: Ging die Tür auf, sah er hin. Ging das Smartboard in den Ruhezustand, sah er hin. Bei Einzelarbeiten stand er auf und guckte, was am Nachbartisch geschah. Saß er aber doch mal neben einem Partner, konnte er sich noch viel weniger konzentrieren. Ich möchte hier das KONNTE betonen. Denn er KANN es einfach nicht besser. Mit ihm zu schimpfen (und ja, das tue ich viel zu oft), bringt also gar nichts, weil er es nicht ändern kann. Als ich mit seinen Eltern darüber sprach, musste er sich bei mir entschuldigen, was er mit Tränen in den Augen tat. Denn: Er musste sich für etwas entschuldigen, was er selbst wohl am wenigsten will: den Unterricht stören.

Meiner Kollegin und mir war klar, dass wir Dominik helfen müssen. Zuerst wollten wir diesen Druck von ihm nehmen, zu wissen, dass er immer wieder versagen wird. Als zweites wollen wir, dass er lernt zu erkennen, wenn die innere Unruhe hochkocht und ihm eine Möglichkeit bieten, sich zu bewegen und abzulenken OHNE den Unterricht zu stören. Ich habe mit ihm folgendes besprochen:

“Als erstes möchte ich dir sagen, dass ich dich gerne mag und mega cool finde, auch wenn ich manchmal mit dir meckere. Mich stört es dann, dass ich nicht zu Ende reden kann oder du nicht zuhörst. Ich habe Angst, dass du dann wichtige Dinge verpasst. Ich weiß aber auch, dass du das nicht mit Absicht machst und viel lieber Lob statt Ärger bekommen möchtest. Deshalb haben wir uns etwas überlegt. Zum einen darfst du in der Arbeitsphase wählen, ob du an deinem Platz, auf dem Boden oder auf der Sitzbank [neben seinem Tisch] arbeiten möchtest. Wichtig ist nur, DASS du arbeitest. An deinem Platz steht ein Schild, auf dem steht “Ich bin draußen!”. Das darfst du in jeder Stunde einmal auf deinen Platz stellen, wenn du merkst, dass du Bewegung brauchst. Dann kannst du einmal die Treppen runter und hoch laufen und leise wieder zurückkommen. Du schaffst das sicher gut und wir können uns da ja auch auf dich verlassen, das wissen wir!”

Ja, das ist ganz schön viel Text für einen Erstklässler. Aber er hat ab dem ersten Tag alles prima umgesetzt. Natürlich gibt es trotzdem Stunden, die nicht so gut laufen.

Jonas: Für Jonas haben wir ziemlich schnell ein individuelles Belohnungssystem eingerichtet. Er ist, wie oben schon beschrieben, leistungsstark, hat ein außerordentliches Allgemeinwissen für einen Erstklässler und ist sehr auf positives Feedback bedacht. Allerdings hat er vor allem im Sitzkreis zu Beginn große Probleme mit dem Stillsein gehabt. Phasenübergänge hat er zu langsam, aber vor allem störend laut bewältigt. Häufig hat er auch im Unterricht Streit mit Mitschülern angfangen, sehr oft wegen Kleinigkeiten, oder ist bei Kritik sofort in eine offene verbale Auseinandersetzung mit dem Lehrer gegangen. Ihr seht: sein Verhalten widerspricht seinem Bedürfnis nach Lob und Anerkennung.

Er hat also bereits seit dem Herbst auf seinem Tisch ein Glas stehen, in dem er Muggelsteine sammelt. Pro Stunde kann er drei Steine verdienen (in der Regel für den Unterrichtseinstieg, die Arbeitsphase und die Abschlussphase). Ist der Behälter voll, erhält er zu Hause eine Belohnung. Diese legt er mit den Eltern fest. Es ist aber immer eine Unternehmung ohne seine Geschwister, damit er auch hier die individuelle Wertschätzung erfährt (seine Zwillingsschwester ist auch in unserer Klasse und um einiges “angepasster” und erfährt daher häufig eine bevorzugtere Behandlung). Die Fachlehrer sollen das System natürlich auch nutzen und mittlerweile haben wir den Behälter vergrößert, damit das Erreichen des Ziels eine Herausforderung bleibt. Ziel ist es, dass er sein tolles Arbeitsverhalten aus Mathe und Deutsch auch schafft auf alle Nebenfächer zu übertragen. Möglichst auch ohne das Muggelglas als Unterstützung.

In beiden Fällen haben wir die Systeme mit der Klasse besprochen. Die Kinder müssen verstehen, warum Dominik die Klasse verlassen darf ohne zu fragen, der Rest aber nicht. Gut ist immer darauf hinzuweisen, dass es der ganzen Klasse nützt und man die Kinder animiert, die Betroffenen zu unterstützen.

Besonders zu Beginn ist ein regelmäßiges Feedback durch die Mitschüler wichtig. Denn wenn diese “schwierigen” Schüler Respekt und Lob für den Fortschritt erfahren, bestärkt es diese wiederrum und häufig ist diese Anerkennung noch wichtiger, als die der Lehrer.

Anna: “Ich habe beobachtet, dass du auf der Bank gearbeitet hast aber dafür hast du dich leise gemeldet”

Eugen: “Ich habe beobachtet, dass du ganz viel geschafft hast und ganz leise rausgegangen bist.”

Tanja: “Ich habe nicht einmal bemerkt, dass du rausgegangen bist. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen.”

Tim: “Ich möchte dich loben, Jonas, weil dein Steineglasnschon wieder voll ist und du dich so verbessert hast.”

Ina: “Du arbeitest auch schon viel leiser.”

Selbstverständlich ist jedes Kind anders, hat andere Bedürfnisse, andere Stärken und Schwächen (übrigens noch ein Argument gegen Klassenbelohnungssysteme). Natürlich funktioniert das, was bei dem einen klappt, nicht zwangsläufig auch bei dem anderen. Wichtig ist, es so unkompliziert wie möglich zu halten und auch, nicht für jedes Kind ein individuelles System zu erstellen. Das kann kein Lehrer auf Dauer leisten. Mir ist auch klar, dass es Schulen gibt, wo die Gegebenheiten andere sind, die Eltern z.B. nicht mitarbeiten. Aber manchmal kann man mit Kleinigkeiten in der Schule schon ganz viel bewirken- die Eltern braucht man da nicht unbedingt. Denkt immer daran: Die Kinder, die augenscheinlich am wenigsten Anerkennung verdienen, brauchen sie am meisten,

*Pultmethode: Die Lehrkraft sitzt am Pult. Hat ein Kind eine Frage oder benötigt einen Stempel, kommt es ans Pult. Es dürfen maximal 3-5 Kinder anstehen (mit Abstand; ich habe eine Markierung auf dem Fußboden angebracht), je nach Klassengröße. Wer ansteht und quatscht, stellt sich wieder hinten an.

Was Kinder von uns Lehrern nicht brauchen

Es gibt viele Dinge, die Kinder benötigen, um zu glücklichen, selbständigen Wesen heranzuwachsen. Dazu gehören meiner Meinung nach unter anderem gute Vorbilder, eine gute Beziehung zu den Eltern und den Lehrern und eine Umgebung, in der sie sich wertgeschätzt fühlen. Es gibt aber auch allerhand, was Kinder nicht benötigen. 10 dieser Dinge (wovon ich selbst auch nicht alle immer berücksichtige), habe ich in den letzten Wochen zusammengetragen:

1. Belohnungssysteme

Als ich im Referendariat war, habe ich ziemlich schnell unterschiedlichste Belohnungssysteme kennengelernt. Als ich dann meine Mentorin fragte, mit welchem System sie in der Klasse arbeitet, meinte sie, dass die Klasse (damals Anfang der 3. Klasse) bisher keines benötigte. Das versetzte mich erst einmal in Panik. Wie soll ich mich denn dann durchsetzen? Genau so erging es mir, als ich nach dem Ref an meiner jetzigen Schule anfing. Ich war nervös und hatte vielleicht sogar ein wenig Angst. Zum Glück gab es hier ein System, an dem ich mich festhalten konnte (ja, ICH MICH!!!). Seit diesem Jahr haben wir keines mehr. Vor allem uns als Leitung, aber auch einzelnen Kollegen, gefiel die Tatsache nicht, dass ein Belohnungssystem die Kids zu einem gewünschten Verhalten “hinerpresst” und am Ende immer die gleichen Kinder unter diesem System leiden. Die Kinder sollen aus sich heraus lernen und nicht, weil am Ende des Tages eine Bonbon als Belohnung wartet. Belohnungen gibt es trotzdem. Auch wir gucken mal einen Film, machen eine Spielestunde oder frühstücken gemeinsam, aber ohne, dass es an Bedingungen geknüpft ist. Denn seien wir mal ehrlich: Durch Zugewandtheit, ehrliches Lob und Gespräche erreichen wir viel mehr (es ist aber auch viel anstrengender und zeitintensiver).

2. Lob

Jetzt mal keinen Schrecken kriegen! Ich bin ein großer Fan von Lob und lobe ständig. Woran ich aber gerade intensiv arbeite ist, Kinder nicht mehr für Dinge zu loben, die selbstverständlich sind. Wenn sich ein Kind zum Beispiel leise meldet, ist das zu Beginn der Grundschulzeit vielleicht noch ein Lob wert, nach Weihnachten, sollte das die Regel sein. Hier möchte ich mehr darauf achten, das ungewünschte Verhalten zu ignorieren oder nonverbal zu kommentieren. Das Kind, das sich leise meldet, kommt dann zu Wort und wird beachtet, das andere eben nicht. Das gleiche gilt, wenn Kinder Anweisungen umsetzen, die sie unmittelbar zuvor bekommen haben: an den Platz gehen, den Platz aufräumen usw. Und: kleine persönliche Lobs und echte Wertschätzung, unterstützt durch eine kleine Geste (bei den Kindern, die das mögen!!!), wie Schultertätscheln, ein Lächeln oder auch mal eine High Five sind die Lobs, die ich wirklich wertvoll finde.

3. Bunte, bebilderte Arbeitlätter

Ersteinmal habe ich zu Hause gar keinen Drucker und mein Chef würde mir den Kopf abreißen, wenn ich zu viel in Farbe ausdrucken würde. Daher beschränke ich mich, was das angeht darauf, was wir gemeinsam im Sitzkreis verwenden, also auf Dinge, die ich nur in einfacher Ausführung benötige. Manchmal male ich Schwarz-Weiß-Drucke auch an. Ich persönlich finde es beruhigend. Wenn die Kinder zum Beispiel ein Arbeitsblatt bearbeiten sollen, bei dem auch Farben eine Rolle spielen, scanne ich es ein, und zeige den Kids das Original am Smartboard. Dann sehen sie dort, wann sie einen blauen, wann einen roten Stift benutzen müssen (manchmal ersetzt diese Vorgehensweise das Drucken und Kopieren von Arbeitsblättern sogar vollkommen).

Bilder auf Arbeitsblättern oder sonst überall im Klassenraum, z.B. auf den Stiftebehältern, sind meiner Meinung nach noch unsinniger. Zum einen gibt es in jeder Klasse Kinder, die schnell überreizt sind und für die zu volle Arbeitsblätter überfordernd sind. Zum anderen aber hat ein Glücksbärchi auf der Mathearbeit einfach keinen Sinn, genausowenig wie Mäuse, Bärchen u.ä. z.B. auf Arbeitsblättern im Sachunterricht. Ich traue meinen Schülern auch zu, die roten Stifte zu finden, ohne dass dort in schönstem Design “rote Stifte” auf der Box steht. Konzentriert euch auf das Wesentliche!

4. Zu viel Differenzierung

Hier werden nicht alle meiner Meinung sein, und das ist okay. Ich möchte auch betonen, dass ich hier nicht von Inklusions-Kindern, also Schülern mit anerkanntem Förderbedarf spreche.

Obwohl jedes Kind da abgeholt werden soll, wo es steht, muss nicht in jeder Stunde differenziertes Material eingesetzt werden. Meist reicht es schon, wenn die Kinder wissen, wo sie sich Hilfe holen können, z.B. Rechenschieber, Plättchen o.ä. in Mathe, die Wörterliste in Deutsch, Hilfe vom Expertenschüler usw.. Auch kooperative Lernformen sind eine tolle Form der Differenzierung. Aber regelmäßig dreifachdifferenzierte Arbeitsblätter müssen nicht sein.

Im Deutschunterricht der zweiten Klasse (im ersten Schuljahr hatten sie zwei Deutschlehrer, wovon einer vorher nie Deutsch oder in der Grundschule unterrichtet hat, weshalb die Klasse wohl noch leistungsheterogener ist, als andere Klassen), arbeite ich zum Beispiel mit Pflicht- un Zusatzaufgaben. Die sind für alle gleich. Und die Pflichtaufgaben kann jeder schaffen, nur das Tempo ist unterschiedlich. Da es bei uns keine Hausaufgaben gibt, muss ich ohnehin sicherstellen, dass die Aufgaben in der Schule erledigt werden können. Lediglich in den Lesestunden bekommen die Kinder manchmal unterschiedliche Lesetexte, aber auch hier differenziere ich nur zweifach. Es ist ganz natürlich, dass sich ein paar Schüler mehr durchkämpfen müssen, als andere. Das sollen sie auch wissen. Am Ende sind das doch aber die, die viel mehr geleistet haben, wenn sie eine Aufgabe erledigt haben. Das verdient dann auch ein aufrichtiges Lob.

5. Zu viel Auswahl

Wir hatten einen Kollegen, der die Kinder sehr frei arbeiten lassen hat. Sie durften quasi machen, was sie wollten. In Kunst standen z.B. sämtliche Materialen der Welt zur Auswahl, und alle haben Kunstwerke hergestellt, die sich sehen lassen konnten. Am Ende konnte aber die Hälfte der Klasse nicht sauber ausmalen. Ich weiß, dass das ein pädagogisches Konzept ist, ich habe mir meine abschließende Meinung dazu auch noch nicht gebildet, aber ich glaube dass das nicht die Arbeitsform für jeden Schüler ist (andererseits: welche ist das schon?). Aber ich gehe mal soweit zu sagen, dass auch Stationen- und Freiarbeit nicht die Antwort auf alles sein kann. Ja, ich setze sie auch ein und finde, dass das Auswählen und selbständige Bearbeiten und Vergleichen eine Kompetenz ist, welche die Kids erwerben müssen. Aber nicht immer und in jedem Fach. Ich beschränke die Freiarbeit z.B. auf die Lernzeiten, und auch hier steht nur eine begrenzte Auswahl an Angeboten zur Verfügung, und Stationenarbeit auf wenige Themenbereiche im Schuljahr. Das entlastet mich z.B. sehr bei der Vorbereitung und dem Korrigieren.

6. Sofortiger Ersatz bei Verlust

Verlorene Stifte und Hefte- a never ending story. Ich habe es schon mal erwähnt: wir besorgen die Materialien für die Kinder und sie bleiben auch in der Schule. Keiner nimmt irgendetwas mit nach Hause. Und trotzdem verschwinden Bleistifte. Neulich haben zwei Bleistifte gefehlt (obwohl ursprünglich mehr als ein Klassensatz in der Bleistiftkiste) war. Da hat die ganze Klasse 45Minuten, also meine gesamte Deutschstunde lang, Bleisitifte gesucht. Hat alle genervt. Und ich bin nicht in Panik verfallen. Dann fällt eben eine Stunde Unterricht aus. Und wenn die Kinder es zu Hause erzählen? Dann ist es so! Was soll passieren? Meinen Job verliere ich deshalb nicht. Wir haben im Anschluss darüber gesprochen, alle hat es gestört, die Kinder fanden es schlimm, dass sie nicht arbeiten konnten. Es passiert auch immer noch, dass Stifte in den “privaten Regalen der Kinder” oder sogar in deren Spinden auftauchen, aber sie wissen, was passiert, wenn wir zu wenige haben und irgendwann werden sie vielleicht daraus lernen.

Wenn ein Kind mehrfach sein Heft nicht dabei hat, kopiere ich die Seiten übrigens auch nicht mehr. Es arbeitet dann einfach eine Stunde lang nicht. Ratet mal, wer sein Heft am nächsten Tag wieder dabei hat. (Eine Nachricht nach Hause kann auch Wunder bewirken!)

7. Eine Lese- und Spieleecke

Ich habe eine. Aber das ist auch der Größe des Raumes geschuldet. Und es macht sich so gut auf Fotos. Ich liebe es auch, mir die schön gestalteten Ecken auf Bildern bei Pinterest anzuschauen. Aber manchmal verstehe ich nicht, warum Lehrer in kleine Klassenräume noch so eine enge gemütliche Ecke reinquetschen müssen. Da geht es mir wie mit den Arbeitsblättern. Wenn es räumlich beengt ist, wirkt sich das auf mein Denken und meine Kreativität aus. Da reicht ein Regal mit Büchern und Spielen und ein paar Kissen, die die Kinder sich “ausleihen” können. Spielen können die Kids an den Tischen und lesen wo immer sie wollen. Zumal viel zu viele Lehrer den Inhalt dieser Ecken mit all den Teppichen, Kissen und Vorhängen privat bezahlen müssen.

8. Materielle Geschenke

Geburtstagsgeschenke, Adventskalender, Belohnungen und vor jeden Ferien noch eine kleine Aufmerksamkeit. Erstens: Wer soll das alles bezahlen? Zweitens: Wer hat dafür die Zeit? Drittens: Was bringt es?

Ich feiere in der Klasse auch Geburtstage und jedes Kind bekommt in diesem Jahr einen bunten Radiergummi für zu Hause. Das viel größere Geschenk aber ist das Geburtstagslied und die Warme Dusche, die es von den Mitschülern gibt. Das würden auch die Schüler so sagen (zumindest die meisten).

Aus gegebem Anlass waren im Adventskalender dieses Jahr Bleistifte, die in der Klasse bleiben sollten. Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Eine kleine Aufmerksamkeit vor den Ferien gab es von mir noch nie. Wird es wohl auch nie. Denn da erkenne ich den Sinn nun wirklich nicht. Wertschätzung zeige ich anders.

9. Verständnis für alles

Habe ich nicht, und ich muss auch nicht so tun. “Authentizität” ist das Zauberwort. Und wenn klein Paule sein Deutschheft eben zum dritten Mail vergisst, kopiere ich die Seite halt nicht mehr. Und wenn Sami zum vierten Mal entschuldigt zu spät in die Schule kommt, weil er müde ist, entschuldige ich die Verspätung eben nicht mehr (was ist das auch für ein Signal!). Wenn Ken es nicht schafft, die Lernwörter nach dem Abschreiben von mir korrigieren zu lassen (und dieses Prozedere üben wir seit Beginn des Schuljahres und ALLE anderen Kinder schaffen es), höre ich auf, mich bei den Eltern zu rechtfertigen. Wenn Juli nur haut, weil Clara “hässliche Jacke” gesagt hat, verstehe ich das auch nicht mehr. Da gibt es eine Konsequenz und “Sie hat aber angefangen” lasse ich dann auch nicht mehr gelten. Ich verstehe viel, aber alles eben nicht.

10. Einen immer glücklichen Lehrer

Ich sage nicht, wir sollen alle unsere privaten Probleme mit in den Klassenraum nehmen und/oder unsere schlechte Laune an den Schülern auslassen. Ich sage aber: wir sind Menschen. Wir haben alle Sorgen und Probleme und wir haben auch mal schlechte Laune. Ich schaffe es meist, diese zu vergessen, weil ziemlich schnell irgendetwas Lustiges, Süßes oder Bemerkenswertes passiert in unserem Job.

Aber es gibt eben auch die Tage, an denen alles schief läuft. Der Hals kratzt, du hast noch eine Vertretungsstunde reinbekommen, eine böse Eltermail erhalten, musstest in deiner einzigen Pause einen Streit klären und wieder fehlen zwei Bleistifte. Da kann einmal schon mal der Kragen platzen. Dann reagiert man schon mal unverhältnismäßig aufbrausend oder emotional. Manchmal schreit man. Manchmal weiß man gar nicht, warum man gerade so gereizt ist. Das ist okay! In so einem Fall sage ich den Kindern ganz offen im Sitzkreis am Ende der Stunde, dass es mir Leid tut und ich darauf achten möchte, dass es nicht wieder vorkommt. In meinem letzten Durchgang habe ich sogar ein paar mal geweint. Mal vor Stolz, mal weil ich die immer gleichen Streitigkeiten nicht mehr ertragen konnte. Und das macht uns menschlich. Die Frage ist doch, wie wir als Erwachsene dann im Nachhinein damit umgehen.

Vorsätze 2018 und was aus ihnen geworden ist…

2018 ist vorbei und es ist Zeit sich einmal anzuschauen, welche meiner Vorsätze ich in diesem Jahr erfüllen konnte.

Zu Beginn steht die Erkenntnis, dass ich mir nicht ein einziges Mal im vergangenen Jahr Gedanken über meine Vorsätze gemacht habe. Ob das nun heißt, dass ich sie deshalb automatisch nicht erfüllen konnte, werden wir sehen. Gehen wir sie der Reihe nach durch:

Mehr lächeln: Das vergangene Jahr war sehr emotional. Ich habe zum ersten Mal eine eigene vierte Klasse verabschiedet. Das hat sowohl die Kinder als auch mich viel Kraft gekostet. Ich bin aber in dieses neue Schuljahr mit viel Motivation und Elan gestartet und habe sehr, sehr viel Spaß mit den Erstis. Ich glaube, dadurch, dass ich im Unterricht gelassener und entspannter geworden bin und für mich selbst ein wenig den Druck herausgenommen habe, lächle ich sicher auch häufiger. Manchmal merke ich noch, dass mich bestimmte Situationen schnell stressen- dann muss ich mich bewusst aufs Lächeln konzentrieren oder die Kids erinnern mich daran.

Weniger über Kleinigkeiten ärgern: Ich habe mich in diesem Jahr viel geärgert, allerdings weniger über die Kiddies, als über manch eine Situation im Kollegium. Am Ende sind es meist nur Kleinigkeiten, doch viele Kleinigkeiten ergeben…hach, ihr kennt das. Es hilft, wenn man nette Kollegen, Schüler und Eltern hat, um sich immer wieder daran zu erinnern, wofür man die Arbeit macht und warum man dafür brennt. Den Blog mit Inhalt zu führen, hilft übrigens auch, um sich ein bisschen Ballast von der Seele zu schreiben.

Fokus auf das Positive legen: Ein Großteil meiner Viertklässler ist auf unserer Schule geblieben und ich weiß, dass ein Großteil meine Teampartnerin Frau Radieschen und ich dazu beigetragen haben. Das allein hat so eine große Bedeutung für junge Schulen, wie unsere es ist.

Beim Schreiben der Zeugnisse ist mir auch aufgefallen, dass ich mittlerweile noch stärker stärkerorientiert bewerte und die Schüler so auch behandle. Intuitiv. Noch nicht immer. Aber ich bin zufrienden.

Mehr Fachliteratur lesen: 

Punished by Rewards von Alfie Kohn

Offener Unterricht heute von Diemut Kucharz und Thorsten Bohl (aus: Basisbibliothek für Lehrer)

Prüfen und bewerten im offenen Unterricht von Thorsten Bohl (aus: Basiswissen Referendariat.

Ja, ich habe keines davon gelesen. Keines! Kein einziges!

Eltern häufiger anrufen: Check! Es ist einfach der kürzere Weg. Anrufen ist so weit außerhalb meiner Komfortzone, dass man von Außen sagen könnte, dass ich mich anstelle. Ist wahrscheinlich auch so. Aber für mich sind Emails einfach der schnellere Weg und mit dem eigenen PC vor der Nase ist es so einfach. Schriftlich war ich schon immer stärker als mündlich. Aber wir haben regelmäßige Anrufe bei den Eltern ohne Anlass als Struktur bei uns eingeführt und es ist überraschend. Die Eltern fühlen sich gehört, öffnen sich und ich selbst bin danach ganz beschwingt. Weiter so!

Mehr von den Materialien der Kollegen profitieren: Danke, liebe Kollegen, dass ihr diese tollen Materialien erstellt und teilt.

Unterrichtsideen schneller umsetzen: Das gelingt mir gut bei Spielen, Methoden und sonstigen Ideen, mit denen ich mich voll identifizieren kann. Das Buch 33 Fresh Ups möchte ich dabei zum zweihunderttausendsten Mal nicht unerwähnt lassen.

Etwas, was ich definitiv erst in 2018 über mich gelernt habe, ist, dass ich selbst ziemlich gut darin bin, Materialien zusammenzustellen (ich schreibe bewusst nicht “herzustellen”), mich der jeweils vorherschenden Situation im Klassenraum anzupassen und mit wenig Show und wenig Zauberhut tollen Unterricht zu machen. Routinen, Rituale und feste Abläufe sind die Halbe Miete bei der Unterrichtsplanung.

Tja, was lerne ich daraus?

Ich habe für dieses Jahr keine neuen Vorsätze gefasst. Alles, was ich möchte, ist, dass ich meinen Job mit all meinen Stärken ausführen kann. Ich möchte konstruktive Kritik hören, reflektieren und daran wachsen. Ich möchte nicht mein ganzes Privatleben nach meinem Job richten, aber ich möchte all mein Herz darein legen, wenn ich in der Schule und mit den Kindern bin. Am Ende des Tages ist es den Kindern egal, wo das Arbeitsblatt herkommt. Es ist ihnen egal, in wievielen Jahrgängen zuvor es schon die gleichen Rituale gab. Wirklich wichtig ist doch, dass die Kinder sich am Ende der Ferien auf die Schule freuen und gerne dorthin gehen. Und wenn man das schafft, dann macht man schon so vieles richtig und Vorsätze braucht man dann wirklich nicht mehr.

Schaden Kindergärten deinem Kind?

Die Meinung einer Lehrerin

Auf Facebook und Instagram werden mir immer wieder Beiträge von Eltern angezeigt, die ihre Kinder „bedürfnisorientiert“ erziehen. Besondere Themen scheinen in dem Bereich das „Langzeitstillen“ und die nicht gewollte „Fremdbetreuung“ durch Kindergärten o.ä. zu sein. Zu beiden Punkten habe ich eine eigene Meinung. Da ich aber selbst keine Mutter bin und mich auch keiner nach meiner Meinung gefragt hat, werde ich mich zu dem Thema „Langzeitstillen“ hier nicht äußern. Zu dem Thema „Fremdbetreuung“ kann ich aus meiner Perspektive als Lehrerin aber schon etwas sagen. Ich weiß, dass sich die Gemüter daran spalten und ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis auch (potenzielle) Mütter habe, die meine Meinung nicht oder nicht vollkommen teilen werden, Wenn du also jetzt schon weißt, dass dich dieser Beitrag triggern wird und du es ganz und gar nicht aushalten kannst, gegebenenfalls auch eine andere Meinung dazu zu lesen, spar dir die Zeit und lies lieber etwas anderes! Dieser Artikel richtet sich gegen niemanden und gegen keine Meinung. Ich möchte einfach nur meinen Standpunkt auf Grund meiner eigenen Erfahrung deutlich machen.

boy child childhood happiness
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In einem Punkt bin ich mir wohl mit den meisten Eltern dieser Welt einig: die Beziehung und die Bindung ist das A und O wenn es um die Erziehung geht (das gilt für Lehrer und Schüler im gleichen Maße). Daher möchte ich den Wunsch danach, eine möglichst starke Bindung zu dem Kind zu haben (Lorelay und Rory Gilmore sind für meine Generation das Paradebeispiel dafür- zumindest bis Rory mit Anfang 30 immer noch ohne festes Einkommen zu ihrer Mutter zurückkehrt- aber das ist ein anderes Thema) auf keinen Fall schlechtreden. In vielen Berichten von Eltern allerdings – egal ob in den sozialen Medien oder in Zeitschriften – lese ich ganz oft „ich“ beziehungsweise „wir“, wobei sich letzteres fast immer ausschließlich auf die Eltern bezieht. Außerdem auffällig ist die häufige Verwendung des Wortes „würde“ im Zusammenhang mit „ich befürchte“. Mir stellt sich hier also zuallererst einmal die Frage: Um wessen Bedürfnisse (bzw. Ängste) geht es denn hier überhaupt? Häufig, so scheint es mir, geht es hier zu allererst um die Bedürfnisse der Eltern, häufig die der Mütter. Man kann online etliche Punkte finden, die gegen eine Fremdbetreuung in Kindergärten sprechen.

Gehen wir ein paar häufig genannte Argumente mal der Reihe nach durch, wobei ich beim Schreiben an ein drei- oder vierjähriges Kind denke, nicht an ein Neugeborenes:

Ich möchte dabei sein, wenn mein Kind Fortschritte macht

Erst einmal: Das ist DEIN Bedürfnis und dein gutes Recht, denn du hast dich entschieden, ein Kind in die Welt zu setzen. Aber dann hör doch bitte sofort auf so zu tun, als ginge es hier um die Bedürfnisse des Kindes. Dein Kind wird sich entwickeln und Fortschritte machen, egal ob es den ganzen Tag bei Mami ist, im Kindergarten oder bei der Tagesmutter. Und es wird mit seinen Entwicklungsschritten nicht darauf warten, bis du, gemütlich bei einer Tasse Kamillentee daneben sitzt und diese Situation visuell inhalieren kannst. Im Umkehrschluss heißt es aber auch: Das Kind wird sich nicht absichtlich nur noch in der KiTa entwickeln. Du wirst genug mitbekommen und viele Aufgaben liegen sowieso weiterhin in der Familie. Aber: Schon mal daran gedacht, dass das Kind woanders Dinge lernt, die du nicht unbedingt bieten kannst? Dazu später mehr…

Mein Kind soll sich nicht anstellen müssen, um etwas erzählen zu dürfen

Es ist toll, dass dein Kind das Gefühl bekommen soll, dass seine Geschichten, Erlebnisse und Berichte wertgeschätzt werden. Aber im Ernst: Bei dir darf das Kind immer lossabbeln und du kannst immer angemessen darauf eingehen und Nachfragen stellen, egal ob du gerade telefonierst, an der Kasse bezahlst oder versuchst, in die kleinste Parklücke der Welt rückwärts einzuparken? Nein? Na, guck an! Es ist für ein Kind wichtig Wertschätzung zu erfahren aber ebenso zu lernen, dass sich die Welt nicht immer nur um das Kind dreht und, dass es manchmal abwarten muss. Ich propagiere hier nicht, dass man sein Kind ignorieren oder unaushaltbar lange hinhalten soll, ich meine nur: Alles hat seine Zeit und so auch das Erzählen von Geschichten und manchmal gehen eben andere Dinge vor. Und zu unterstellen, andere können die verbalen Ergüsse deines Kindes nicht so wertschätzen, wie es es verdient hat, ist, mit verlaub, eine ziemlich arrogante Haltung.

Mein Kind soll meine Werte und nicht die anderer Menschen vermittelt bekommen

Lese ich da zweimal im gleichen Satz „mein“? Ja, in der Tat! Ein Vorschlag: Wie wäre es denn, wenn du deine Werte vermittelst, dein Kind aber gleichzeitig noch andere Werte vermittelt bekommt? Z.B. darüber, wie man sich in einer Gruppe mit gleichaltrigen verhält oder darüber, dass man andere Kinder nicht haut, weil es deinem Kind das Sandförmchen weggenommen hat? Probiere es mal aus und ich verspreche dir, dass es nicht verlernen wird, dass es mit Messer und Gabel essen soll (wenn das bei euch ein Wert ist), man „Bitte“ und „Danke“ sagt und man keine Schimpfwörter benutzt (Okay, okay, ich gebe zu, dafür lege ich meine Hand nicht ins Feuer. Das lernen Kinder häufig tatsächlich in der Fremdbetreuung aber mal im Ernst: Macht das ein gutes Kind zu einem schlechten Menschen? Ewig können wir „scheiße“ und „fuck“ eh nicht vor unseren Sprösslingen geheim halten.)

Warum soll ich mein Langschläferkind zwingen, um 7:30Uhr aufzustehen und müde in den Tag zu starten?

Ausschlafen ist schön oder? Das möchte ich auch und für die Selbstbetreuer-Mamis ist das so ein praktisches Argument. Möchtest  nicht eigentlich du ausschlafen? Hast du dein Kind mal gefragt, ob es auch bereit wäre, früher aufzustehen, wenn es dann den Vormittag über mit anderen Kindern spielen darf? Wenn ja, und die Antwort nein lautete: alles klar, akzeptiere ich!

Es muss nicht erst seinen Platz in der Gruppe finden- bei uns in der Familie hat es den

Schon mal von „Rasenmäher-Eltern“ gehört? Das sind die neuen Helikopter-Eltern. Der Begriff kommt daher, dass sie ihren Kindern jedes Hindernis aus dem Weg mähen- zum Beispiel die Schwierigkeit, sich in eine Gruppe einzugliedern. Aber auch in der Familie muss(te) sich das Kind seinen Platz suchen. Und, jetzt folgt eine riesige Überraschung: das gleiche gilt für Spielgruppen, das Kinderturnen und –Trommelwirbel – die Schule.

In der Regel erkennen Lehrer, ob ein Kind im Kindergarten war und in der Regel auch, wie lange. Denn ganz viele Fähigkeiten werden dort vermittelt, die das eigene Zuhause nur bedingt vermitteln kann und über die die Kinder bei Schulantritt verfügen sollten*:

  • Sich in eine Gruppe eingliedern (Familie ist Gruppe, aber eben eine mit festen, fast unbeweglichen Strukturen)
  • Verantwortung übernehmen (das Bild von der kleinen Kira zerstört: entschuldige dich! Dem Kuschelhasen das Ohr abgerissen: Geh zu der Erzieherin und erzähl ihr davon!)
  • Kompromisse finden und annehmen (klappt schon mal nicht, wenn dem Kind zu Hause alle Bedürfnisse erfüllt werden)
  • Kann Regeln einer Gruppe akzeptieren, die für alle gelten (für Mama und Papa gelten nämlich andere…)
  • Geduld und Impulskontrolle (Darf es alle Türchen des Adventskalenders sofort aufreißen oder macht es das heimlich?)
  • Selbstvertrauen (nicht zu verwechseln mit Egoismus)
  • Umgang mit Niederlagen (mein Lieblingsthema…hach!)
  • Kann auf Bedürfnisse anderer eingehen und ggf. eigene Bedürfnisse zurückstellen (Warum sollte es das tun? Weil keiner ein egozentrisches Kind großziehen möchte!)
  • Das Kind kann einen Stift richtig halten (Achja, das war auch ein Argument: Das kann das Kind in einer 1zu1-Betreuung viel besser lernen, als im Kindergarten, wo der Betreuungsschlüssel zu gering ist. Kein Erzieher, liebe Mutti, wird dich davon abhalten, mit deinem Kind zu Hause die Stifthaltung zu üben…im Gegenteil.)
  • Angefangenes zu Ende bringen
  • Das Kind kann mit anderen Kindern (!!!) Aufgaben lösen

Es gibt viele weitere Punkte, die ein Kind sicher zu Hause ebenso gut erlernen kann, wie auch in einer Fremdbetreuung. Manche müssen sogar zu Hause erlernt werden: Schuhe binden, Knöpfe schließen, Fahrradfahren, schwimmen, … ich könnte die Liste unendlich lange fortsetzen.

Ich frage an dieser Stelle noch einmal: Haben die meisten Mütter, die sich gegen eine Fremdbetreuung entscheiden, nicht eigentlich vor etwas Angst, vor dem sie keine Angst haben müssten? Vor dem Loslassen, vielleicht. Aber was soll sonst noch passieren? Ernsthaft! Inwiefern soll es dem Kind schaden, in den Kindergarten zu gehen?

Es gibt immer Kinder, für die Kindergärten bestimmt nicht die Lösung sind. Es gibt ebenso Kinder, für die Schule nicht das Richtige ist. Aber das sind meist doch nicht die Kinder, deren Eltern sich entscheiden, es so lange wie möglich zu Hause zu betreuen. Diese Entscheidung fällt, bevor das festgestellt werden kann. Denn, wenn sie es nicht versucht haben, können sie nicht wissen, ob es dem Kind schadet oder nicht sogar gut tut.

Ich selbst bin vor meinem ersten Geburtstag bei einer Tagesmutter gewesen. Das ging nicht gut (meine Eltern meinten, ich habe mit meinem Kopf immer gegen die Heizung geschlagen, weil ich so unglücklich war. Das erklärt eine Menge…). Daraufhin hat meine Mama ihren Job gekündigt und ich ging ab dem vierten Lebensjahr in die KiTa. Problemlos. Keine Heizungsschäden, keine Kopfschäden -zumindest äußerlich. Und nichts von dem, was ich mir in meiner Kindheit anders gewünscht hätte, hat etwas mit dem Kindergarten zu tun. Hätte meine Mama mich gefragt, ob ich in den Kindergarten möchte oder den ganzen Tag mit ihr spielen, hätte ich am Anfang vielleicht letzteres gewählt, weil ich nichts anderes kannte. Die Angst vor Unbekanntem ist natürlich. Nach einiger Zeit hätte ich mich auf jeden Fall für den Kindergarten entschieden, denn wie toll ist bitte eine Umgebung, die nur für Kinder geschaffen ist, in der es Menschen gibt, die damit Geld verdienen, sich um Kinder zu kümmern und nicht nebenbei noch bügeln oder mit dem Ehepartner streiten müssen? Wie toll ist es, aus einer Gruppe von kleinen Menschen wählen zu können, mit wem ich heute spiele und was ich heute spiele? Wie toll ist es, mir meine beste Freundin selbst zu suchen und nicht die Tochter von Mamas bester Freundin als diese bezeichnen zu müssen? Wie schön ist es, Dinge zu erfahren und Wörter zu lernen, die außerhalb dessen liegen, was meine eigene Familie kennt? Wie schön ist es, von Gleichaltrigen zu lernen- auf ganz natürliche Weise durch Abgucken und Imitieren? Wie toll ist es denn, heimlich ein Geschenk für Mama und Papa zu basteln und ihnen das an Weihnachten zu geben und die Freude in deren Augen zu lesen? Da kann das Kind stolz drauf sein, denn es braucht die Hilfe von Mama und Papa immer weniger. Und wie toll ist es dann bitte, wenn Mama und Papa sich dann in der Freizeit und an den Wochenenden auch noch um das Kind kümmern, es Wertschätzung erfahren lassen, Werte vermitteln, spielen, basteln, malen? Kann es eine schönere Kindheit geben? Ich glaube, nicht!

 

Quellen :
Huffington Post: Meine 10 Gründe, warum ich meine Kinder nicht in den Kindergarten schicke
Merkur.de: Vier Gründe, weshalb mein Kind schon früh in die Kita sollte
Süddeutsche Zeitung (17.5.2010): Bindungsgestört oder sozialkompetent?
Diverse Instagram-Profile und vor einiger Zeit gelesene Facebook-Beiträge
Meine Erfahrung